Reederei-Personalerin beharrt auf Werten

Harte Branche

Tanja Birkner

Leute einfach rausschmeißen, ganze Nationalitäten? Nicht mit ihr, der Reederei-Personalerin

Tanja W., 46:

Eigentlich bin ich Sozialpädagogin. Aber meine Arbeit schien mir so vergeblich. Ich arbeitete mit Kindern aus einer Hochhaussiedlung. Sie lernten bei uns, nicht zu schlagen, sondern zu reden. Und die Eltern machten alles wieder kaputt. Damit kam ich nicht klar, ich hatte Alpträume.

Damals hatte ich einen Freund, der in der Ausbildung zum ­Kapitän war. In den Ferien fuhr ich auf den Schiffen mit. So bin ich in die Handelsschifffahrt reingerutscht. Erst machte ich für eine Reederei den technischen Einkauf, dann ging ich ins ­„Crewing“ – ich hatte also die Leitung fürs Seepersonal. Zuletzt bei einem Reeder für Container. Mein Chef hatte Werte, die ich gut fand: Er wollte das Trainingsbudget für die Seeleute ver­doppeln und sie langfristig binden.

Deutsche Seeleute raus, äthiopische rein?

Aber dann kamen neue Geschäftsführer. Es ging nur noch um ­Kostenreduzierung. Ich sollte ausrechnen, was es kostete, deutsche und osteuropäische Offiziere rauszuschmeißen und zum Beispiel durch Äthiopier zu ersetzen. Einer der Finanzchefs hatte beim Golfen einen Marketingmann kennengelernt. Die Liberia-Flagge, ein Billigflaggenregister und letztlich ein Unternehmen, hatte im küstenlosen Äthiopien ein Trainingszentrum und eine Personalvermittlung aufgemacht und schulte nun junge äthiopische Ingenieure für die Seefahrt. Der Marketingmensch sagte, der Reeder profitiere, auch wegen der niedrigen Personalkosten, und für das Land sei es so was wie Entwicklungshilfe. Man könne sich die Schule in Äthiopien – natürlich kostenlos – gern mal anschauen.

Ich fand vieles daran undurchsichtig und fragwürdig. Eine Reederei hat, finde ich, mehr davon, wenn sie fair und transparent bezahlt, denn dann bleiben die Leute. Sie kennen die Schiffe, die Prozeduren, die Software an Bord, es gibt weniger Unfälle.

Ich kündigte und überlegte ernsthaft, zurück zur Sozialarbeit zu gehen. Aber dann rief eine Headhunterin an, eine Bekannte, die suchte für eine Reederei mit Massengutfrachtern jemanden für Strategie, Führung und Prozesse. Ich sagte ihr: Sag denen ab, denn ich werde nirgendwo mehr anfangen, wo Seeleute wegen ihres Preises einfach rausgeschmissen werden.

Ich mische mich in der Firma ein, auch wenn es nicht mein Bereich ist

Die wollten mich trotzdem kennenlernen. Ich weiß, dass ich in jedem Job arbeiten kann, dass ich strukturiert bin und Lösungen erarbeiten kann. Entsprechend klar trat ich auf. Wenn ich bei Ihnen anfange, sagte ich zu dem jungen Geschäftsführer und Eigentümer, dann arbeite ich mit den Seeleuten, die Sie haben, wir tauschen keine Nationalitäten aus, und ich stelle keine Äthiopier ein; ich will Transparenz für jeden in der Firma – was in der Firma passiert, was das für Auswirkungen hat; wenn ich denke, etwas läuft nicht gut, auch in Ihrem Sinne nicht gut, dann werde ich mich einmischen, auch wenn es nicht mein Bereich ist.

Der Geschäftsführer sagte, er sei beeindruckt. Und ich: Ich will nur, dass Sie wissen, was Sie erwartet, wenn Sie mich einstellen. Ja, sagte er, das passt. Auch er bekam irgendwann eine Einladung nach Äthiopien. Er sagte: Erinnern Sie mich noch mal, warum wir da nicht hinfliegen? Ach so, ja, stimmt, nein, dann machen wir das nicht.

Auch wir haben Schiffe unter Liberia-Flagge fahren

Natürlich gibt es Grenzen: Auch wir haben viele Schiffe unter Liberia-Flagge fahren. Und bei uns fahren auch keine deutschen Seeleute. Aber ich habe einen Handlungsspielraum und den nutze ich. Derzeit haben wir bei den Mannschaftsgraden überwiegend Filipinos und bei den Kapitänen und Ingenieuren viele Ukrainer. Ich möchte gern wieder mehr EU-Europäer reinholen.

Ja, ich will immer noch gern die Welt verbessern und Werte wie Respekt und soziale Verantwortung in anderen Köpfen verankern, und das geht nicht so wie erhofft. Aber ein bisschen geht doch. Gerade führe ich mit den fast 100 Kapitänen und leitenden Ingenieuren Personalgespräche, damit sie lernen: Wie beurteile ich Menschen fair? Wie formuliere ich Erwartungen?

Ich bin so was von glücklich in dieser Firma! Die hatten einem russischen Kapitän, der seit einer verunglückten Rettungsübung querschnittgelähmt ist, einen Bürojob bei uns in der Reederei besorgt. Normal wäre in so einem Fall, dass man rund 80 000 Dollar an den Seemann als Abfindung zahlt, dann kann der zusehen, wie er klarkommt. Jetzt aber hat er eine Aufgabe.

Protokoll: Christine Holch

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Lesermeinungen

Zitat aus dem Artikel: "Ich bin so was von glücklich in dieser Firma!". Da trifft sich doch alles prächtig. Auch die Firma ist offenbar so was von glücklich mit der leitenden Angestellten, sonst hätte man sie nicht angeheuert. Und worauf beruht jetzt der allseitige Glückstaumel in der Führungsetage? Da wird erfreulicherweise kein Geheimnis daraus gemacht. Lohnkosten sind Unkosten, die zu minimieren sind. Dabei darf man sich allerdings nicht blöd anstellen. Billigseeleute durch noch billigere Seeleute zu ersetzen, kann ganz schön teuer werden, wenn die erst neu angelernt werden müssen, in einem Jahr wieder weg sind oder gar den teuren Kahn auf Grund setzen. In den Worten der Reederei-Personalerin: ".....denn dann bleiben die Leute. Sie kennen die Schiffe, die Prozeduren, die Software an Bord, es gibt weniger Unfälle."_______________________________________
Zu den Aufgaben der Führungskräfte eines jeden Unternehmens, keineswegs nur sogenannter harter Branchen, gehört es, hier genau zu überlegen, wie der durch die marktwirtschaftliche Konkurrenz vorgegebene Zwang zur Unkostenminimierung optimal für das Betriebsergebnis umzusetzen ist. Also je nach Kalkulation die vorhandenen zweibeinigen Unkostenfaktoren zu behalten oder durch noch billigere zu ersetzen. Wie die Billiglöhner, die nicht rausgeschmissen werden, oder die Billigstlöhner, die keinen Job ergattern, damit jeweils klar kommen, ist deren Bier._____________________________________________
Ganz zutreffend ist es, dieses alltägliche marktwirtschaftliche Treiben mit seinen erfreulichen Ergebnissen für das Kapitalwachstum und seinen widerwärtigen Folgen für die gewöhnlichen Zweibeiner dann auch noch stolz und sturzzufrieden unter der moralischen Habenseite zu verbuchen: "Ja, ich will immer noch gern die Welt verbessern und Werte wie Respekt und soziale Verantwortung in anderen Köpfen verankern". Ganz richtig, dafür ist die Weltverbesserei und das Hochhalten von Werten wie Respekt und sozialer Verantwortung da: Das Geschäft muss brummen und das Fußvolk kann schauen, wie es über die Runden kommt.

Wieder eine großartige Ausgabe mit Artikeln, die Themen aufgreifen, über die man sonst nur als Eingeweihter etwas weiß (- wie im letzten Heft der Artikel über das Brot). Diesmal hat es mir das "Interview" über die Verhältnisse in der Schifffahrt angetan. Selten liest man mit solcher Deutlichkeit, wie die viel beschworene "Schifffahrtskrise" dazu führt, dass die Ressource "menschliche Arbeit" immer billiger werden muss. Die meisten Veröffentlichungen zu diesem Thema behandeln die Arbeit der Gewerkschaft (ITF) bzw. ihrer Inspektoren und sind deshalb einseitig, oft werden Extremfälle geschildert und man denkt: "So schlimm kann es bei den deutschen Reedern nicht sein". Ein Interview mit jemandem, der auf der Arbeitgeberseite, bei einer deutschen Reederei, für das Personal (Crewing) verantwortlich ist UND die Dinge nicht beschönigt, hat Seltenheitswert.

Was Sie nicht erwähnen: Die Filipinos sind durch die nationale Gesetzgebung und Gewerkschaften in ihrem Heimatland relativ gut geschützt, also teuer, die Äthiopier vermutlich nicht. Da liegt der Hase im Pfeffer. Und es gibt auf der Welt noch viele "Äthiopien"! Immerhin sind durch die Maritime Labour Convention 2006 (MLC 2006), die im letzten Jahr in Kraft getreten ist, weltweit Mindeststandards für die Beschäftigung von Seeleuten definiert, so dass diese nicht völlig rechtlos sind. Aber ob die  MLC 2006-Standards überall eingehalten werden? Der weltweite Druck billiger zu produzieren zwingt dazu, auch bei den Seeleuten die Kosten zu drücken. Die "Armen" dieser Welt sind schon zu teuer, jetzt geht es an die Ärmsten. In unserem Land, in dem Milch und Honig fließen und viele glauben, dass wir uns einen Mindestlohn von € 8,50 pro Stunde leisten können, kriegt das ja kaum jemand mit! Wir wundern uns nur, dass von allen Seiten die Armen in unser Land drängen…

Wilfried Becker