Sonia Sotomayor über Freude am Leben und Gott

"Gerade wenn du wütend bist, musst du dich in den anderen einfühlen"

Dirk von Nayhauß

Sonia Sotomayor, Richterin am obersten Gericht der USA, über den Drang, das Leben zu genießen. Über Gott.


In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?
Ich bin am glücklichsten, wenn ich lache. Lachen löst jede ­Spannung und Verstimmung auf. Wenn du mit Freunden lachen und ihre Momente des Glücks teilen kannst, dann bist du selbst glücklich. Früher war das bei mir anders. Meine Kindheit war traurig. Wir hatten sehr wenig Geld, mein Vater war Alkoholiker.
Er starb kurz vor meinem neunten Geburtstag. Es hat einen ­guten Teil meines Lebens gekostet, um zu realisieren, dass ich sehr zurückgezogen lebte und gegenüber anderen sehr verschlossen war. Ich begann, aus mir herauszukommen, ich verstand, wie wichtig es ist, dass wir einander berühren. Und so habe ich alle Kinder in meinem Leben gebeten, mich zu umarmen, wenn sie mich ­sehen. Diese Kinder sind heute längst erwachsen, aber noch heute drücken sie mich fest, wenn wir uns sehen. 
 

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?
In Situationen, die extrem anstrengend sind und herausfordernd, wende ich mich an Gott und sage: Bitte, hilf mir! Ich habe seit ­meiner Kindheit Diabetes, kann ohne meine Insulinspritzen nicht leben. Ich überwache meine Werte sehr sorgfältig, und dennoch gab es Situationen, die hätten schiefgehen können. Ich wurde immer gerettet. In solchen Momenten habe ich das Gefühl, dass es einen Gott gibt. Etwas, das größer ist als wir, und das mir hilft. Gott enttäuscht mich nicht – weil ich nicht glaube, dass er alles kontrolliert. Er hat uns die freie Wahl gelassen. Ich könnte ihm vorwerfen, dass ich Diabetes habe, aber das wäre überflüssig. Mein Gott ist ein barmherziger, ein verzeihender Gott. Er geht sicher davon aus, dass wir gelegentlich scheitern – schließlich hat er uns so gemacht. 


Hat das Leben einen Sinn?
Ja! Er besteht darin zu lernen, wie man das Leben teilen kann. Das Beste zu machen aus einer Welt, die schwierig und kompliziert ist. Sie versorgt uns mit Nahrung, Wasser, einem Obdach. Aber sie kann auch rau sein. Und um sich in der Welt zurechtzufinden, musst du dieses Unternehmen mit anderen teilen. Deshalb bin ich auch Juristin geworden. Da geht es ja darum, die Beziehungen zwischen Menschen zu verbessern, Strukturen zu verbessern.


Muss man den Tod fürchten?
Früher war ich mir sicher, ich könnte nur vielleicht 40 Jahre alt werden, jetzt bin ich schon 60 und fühle mich sehr gut. Ich fürchte den Tod nicht. Und das Positive an meiner Krankheit ist, dass ich dadurch alles schnell gemacht habe. Dieses Gefühl, dieser Drang, jeden Tag des Lebens zu genießen, hat mich nie verlassen. Ich versuche, jeden Tag zu nutzen. Ich packe meine Tage voll und mache, so viel ich nur kann.


Welchen Traum möchten Sie sich noch unbedingt erfüllen?
Ich möchte als Person wachsen, eine bessere Freundin werden. Die anderen Träume haben sich erfüllt. Schon als Kind wollte ich Richterin werden – und ich bin viel weiter gekommen, als ich es mir je erträumt habe. Es ist extrem unwahrscheinlich, dass man es bis an den Supreme Court schafft. Er besteht aus neun Richtern, die auf Lebenszeit ernannt werden. Aber ich arbeite immer noch daran, dieses neue Leben auszubalancieren. Ich möchte meine Bürde als Richterin niemals vergessen, aber ­etwas leichter nehmen können. Ich denke dauernd an die Fälle, die wir verhandeln, im Hintergrund sind sie immer präsent. Bevor ich am Supreme Court anfing, war da immer noch eine nächste Instanz, die die schlimmsten Fehler korrigieren könnte. Das gibt eine Freiheit, die ich nun nicht mehr habe.


Warum ist es so schwierig, einander zu vergeben?
Wegen der Verletzungen. Nur Menschen, die wir lieben, können uns verletzen; und diese Verletzungen fühlen sich an wie ein Verrat. Wenn du dich aber in den anderen hineinversetzt, wenn du seine Sicht der Dinge verstehst, dann hast du eine Chance, deine eigene Verletzung weniger stark zu empfinden. Natürlich ist es sehr schwierig, sich in einen anderen einzufühlen, wenn man gerade wütend ist, aber das ist die Herausforderung! Die verletzlichste Beziehung im Leben ist sicher jene zwischen Eltern und Kindern. Es dauerte sehr lange, bis ich begriff, dass ich meiner Mutter eine Chance geben musste, mir die Ver­letzungen zu erklären, die ich empfunden habe. Als ich mein Buch schrieb, war sie erstaunt, an wie viele Details aus meiner Kindheit ich mich noch erinnern konnte. Sie sagte, dass sie gehofft hatte, ich hätte sie vergessen.

Sonia Sotomayor

Sonia Sotomayor, geboren 1954, ist Richterin am obersten Gericht der USA. Sotomayor wuchs im New Yorker Stadtteil Bronx auf. Sie studierte an den Eliteuniversitäten Princeton und Yale, war Staatsanwältin und Anwältin in New York und begann 1992 ihre Karriere als Richterin. 2009 trat Sonia Sotomayor als eine von neun Richtern ihr Amt am Supreme Court an. Sie lebt in Washington. Ihre Autobiografie „Meine geliebte Welt“ ist bei C. H. Beck erschienen und auch er­hältlich über chrismonshop.de.

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Lesermeinungen

Des Interview mit der Richterin am obersten Gericht der USA habe ich mit großem Interesse gelesen. Zweifellos eine interessante Frau, die eine beeindruckende Karriere gemacht hat. Als Mitglied im Supreme Court ist Frau Sotomayor für Fragen der Zulässigkeit der Todesstrafe und für Begnadigungen mitunter zuständig. Bei Ihrem Interview mit dieser Frau wären Fragen zur Todesstrafe in den USA sehr interessant gewesen. Welch ein Gott in der Vorstellung dieser Richterin ist es, der eine Todesstrafe zulässt? Fürchtet ein Todeskandidat in den zahlreichen Gefängnissen den Tod? Warum ist es so schwierig auch Verbrechern zu vergeben?
Da sind sie Herr von Nayhauß uns Lesern die Fragen schuldig und Frau Sotomayor die Antworten erspart geblieben - schade.

Freundliche Grüße

Dr. Thomas Siegel