Gefundene Raubkunst: Was bedeutet das für Erben?

"Das hätte schneller gehen müssen"

Foto: by-studio

Kunstwerke von Pablo Picasso, Henri Matisse, Paul Klee – es hieß, sie seien verbrannt im Zweiten Weltkrieg. Und dann, Anfang 2012, wurden bei Cornelius Gurlitt, 80, Sohn eines NS-Kunsthändlers, über 1400 verloren geglaubte ­Bilder gefunden; zum Teil ver­mutlich von jüdischen Familien geraubt. Das erfuhr die Öffentlichkeit vor wenigen Wochen.
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Raubkunst – was genau ist das?

Elisabeth Gallas: Es gehört die sogenannte entartete Kunst dazu, Werke von Otto Dix, Franz Marc oder Emil Nolde, die die Nationalsozialisten aus ideologischen Gründen aus deutschen Museen entfernten. Die Nazis beschlagnahmten aber auch Kunstsammlungen von Juden, plünder­ten deren Wohnungen. Oder sie pressten ihnen zu Spottpreisen Kunstwerke ab.

Hauptsache wertvoll?

Bereicherung und Habgier spielten eine große Rolle. Aber die Nazis konfiszierten auch jüdische Ritualgegenstände – Leuchter, Thorarollen, Bücher.

Welches Ziel verfolgten sie?

Sie wollten das kulturelle Erbe und die gesamte Erinnerungslandschaft der Juden zerstören. Das war Teil des Vernichtungsfeldzugs.

Da taucht fast 70 Jahre nach Kriegsende diese Gurlitt-Samm­lung auf. Und die Er­mittler schweigen fast zwei Jahre . . .

Sicher muss sich die Staatsanwaltschaft einen Überblick verschaffen. Aber das hätte schneller gehen müssen. Ich bin froh über diese Aufmerksamkeit!

Was bedeutet das für die jüdischen Erben?

Manche sind seit Jahrzehnten damit beschäftigt, ihre Bilder zu finden. So viel Kunst gilt als verschollen. Aber wenn etwas auftaucht, ist es schwer nachzuweisen, was einem einmal gehörte.
 
Erwarten Sie noch mehr Funde von Raubkunst?

In deutschen Wohnungen und Museen müssen Unmengen von Bildern lagern! Viele Museen ­weigern sich, aufzuklären, obwohl sie durch die Washingtoner Erklärung von 1998 moralisch ­dazu in der Pflicht sind. Da gibt es keinerlei Unrechtsbewusstsein. Privatleute scheinen zu denken, dass ihnen Kunstwerke rechtmäßig gehören.

Und wie ist das rechtlich?

Manche Juristen sagen, nach 30 Jahren verjährt der Anspruch auf Rückgabe. Das Stichdatum für Gurlitt war 1987. Dann würde ihm alles gehören. Aber da wird es noch viel Streit geben.

Trotz Verjährung haben immer wieder Erben Raubkunst zurückbekommen.

Ja, oder sie wurden ausbezahlt.Manchmal gab es auch Vergleiche: Ein Museum behält ein Bild, muss aber kennzeichnen, welche Geschichte damit verbunden ist. Denn oft geht es nicht um Geld, sondern um identitätsstiftende Erinnerung: So gewinnen die Menschen die Hoheit über ihre Geschichte zurück.

Dr. Elisabeth Gallas

ist Expertin für die Geschichte jüdischer Initiativen zur Rettung geraubter Kulturgüter

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