Die Uhrzeit, bitte!

Joebelanger/iStockphoto

Ein Mensch ist tot. Warum? Und seit wann? Mit neuen Methoden ermittelt ein Rechtsmediziner die Tatzeit

chrismon: Mit Ihrer Methode kann man genauer berechnen, wann jemand aus dem Fenster gesprungen ist oder umgebracht wurde. Warum ist die Todeszeitbestimmung eigentlich so schwierig?

Stefan Potente: Sie ist nicht immer schwierig – manchmal hören Nachbarn Schüsse, oder der Täter stellt sich sofort. Grundsätzlich haben aber viele Faktoren Einfluss darauf, wie sich ein Körper nach dem Tod verändert: Ob er zum Beispiel im Wasser oder in der Erde liegt und welche Temperatur die Umgebung hat. Das macht es kompliziert.

Wo setzen Sie an?

In der Frühphase ist die Körpertemperatur besonders wichtig für die Todeszeitbestimmung. Wenn jemand stirbt, kühlt sein Körper ab. Das Problem: Es ist schwer zu sagen, wie schnell das genau passiert. Ein Mann, der 120 Kilo wiegt, kühlt langsamer ab als einer mit 80 Kilo Gewicht. Wenn der 120-Kilo-Mann aber in einem Fluss lag, ist er vielleicht so schnell abgekühlt wie der 80-Kilo-Mann.

Wie haben Sie das Problem gelöst?

Es gibt Tabellen, in denen steht, wie man den Wert des Körpergewichts korrigieren muss, wenn jemand zum Beispiel unter einer Bettdecke lag. Das ist aber ungenau. Als ich im Internet zufällig gelesen habe, dass jemand Temperatur-Logger, also kleine Mess- und Speichergeräte, für sein Salzwasseraquarium benutzt, hatte ich eine Idee: Ich habe Logger bestellt und die Temperatur nicht wie üblich nur einmal bei jeder Leiche gemessen, sondern alle fünf Minuten über mehrere Stunden, in einigen Fällen sogar bis zur Obduktion.

Und dann kann man beobachten, wie die Temperatur sinkt, und zurückrechnen?

Das wäre schön, aber die Körpertemperatur sinkt nicht gleichmäßig, und man weiß auch nicht, wie hoch sie zum Todeszeitpunkt genau war. Weil man aber viele Messwerte hat, kann man das korrigierte Gewicht berechnen. Das ist viel genauer als mit der Tabelle.

Dann kennt man den Todeszeitpunkt aber immer noch nicht.

Nein, aber man kann den Wert in eine Grafik einzeichnen und den Zeitraum, in dem die Person wahrscheinlich gestorben ist, ablesen. Und man macht natürlich Tests, zum Beispiel, ob die Leiche noch Reflexe zeigt, und berücksichtigt, wann jemand zuletzt lebend gesehen wurde.

Klingt kompliziert.

Na ja, wie im platten Krimi funktioniert das natürlich nicht. Trotz genauerer Werte bleibt meistens eine Spanne von ein paar Stunden für den Todeszeitpunkt. Heikel wird es, wenn zwei Leute gestorben sind und wegen des Erbes klar sein muss, wer als Erster tot war.

Wird das in zehn Jahren einfacher sein?

Einfacher und präziser: Wir haben zum Beispiel eine Handy-App entwickelt, mit der man zumindest leichter rechnen kann. Allgemein ist aber nicht die Technik das Problem, sondern der Mangel an Rechtsmedizinern und an Fortbildungen für Polizisten und Haus­ärzte. Viele Morde werden nämlich nicht als solche erkannt – und wir nicht gerufen.

Stefan Potente

Stefan Potente, 36, ist Assistenzarzt am Institut für Rechtsmedizin der Uniklinik in Frankfurt am Main. Er befasst sich mit Todeszeitbestimmung.

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.