Der Partykönig von Lüchow

Jan Eggert organisiert Teenie-Partys, Schützenfeste und Silberhochzeiten. Ein Geschäftsbesuch in der wendländischen Provinz zwischen Dorf­schönheiten und Kräuterschnaps

Es ist vier Uhr morgens. In der Luft liegt der Geruch von Pubertätsschweiß und Maschinenöl. Normalerweise stehen hier Hebebühnen, Mechaniker schrauben an Autos rum. Jetzt schrauben Teenager-Jungs an Teenager-Mädels, die Lichtanlage blinkt zu Deephouse-Beats. Auch wenn kaum einer im Raum älter als 20 ist, könnte sich die Szene auch in einem verlassenen Industriepark einer Großstadt abspielen.

Dreißig Quadratmeter Clubkultur, wo niemand sie vermuten würde. Der Mann, der sie hierher gebracht hat, schaut skeptisch drein. „Meine Welt ist das ja nich“, sagt Jan Eggert. Er bevorzugt Schlager und war noch niemals in New York, aber anders als Udo Jürgens hat er keine Sehnsucht danach, in zerrissenen Jeans durch San Francisco zu flanieren. Er trägt eine ordentliche Anzughose und geht selbst ­lieber dorthin, wo gefällige „Air Play“-Chart-hits laufen.

Etwa einmal im Monat veranstaltet er auf den zwei Floors der „Eventhalle“, sonst eine Autowerkstatt, einen Discoabend. An allen anderen Samstagen steigt die einzige Party im Landkreis für junges Publikum in Eggerts Club „P6“ im benachbarten Dannenberg. Er ist gerade mal 30 und managt nahezu das gesamte Nachtleben in dieser  dünn besiedelten Region.

Kein Nine-to-Five-Arbeitstag

Keine Stadt der Republik ist so weit von einer Autobahnauffahrt entfernt wie Lüchow. Für junge Leute hat die Gegend wenig zu bieten, die meisten ziehen nach der Schule weg. „Wenn das Abitur nach dem 13. Schuljahr wieder eingeführt wird, ist das ein Riesenvorteil für uns“, sagt Jan Eggert. Dabei sind die Discoabende nur eine von vielen Erwerbsquellen für seine  Firma „Eggert-Entertainment“. Den größten Umsatz macht der Jungunternehmer mit Veranstaltungstechnik für Firmenevents und Dorffeste. Aber bekannt ist er vor allem als Alleinunterhalter auf privaten Festen.

 Jan Eggert hätte gerne eine große Multifunktionshalle mit unterschiedlichen Veranstaltungsmöglichkeiten
Bevor sich die Nacht über den Kreis Lüchow-Dannenberg gelegt hat, ist Jan Eggert mit seinem schwarzen Audi im Innenhof eines Landgasthauses vorgefahren. Der makellose blaue Anzug sitzt zu Beginn des Abends perfekt, formvollendet mit rot getupftem Einstecktuch. Mit dabei hat er drei Koffer, einen mit Akten, einen mit CDs, einen mit Laptop. Das Gasthaus Sültemeier befindet sich in einem großen Bauernhof mit Fachwerk und den wendlandtypischen roten Ziegelsteinen.

Jan Eggert betritt den akkurat herausgeputzten Festsaal und begrüßt den Wirt. Man kennt sich. Eggert steckt die Stromkabel ein und prüft die Kabelverbindungen. Der Wirt kommt zur Bühne und kündigt an, gleich mit ­einer Runde Boonekamp zurückzukommen, das ist der ortstypische Kräuterschnaps. Der Soundcheck geht schnell. Während hinter der Bühne die erste Runde Bier und Boonekamp fließt, tröpfeln das Ehepaar Rekittke und ihre ersten Gäste ein. Prosecco und Küsschen, C&A-Anzüge und Familientratsch, die Feier zur Silberhochzeit von Detlef und Beate nimmt langsam Form an.

Etwa sechzig Auftritte im Jahr absolviert Jan Eggert als Alleinunterhalter. Gern würde er Aufträge abtreten, um etwas mehr Zeit für seine Familie zu haben. Aber in der Provinz ist es schwer, gutes Per­sonal zu finden. Dabei hat Jan Eggert schon ­alles vororganisiert, auf einem Formblatt ist alles notiert, was für seine Party von der Stange notwendig ist. „Wir haben komplette Musiksets für die Abende vorbe­reitet, da muss sich nur einer hinstellen und auf Play drücken. Aber die Leute wollen alle einen Nine-to-Five-Arbeitstag.“

Er selbst hatte den nie. Allein an diesem Samstag hat er schon die Technik für die Bühne eines Volksfestes gemanagt und wird danach spät in der Nacht noch einmal in der Eventhalle nach dem Rechten sehen. Zeitgleich stellen seine Leute auf Veranstaltungen in Stuttgart und Berlin die Bühnentechnik. Seine Alleinunterhalter bespielen am selben Abend zwei Schützenfeste, eine Hochzeit und einen Geburtstag.

Nun steht er hinter seinem Mischpult und beobachtet die Situation genau. Er kennt überraschend wenige Gäste. Aber Jan Eggert hat gelernt, sein Publikum zu lesen. „Die Alten sind leichter zum Tanzen zu animieren.“ Heute wird es wohl nicht schwer werden, das Silberehepaar ist um die Fünfzig, wie die meisten Angehörigen. Detlef Rekittke ist ein großer muskulöser Mann mit wenigen Haaren. Einer von fünfzehn Geschwistern, braungebrannt von ­seiner Arbeit auf dem Bau. Die Rede liest er ab, spricht von seinem Trauversprechen, das er Beate für gute und schlechte Zeiten gegeben hat, „aber an schlechte kann ich mich bei dir gar nicht erinnern“. Rekittkes haben bei Jan Eggert vor allem Schlager angefordert. „Auf keinen Fall englischsprachige Musik spielen, dann läuft dat schon.“ Die Kellner tischen die Vorspeise auf – Suppenmarsch. Danach gibt es dann erst einmal Hintergrund­musik, gedimmte gesangslose Versionen von Schlagerklassikern.

Mit 18 hat sich Jan Eggert als Allein­unterhalter selbstständig gemacht. Er tingelte durch den Landkreis, seine Veran­staltungen wurden immer größer. „Ich war damals jünger und konnte gut die Leute ziehen.“ Schließlich begann er, Gasthäuser und Festhallen für seine Veranstaltungen anzumieten. Eggert-Entertainment wurde immer größer, größer als alle Mitbewerber. Vor etwa einem Jahr machte die einzige verbliebene Diskothek im Landkreis pleite. Seitdem ist Jan Eggert auch hier einge­stiegen. Man kann ihn mit Fug und Recht als Partykönig von Lüchow und Dannenberg bezeichnen.

Bei der Silberhochzeit auf dem Reiterhof beginnen jetzt die ers­ten Paare, Walzer zu tanzen. Vor der Tür steht Dieter Damaschke und raucht. Sein Sohn war im selben Schuljahrgang wie Eggert. „Was ham die Eltern nich alles auf den Kopf gestellt, um seine Karriere zu verhindern.“ Als er 2008 expandierte, in größere Bühnen investierte, wurde viel geredet, ob er sich denn damit nicht übernommen habe. Seine Mutter ist Sparkassenangestellte, sie hatte schon viele Unternehmen in die Insolvenz gehen sehen. Sein Vater ist Beamter beim Veterinäramt. Er sei ähnlich wie Jan Eggert, der heute kaum irgendwo anzuecken scheint, ein „aalglatter Typ“, erzählt Damaschke. Die Familie Eggert ist sehr auf Sicherheit bedacht, da fällt ein Unternehmer aus der Reihe, vor allem wenn das Geschäftsmodell Party heißt. Es kam anders.

Eggert gibt den leuten Trink- und Verschnaufpausen

Eggert nimmt hastig eine Mahlzeit im ­Nebenraum ein, wo im Fernsehen ein Fußballspiel beginnt. Aber dafür hat er keine Zeit. Zwar könnte er die Playlist in seinem Computer ewig weiterlaufen lassen, aber ein Alleinunterhalter muss Bühnenpräsenz zeigen. Als nach dem ausgedehnten Showprogramm die ersten Familien mit Kindern den Heimweg antreten, gewinnt das Geschehen auf der Tanzfläche mit steigendem Alkoholpegel an Fahrt. Die Paare lösen sich auf und die Bewegungen werden ausgelassener. Jetzt packt Jan Eggert die Hits aus. Als er „Atemlos durch die Nacht“ auflegt, verlassen die älteren Damen fluchtartig die Raucherecke, um zu tanzen. Der Meister selbst singt alle Lieder mit großer Textsicherheit bei geschlossenem Mikrofon mit und wippt gleichförmig mit den Beinen.

Nur die ganz jungen und die ganz alten Rekittkes sitzen bei Bier und Weinschorle weiter an den Tischen. Jan Eggerts Gespür hat ihn nicht getrogen, die Jungen sind nun mal schwerer zum Tanzen zu animieren. Die Älteren aber führt er über die Tanzfläche wie ein Marionettenspieler seine Puppen. In der Mitte steht jetzt Beate Rekittke mit fünf ihrer Schwägerinnen und findet kein Halten mehr.

 Walzerrunde nach dem Abendessen
Eine Tanzrunde dauert drei bis vier Songs. Zum Ende hin kommt immer ein besonders schmissiges Lied, „bevor wir zur Theke schreiten“. Die Leute brauchen Trink- und Verschnaufpausen und die gibt Eggert ihnen.

Für den Abschluss hat er eine besondere Idee. „Ich mag das nicht, wenn der Abend so ausklingt und die letzten vereinzelt auf der Tanzfläche stehen. Dann doch lieber ein gemeinsamer Abschluss mit Lagerfeuer. Ich würde sagen, halb drei max.“ Doch die Rekittke-Schwestern halten erstaunlich lange durch, bis Jan Eggert endlich ins Mikrofon sagt: „Wir kommen zum Lagerfeuer.“ Das besteht aus einem vierarmigen Kerzenhalter in der Mitte des Raumes.

Darum sitzen nun die Partygäste, reichen Sektflaschen herum und lauschen andächtig Eggerts Romantikrepertoire. Als letztes Lied läuft „Sierra Madre del Sur“, kurz vor dem Refrain ertönt Jan Eggerts Stimme: „Und wir singen alle mit!“ Alle singen mit.

Doch mehr Geschäftsmann als Partykönig?

Als der Wirt das Licht anmacht und Eggert dem Silberhochzeitspaar seine Rechnung präsentiert, ist es drei Uhr. Dass auf den Grundpreis von 350 Euro bis 22 Uhr einige Stunden à 45 Euro hinzugekommen sind, scheint sie nicht zu stören. Die Hochzeitgesellschaft schwärmt betrunken und glücklich nach Hause.

 Er ist gerade mal 30 und managet nahezu das gesamte Nachtleben in dieser dünn besiedelten Region
Jan Eggerts Abend ist noch nicht vorbei. Er setzt sich in seinen Audi und sieht noch einmal nach, wie die Geschäfte in der Eventhalle laufen. Sie laufen gut. Auch wenn er kein Mensch der Subkultur ist, schaut er sich die Disco gerne an. Vielleicht ist er doch mehr Geschäftsmann als Partykönig.

Gefragt nach seinem Traumclub, erzählt er nichts von guter Musik, schöner Innenausstattung und einer persönlichen Note. Er hätte gerne eine große Multifunktionshalle mit unterschiedlichen Veranstaltungsmöglichkeiten. Unter der Woche könnte man Firmenevents veranstalten und an den Wochenenden große Partys für Jugendliche. Das Interieur komplett verschiebbar, je nachdem, womit sich gerade am meisten Geld verdienen lässt.

„Natürlich müsste man dazu näher an einem Ballungsgebiet sein“, aber wer weiß, wohin es Eggert noch bringt. Zunächst plant er die Expansion seines Imperiums in den Nachbarlandkreis Uelzen.

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