Emmanuel Peterfalvi über Kultur

Der deutsche Franzose

Lutz Widmaier

Als Alfons mit dem Puschelmikrofon stellt der Franzose Emmanuel Peterfalvi heikle Fragen: "Wer ist fauler? Die Deutschen oder die Franzosen?" Die Antworten? Erschreckend ehrlich!

chrismon: Hatten Sie schon immer ein Interesse an Deutschland?

Emmanuel Peterfalvi: Nicht wirklich. Ich hatte Deutsch in der Schule, aber nur, weil ich es musste. Entsprechend waren meine Noten. Es gab in jeder Klasse ein oder zwei Mädchen, die Deutschland toll fanden. Die fanden wir merkwürdig. Statt Poster von Rockbands hatten sie Bilder aus Bayern an der Wand. Das waren die ganz Komischen. Der Rest war normal. Und das hieß damals: kein Deutschland-Fan.

Kamen deutsche Austauschschüler nach Paris, wo Sie aufgewachsen sind?

Ja, und auch ich war als Schüler in Deutschland, in Saarbrücken. Aufregend! Damals kannte meine Generation die Deutschen nur aus Komödien. Die spielten im Zweiten Weltkrieg und wurden ohne Ende wiederholt. Die Handlung war immer gleich: Alle Deutschen trugen Uniform und waren Idioten – und die Franzosen waren schlau und tricksten sie aus. Wir haben das als Kinder gern gesehen. Das war das Deutschlandbild, mit dem wir aufgewachsen sind.

Und dann kamen Sie nach Deutschland . . .

. . . und mir war natürlich klar, dass das ein sehr einfaches Bild war. Hat sich in der Realität auch nicht bestätigt. Deshalb sind Austauschprogramme so wahnsinnig wichtig. Es ist wunderbar, dass heute viele junge Franzosen ein paar Tage zum Feiern nach Berlin fahren. Aber Europa funktioniert nur, wenn viele junge Generationen lernen, woanders zu leben, zu ar­beiten, sich zu verlieben. Dann wird Europa eine Existenzberechtigung bekommen, die niemand mehr widerrufen kann. Aber das dauert, es geht um Generationen. Wir sind noch lange nicht fertig.

Sind Sie wegen der Erfahrungen aus dem Schüler­austausch später, 1991, nach Deutschland zurück?

Nein, das war Zufall. Im Ausland zu arbeiten, war eine Art, den Militärdienst in Frankreich zu umgehen. Infrage kamen Spanien, Belgien, Tunesien und Deutschland. Der Beamte, der mir gegenübersaß, entschied: "Wir nehmen Deutschland." Und ich war froh, dass ich nicht zur Armee gehen musste. Der Plan war, nach 16 Monaten wieder nach Frankreich zurückzu­kommen. Aber beim Sender "Premiere", bei dem ich damals landete, haben sie mir eine An­stellung angeboten.

Wie sehr prägen die Kriegserfahrungen das Verhältnis der Deutschen und Franzosen noch?

Viele Deutsche – auch wenn sie jung sind und natürlich keinen Krieg erlebt haben – sprechen noch immer von "wir", wenn es um die Schuld am Krieg geht: "Wir haben angefangen." Deutschland trägt ein großes Verantwortungsgefühl. Ich finde, das ist eine Frage der Dosis, und die Dosis stimmt in Deutschland. Übrigens ist die Dosis bei euch fast immer gut – außer wenn ihr Essen mit Käse überbackt. Da macht ihr immer zu viel.

Haben Kinder in Frankreich heute ein anderes Bild von Deutschland als Sie früher?

Sicher! Viele Franzosen sehen Deutschland als moderne Demokratie, die besser funktioniert als die in Frankreich. Wirtschaftlich gilt das sowieso. Viele fragen mich: "Wow, wie machen die Deutschen das?" Und wenn ich sage: "Na ja, durch Arbeit?", sagen sie: "Gut, dann ist das nix für uns!" Aber ernsthaft: Die Franzosen wollen nicht alles nachmachen, aber es ist viel Be­wunderung dabei, wenn sie nach Deutschland schauen.

"Krieg ist nicht vorstellbar. Das ist kein Detail. Das ist enorm!"

Deutschland konkurriert alle Länder nieder und belehrt andere EU-Länder, wie sie sich zu reformieren haben.

Die Erkenntnis gibt es natürlich bei den Franzosen, die sich besonders für Politik interessieren. Jetzt erst wurde der Mindestlohn beschlossen, es gibt große Armut in Deutschland – das wird in Frankreich oft übersehen.

Wie sehen die Deutschen, die Sie kennen, Ihr Heimatland Frankreich?

Da gibt es auch viel Bewunderung: "Ihr Franzosen wisst, was Leben ist. Ihr streikt und lasst euch nicht alles gefallen." Diese Klischees über uns stimmen nicht immer, aber sie sind hartnäckig.

Was stimmt nicht?

Franzosen genießen nicht immerzu, viele ar­beiten auch tierisch lange. In Frankreich sind Führungskräfte oft bis 20 oder 21 Uhr im Büro. Wenn einer um 18 Uhr geht, gibt es schiefe ­Blicke. Die Deutschen würden eher denken: "Der ist immer noch da? Der kann sich nicht orga­nisieren!" In Frankreich wird aber nicht mehr gearbeitet, es wird nur sehr ausgedehnt. Und der Rest des Lebens – unsere Kernkompetenz – bleibt auf der Strecke. Das ist schade.

Sind wir echte Freunde, Deutsche und Fran­zosen?

Na ja, jedenfalls sind wir keine Feinde mehr, weil wir keinen Krieg mehr gegeneinander ­machen. Krieg ist nicht mehr vorstellbar. Das ist kein Detail, das ist enorm!

Sie sind seit 23 Jahren in Deutschland. Gibt es etwas, das Sie hier immer noch überrascht?

Ich schätze den Respekt vor der Gesellschaft und dem Gemeingut. Manchmal ist es fast übertrieben. In Frankreich ist es zum Beispiel absolut normal, Wahlplakate zu verschönern und Bärte auf die Gesichter zu malen. Da sagen die Deutschen schon: "Das darfst du nicht!" Aber ansonsten fehlt so eine Art von Respekt manchmal in Frankreich. Die französische Gesellschaft ist viel pubertärer als die deutsche.

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