Urlaubsfotos eines Fremden

Nennen wir ihn Kapitän Hansen
Ein von Kapitaen Hansen fotografierter Mann steht vor einer viel befahrenen Straße und blickt auf eine nicht zu erkennende Attraktion

Rudolf Seifert

Kapitaen Hansen hat gern die Betrachter fotografiert - statt der Attraktionen. Ein von Kapitaen Hansen fotografierter Mann steht vor einer viel befahrenen Straße und blickt auf eine nicht zu erkennende Attraktion

War der Mann hinter der Kamera ein Spion, ein Geschäftsreisender, die Frau mit der Sonnenbrille seine Geliebte? chrismon-Autor Ulf Schubert fand Tausende von Urlaubsfotos eines fremden Menschen – und macht sich ein Bild von ihm


Ich schaue auf den Mann und denke, da lebt er, aber er wird sterben. Wie lebendig er ist auf den Bildern. Aber was passierte danach? Was passierte mit seinen Bildern? Sie sind ja nicht in den Müll geworfen worden. Sie liegen auf meinem Tisch. In Plastikboxen. Ich bin mir sicher, dass der Mann nicht mehr lebt. Ist so ein Gefühl. Warum hätte er sein Leben wegwerfen sollen?

Er lebte im Westen, und seine 20 000 Dias fand ich in einem Dorf im Osten. Ich habe mir alle seine Bilder angeschaut, private Momente aus fast dreißig Jahren. Ich nehme seine Perspektive, seinen Blick ein, sehe, was er einmal sah. Ich kenne diesen Menschen inzwischen ein wenig, ich bin ein Mitreisender seiner Reisen.

Auf seinen Bildern sieht man ihn selbst nur selten. Es gibt ein Selbstporträt: Er steht vor einem Spiegel im Hotelzimmer, fast nackt, nur in einer Unterhose. Ein Bett ist nicht angerührt, das andere zerwühlt.

Fragmente eines Lebens

War der Mann ein Spion? Wahrscheinlich nicht. Offensichtlich stammt er aus Westdeutschland, die Straßen, Läden und Autos. Vietnam, Japan, China, Südafrika, Dubai, Mexiko, Sowjetunion, USA – er reiste sehr viel. Der Mann war zwischen den Siebzigern und Mitte der neunziger Jahre immer für mehrere Monate im Jahr im Ausland. Fragmente seines Lebens habe ich nun in diesen Diakästen.

Ein Rätsel. Irgendwo in Deutschland muss es Leute geben, die ihn kennen, diesen Mann. Immer wieder schaue ich mir seine 20 000 Bilder an. Irre Kompositionen. Und doch: Ich blicke in ein Familien­album. Vielleicht kriege ich durch seine Bilder heraus, wo dieser Mann gelebt hat. Warum landeten seine Bilder in einem Dorf in der ostdeutschen Provinz?

Irgendwann in den Achtzigern. Der Renault ist kaputt, Mietwagen, die Front komplett zerbeult. Am Anfang von Portugal war er noch ganz. Da muss ihm ein Unfall passiert sein. Zwei Kinder an der Hausecke in einem Dorf an der Algarve. Sie schauen ihn neugierig an. Der Fotograf läuft weiter, kehrt aber wieder um. Er will die beiden noch mal fotografieren. Die Kinder sehen arm aus, süße Kinder. Er arbeitet wenig mit Zoom, geht näher ran. Die Kinder lachen. Ein Fischer schläft in seinem Boot. Die Kinder, heute um die dreißig, was machen sie gerade? Stehen sie in einer Bar, verkaufen Sumol-Saft? Viele Menschen, die Älteren in den Bildern, leben heute nicht mehr. Vielleicht ist das der Grund, weshalb Menschen fotografieren: das Bewusstsein, dass es diesen speziellen Moment so nicht mehr geben wird.

Die Frau – seine? Immer wieder taucht diese Frau auf. Sie erscheint nicht so häufig, aber sie reist immer mit. Sie hat eine tolle Sonnenbrille. Mit den Jahren hat sich die Frau fast nicht verändert. Sie sieht in Moskau aus wie in Südafrika, China, Dubai, Portugal oder Mexiko. Man sieht die beiden fast nur im Ausland. In allen möglichen Ländern, selten in Deutschland. Ist sie seine Geliebte? Es gibt in der Sammlung, die ich jetzt habe, keine Familienbilder, keine Kinder, keinen Weihnachtsbaum, keine Katze, keinen Hund. Keine Einbauküche, keinen Garten, keine Geburtstagsfeier. Aber viele Hotelzimmer. Flugzeuge. Strände, Straßen, Gassen, Hochhäuser, Blüten. Fremde Menschen.

Freunde von mir meinen, sie sei seine Ehefrau. Weil sie so entspannt wirke, sie vertraue dem Mann. Nie lässt er sie für die Kamera posieren. Wenn er sie fotografiert, bevorzugt er die flüchtigen, unaufgeregten Momente. Sie steht im kalten Wasser des Atlantiks, eine Welle spritzt ihr die weiße Gischt um die Hüften. Sie steht auf Zehenspitzen, hebt die Arme, dreht ihr Gesicht in die Kamera. Als wolle sie sagen: Kalt, das Wasser. Sie ist eine schöne Frau. Wie alt war sie? Vielleicht um die dreißig, vierzig? Frauen heute sehen nicht mehr so aus. Andere Frisuren, Schminke, andere Kleidung. Waren die Nachkriegsgesichter runder, anders? Glänzten die auch mehr, die runden Gesichter?

Freunde von mir nennen die beiden Kapitän Hansen und seine Frau Gabi. Das ist anmaßend, aber auch irgendwie passend. Warum sieht die Frau aus wie Gabi? Warum nennen meine Freunde sie nicht Hildburg-Lou, oder so? Mit einem Adelstitel hintendran. Aber Gabi ist eher Gabi. Sie stammt aus dem Nachkriegsdeutschland. Angeheirateter Reichtum, na, eher Wohlstand. Mit Kapitän Hansen bereiste sie die Welt.

Algarve. Hansen sondert sich von den Massen der Liegestühle ab, klettert auf einen Felsen, fotografiert die Ansammlung der Liegestuhltouristen von oben. Ich glaube, Hansen hat sich nach kurzer Zeit an Stränden gelangweilt. Menschen vor dem Wasser. Strandtage langweilten ihn. Oben auf dem Felsen drückt er auf den Auslöser.

Habe ich das Recht, Hansens Fotos hier zu zeigen? Vielleicht leben die beiden ja noch. Ich muss dem weiter nachgehen. Kann ja sein, dass sie wirklich seine Geliebte ist. Für mich sehen die beiden aus wie verliebt, aber nicht verheiratet. Vielleicht existieren Kinder der beiden? Verwandte? Hansens Bilder sind mehr als das übliche private Geknipse. Kapitän Hansen ist ein Künstler. In einer Welt, in der den Künstlern nichts mehr einfällt, werden diese Fragmente des Lebens, diese kleinen Vorausschauen auf den Tod, zur Kunst. Jedes Bild ein kleiner Tod, so ungefähr hat es Roland Barthes in seinem Werk über die Fotografie beschrieben. Mit jedem Bild war ein Stück Leben gelebt, und das Lebendige wird auf den Bildern archiviert.

Die Protagonisten als Zielscheibe

Jedes einzelne Bild von ihm könnte eine Einstellung aus einem Film sein. Hansen macht wenig schlechte Bilder. Die sind alle auf den Punkt, entschlossen. 36 Schuss analoge Fotografie. Der Mann musste sich entscheiden, was er festhalten wollte, wie das Bild aussehen sollte. Ich kenne diesen Wert der Fotografie noch, so ist es heute nicht mehr. Die Kinder heute werden diesen Wert nicht mehr begreifen, werden schon bald ihre eigenen 20 000 Bilder gemacht haben. Schon Dreijährige rennen mit dem Smartphone herum, schießen Bilder aus ihrer Welt.

Vermutlich sah sich Hansen nicht als Künstler. Seine Bilder sind nicht dafür gemacht, gezeigt zu werden. Aber ich glaube, Hansen hätte sich darüber gefreut, er war stolz auf seine Fotos. Diese komplizierte Mischung zwischen privater und künstleri­scher Fotografie. Privat – nicht privat. Ist das in Zeiten von Facebook, Tumblr, Twitter eine altmodische Frage? Möchte ich, dass die Bilder meiner Eltern auf einem Flohmarkt von allen angeschaut werden? Fotografie macht das Subjekt zum Objekt. So wie Hansen seine Subjekte, Protagonisten als Zielscheiben benutzte, so mache ich es nun mit ihm. Ich betrachte ihn durch seine Bilder.

Der Mann flaniert, er hält inne. Er staunt, er bewundert. Ich habe den Eindruck, Hansen war ziemlich melancholisch. Ein nachdenklicher Mensch. Warum? Keine Ahnung. Hansen ist ein chronischer Voyeur seiner eigenen Welt. Er beobachtet – Menschen in ihrer Entrücktheit, Strukturen, Architektur, Technik und Blüten, Linien und Kontraste. Er hat selten die Welt einfach nur abgebildet. Er wollte das Dahinter entdecken.

In seinen Fotos stecken alle möglichen Fragen der Zeit. Mode, die Stellung der Frau, politische Systeme. Hansen war überall auf der Welt. Wer konnte in den Siebzigern schon nach China reisen, in die Sowjetunion? Kommunismus und Apartheid-Südafrika. Hansen ist keiner, der in seinen Bildern problematisiert, Leid und Ungerechtigkeiten dokumentiert, Obszönitäten, Skandale.

Hansen interessiert nicht das Schöne, das Offensichtliche. Er reiste nach Südafrika. Er ging auf Safari, doch er fotografiert keine Giraffen. Er fotografiert die Fotografierenden, sie sitzen dicht nebeneinander in Safaribussen. Die Frauen tragen Sonnenbrillen und Hüte. Es gibt wenige Bilder mit Menschen aus Südafrika. Hat das Land ihn nicht so gepackt? Sonst hat er immer Menschen fotografiert. Hansen hat in Südafrika diese Phase, da ist er fasziniert von Makroaufnahmen von Blumen und Blüten. Die Makroobjektivphase, da muss man Blütenliebhaber sein.

Ich klicke durch Hunderte von Blüten. Hatten er und die Frau in dieser Phase keine gute Zeit? Hatten sie Streit, haben die beiden sich getrennt? Hansen ist interessiert am Fremden – mehr als seine Frau. Häufig reisen sie in Gruppen. Aber Hansen scheint eigentlich ein Eigenbrötler zu sein, findet sich in seiner Welt alleine ganz gut zurecht. Hansen ist jemand, der die Ränder beobachtet. Das Spektakuläre ist ihm zu aufdringlich und zu offensichtlich. Hansen hatte eigene Standpunkte. Hansen steht in Paris vor dem Eiffelturm, fotografiert aber den Eiffelturm nicht. Er fotografiert in die Gesichter derjenigen, die hochschauen. Er fotografiert nicht aus touristischer Perspektive.

Immer wieder fotografiert er Flugzeuge, Triebwerke – ist er Pilot? War er Bauunternehmer? Er fotografierte viele Baustellen, Baukräne, Strukturen. War er Architekt? Hansen hatte genug Geld für die vielen Reisen. Er gehörte zu einer Generation, in der die Männer das Geld verdienten. Der Charme dieser Männer wirkt so vergangen. Hansen, dieser Typ könnte in einer „Derrick“-Folge vorkommen. Es war die Zeit, in der in Flugzeug, Bus und Bahn noch selbstverständlich geraucht wurde.

Gabi fährt auf einem Golfcart. Rot ist der Frauenabschlag. ­Hansen mochte kein Golf. Das war ihm zu flüchtig. Also, Hansen spielt Golf, aber er ist nicht wirklich bei der Sache. Das macht er seiner Frau zuliebe. Lebt sie noch? Gabi tanzt durch einen Orangenhain. Ein hübscher Pool, so wie hübsche Pools auf einem Felsen vor dem Meer aussehen.

Ein Protzer ist Hansen nicht. Seine Bilder sind nicht auf Re­präsentation ausgerichtet. Gibt’s ja auch, diese Leute, die Bilder machen vom fetten Buffet im Hotel. Bilder, die sagen sollen: „Guckt mal, da waren wir, ganz schöner Luxus, ganz schön toll.“ So funktioniert das oft bei Facebook.

Der Müllverbrennungsanlage gerade so entkommen

Hansen steigt in das Flugzeug von Nippon Airways. Er kauft in Japan einen neuen Film. Dessen Farben sind mit der Zeit verblasst. Tokio. Asien 1983. Ein Reisebus. Vorne ein Schild. „Bus Group Seifert/Doctors.“ Ah – der war Arzt? War auf Kongressen. Jetzt ist er auf dem Weg nach Osaka. Ist das Herr Seifert? Chefarzt Hansen? Nicht Pilot, nicht Spion, nicht Architekt. Dem gehört eine Privatklinik am Bodensee. Aber würde er dann so viel ­reisen? Ich werfe die Bilder schnell an die Wand, Tausende von Bildern. Das einzelne hat so keine Chance mehr.

Auf einmal sehe ich auf einem der Diakästen: den Namen ­einer Ortschaft im Sauerland. Aha. Ist das seine Heimat? Kommt der Herr aus Stottmert? Guck mal an. Ich schaue im Internet, die Siedlung, um die zehn Häuser. Es ist nur ein Anruf im Landgasthof. Ich habe den Mann. Er sei tot, sagt der Wirt, aber seine Frau, die lebe noch in Lüdenscheid. Ich rufe sie an. Ich hoffe, es ist seine Frau und nicht seine Geliebte auf den Bildern. Ich stelle es unauffällig an.

Ulf Schubert

Ulf Schubert, Jahrgang 1975, hat der Frau von Kapitän Hansen diesen Text vorgelesen. Er sollte sie um 23.30 Uhr anrufen, und zwischendurch bekam sie dann noch einen Anruf aus den USA. Sie fand ihren Mann überraschend treffend beschrieben.
Foto: Rudolf Seifert
„Guten Tag, Frau Seifert. Dies ist ein überraschender Anruf, ich vermute, dass ich an die Fotos Ihres Mannes gelangt bin. Er hat doch viel fotografiert. Ich hoffe, mein Anruf ist Ihnen nicht unangenehm.“ „Nein, nein. Es ist nur so, der Anruf kommt in der Tat überraschend. Wissen Sie: Ich wähnte die Fotos in der Müllverbrennungsanlage. Ich hatte unseren Angestellten gebeten, sie dort hinzubringen, ich wusste einfach nicht, wohin mit all dem Besitz. – Wissen Sie, ich bin viel unterwegs, bin nächsten Monat in Gran Canaria und Ende August und Mitte September bin ich wieder weg, gerade packe ich die Koffer, fliege morgen sehr früh nach New York, besuche dort eine Freundin. – Ja, nun erstaunlich, Ihr Anruf.“

Seine Frau heißt Barbara. Kapitän Hansen – Rudolf – starb im Dezember 2005. Und er mochte wirklich keine Strände.

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Lesermeinungen

Ein einfühlsamer, erfrischender, "menschlicher" Beitrag - aus dem Leben - für das Leben. Es ist gut, dass die Bilder nicht verbrannt sind!
Gerne würde ich Herrn Schubert fragen, welchen Beruf denn Kapitän Hansen denn nun wirklich hatte.
Freundliche Grüße
Günther Schatz