Von Mann zu Frau

Maria Irl

Vor mehr als 20 Jahren beschloss Andreas Zwölfer, Gott den Menschen näherzubringen. Seit einem Jahr geht es dabei oft um die unergründlichen Wege des Herrn. Denn im Frühjahr 2013 ist aus Pfarrer Zwölfer Pfarrerin Dorothea Zwölfer geworden

Am Schluss steht sie an der Tür, als wäre es ein Sonntagmorgen nach dem Gottesdienst. „Danke, dass ihr da wart“, sagt Pfarrerin Dorothea Zwölfer, schüttelt jedem die Hand und nickt mit einem Lächeln. Sie sieht müde aus. An den Wänden hängen Bilder von Jesus bei den Fischern, auch ein Kreuz, darunter steht eine brennende Kerze. An anderen Tagen finden in den Räumen mit unverputzten Ziegeln und dem kargen Charme protes­tantischer Architektur Bibelstunden statt, es treffen sich Senioren oder die Indiaca-Sportgruppe.

Heute saßen Studentinnen der Hochschulgemeinde Landshut auf den Holzstühlen im Gemeindeshaus der Christuskirche und stellten weltliche Fragen: Wann zahlt die Krankenkasse die Umwandlung eines Penis in eine Vagina? Wie sagt man seinen Eltern, dass sie künftig eine Tochter statt eines Sohnes haben? Zwei Stunden hat Zwölfer geantwortet. Und obwohl mancher drei Anläufe ­brauchte, um eine Frage zu formulieren, und das Wort „Mutation“ eine von vielen politisch wenig korrekten Formulierungen des Abends war, ist Zwölfer zufrieden, als sie danach in ihr kleines grünes Auto steigt. „Schlimm ist nur, wenn die Menschen mit Absicht falsche Wörter verwenden“, sagt sie. Gut ist, wenn sie nachfragen.

Dorothea Zwölfer, 50 Jahre, hat Theo­logie studiert, weil ihr Fragen wichtig sind. Sie stellt sie gern und mag es, mit anderen über Gottes Antworten nachzudenken. Seit einem Jahr geht es in den Fragen seltener um Gott und öfter um sie. Im Frühling 2013 hat Zwölfer, damals noch Andreas, ihrer Gemeinde im niederbayerischen Neufahrn eröffnet, dass sie eine Frau ist und künftig Dorothea heißt. In Bayern als erster Mensch im Pfarramt, als dritter bundesweit. Dass sie hier sitzt, mit buntem Schal, Shirt, Absatzstiefeln und gold-grüner Handtasche, ist für sie keine Selbstverständlichkeit. Aber eine Zwangsläufigkeit. Warum, wird deutlich, als sie Teil für Teil das Puzzle zusammensetzt, das sie selbst im Nachhinein erkennt. Ihren Weg von Andreas, dem „Tapferen, Mannhaften“, zu Dorothea, dem „Geschenk Gottes“, erzählt sie in kleinen Anekdoten. Und verbindet sie mit großen Forderungen.

Zwöfler wurde klar: Ich bin eine Frau

Andreas Zwölfer ist fünf Jahre alt, als er fragt, wann er schwanger wird. Die Mutter tut es als Kinder­kram ab, damals, im Mittenwald der 1960er Jahre. Später will Andreas nicht bei Rangelspielen mitmachen, flüchtet sich in Bücher. Während der Bundeswehr entdeckt er die Religion, studiert Theo­logie. Schon damals blättert er heimlich in Katalogen, malt sich aus, wie schön es wäre, die Röcke anzuziehen.

 Dorothea Zwoelfer bei einem Spaziergang
 Inzwischen tritt Dorothea Zwölfer wieder im Talar vor die Gemeinde
1986 heiratet er seine Frau Claudia. Anfang der 90er Jahre hört er das erste Mal von Transsexualität. Zwölfer lenkt sich mit seiner Arbeit in der Gemeinde im mittelfränkischen Ansbach ab. „Ich habe versucht, das wegzuschieben, gedacht: Okay, du bist halt ein bisschen plemplem oder so.“ 20 Jahre später, mit Ende 40, be­kommt er Herzprobleme, für die seine Ärzte keinen physischen Grund finden. Als sie ihm männliche Hormone verschreiben, ekelt er sich vor den sprießenden Haaren auf seinen Armen. Warum, versteht er im Februar 2011.

Die Gemeinde Ansbach feiert Fasching, in der Gaudi kommen die Damen mit Schminke: Dürfen wir? Das Hallo um den „angemalten“ Herrn Pfarrer ist groß. Als Zwölfer sich danach im Pfarrhaus abschminkt, überkommt ihn eine „abgrundtiefe Traurigkeit“. Er googelt „Männer“ und „Schminke“, auf einer Website für Schminkkurse steht wieder der Begriff: Transsexualität. Im Online-Tagebuch einer transsexuellen Frau findet er sich wieder. Ab dem Moment ist Zwölfer klar: Sie ist eine Frau. „Ich saß mit Laptop im Bett und habe nur noch gezittert.“ Ein halbes Jahr liest sie Blogs und Fachliteratur, findet heraus: Transsexualität ist ein biologisches Phänomen, das „Hirngeschlecht“ entwickelt sich in der embryonalen Phase anders als der Rest des Körpers.

Wer transsexuell ist, muss das in Deutschland von zwei Gutachtern bestä­tigen lassen. Erst dann kann er Name und Personenstand ändern, sich operieren ­lassen und Hormone nehmen. Sie hat Angst, ist überzeugt: Geht sie die Schritte nicht, wird sie wieder krank. „Ich wusste, wenn ich jetzt bewusst gegen Körper und Verstand handle, wird es schlimm.“ Wählt sie die Transition, bleiben Arbeit und Ehefrau auf der Strecke. „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das gutgeht“, sagt sie. Stattdessen schmiedet sie Pläne: Sie wird wegziehen, Kontakt zu einer transsexuellen Hörgeräteakustikerin hat sie bereits, bei ihr könnte sie arbeiten und ihrer Frau Unterhalt zahlen. „Alles sollte so über die Bühne gehen, dass ich mit dem Thema nicht mehr Scherben mache als nötig. Ich habe meine Frau ja genauso geliebt wie zuvor.“

Ab September 2011 arbeitet das Pfarrerehepaar Zwölfer in der Kirchengemeinde Neufahrn. Im selben Herbst bittet sie ihre Frau Claudia mit den Worten „Ich muss etwas mit dir besprechen“ an den Esstisch. „Wie kannst du mir das antun?“ ist einer der Sätze, die an diesem Abend öfter fallen.

Die Ehefrau ist schockiert, überfordert, verunsichert. Sie denkt, ihr Mann will einfach nur Frauenkleidung tragen und schlägt Wochenenden in anderen Städten vor. Bis zum Sommer 2012 erwähnt sie das Thema Transsexualität nicht mehr. Doch Zwölfer reicht das nicht. Das Paar macht einen Deal: Claudia recherchiert zwei Wochen, ob man „das nicht irgendwie heilen kann“. Findet sie nichts, suchen sie gemeinsam eine Lösung. 14 Tage später ist auch ihr klar: Transsexualität ist keine Krankheit. Der Weg zu einem entspannten Leben besteht für transsexuelle Menschen nicht aus Therapie. Sondern aus Epilation, Hormonen und Logopädie. Diesen Weg will Claudia mitgehen. „Ich hab sie geheiratet als den Mann, den ich immer noch lieb habe“, erklärt sie. Ein erster Schritt von vielen.

Zwöfler kommt der Gerüchteküche zuvor

Drei Wochen lang formuliert Dorothea an einem Brief an ihre Eltern. Auf der Fahrt zu ihnen weint sie. Sie wäre nicht die Erste, die ihre Eltern beim Coming-out zum letzten Mal sieht. Ungefähr drei Stunden später kommt eine SMS: „Wir ­stehen voll hinter dir.“ „Jedes Coming-out war ein neuer Sprung ins kalte Wasser“, sagt sie. Eine Frage treibt sie um: „Wie vermittle ich der Gemeinde, was in mir vorgeht und dass ich meinem Beruf  nachgehen kann?“ Als sie im Oktober 2012 dem Dekan, den sie seit Jahren kennt, sagt, sie sei eine transsexuelle Frau, fragt er: „Was is’n das?“ Später sagte der Personalchef der Landeskirche: „Sie brauchen keine Angst zu haben.“ Zwölfer kann im Pfarrdienst bleiben.

Es ist eine schwierige Zeit: Zwölfer fährt wöchentlich nach München, kauft ihre ersten Ballerinas, nimmt Hormone, lässt sich Barthaare epilieren. Jedes Mal kommt sie weiblicher zurück und voller Angst: „Das ungewollte Geoutet-Werden ist für viele ein echtes Scheißerlebnis.“ Weil die Gerüchteküche brodelt, verkündet Zwölfer an einem Sonntag im April 2013, dass sie nach dem Gottesdienst etwas Persönliches sagen werde. Vor ihr sitzen Menschen, die normalerweise Privates zu ihr tragen, nicht umgekehrt. In der ersten Reihe ihre Frau. Zwölfer weint, als sie ihr in die Augen schaut.

Nach der Predigt zieht sie den Talar aus. Sie erzählt der Gemeinde vom Puzzle. Erst ist es still in der Kirche. Dann äußern viele der Gläubigen Respekt. Und wollen abstimmen: Darf Zwölfer bleiben? Doch die Entscheidung ist gefallen: Das Ehepaar wird Neufahrn verlassen. „Was wäre, wenn Leute nicht mehr in den Gottesdienst kommen, weil sie mit mir Schwierigkeiten haben, aber sich nicht trauen, sie zu äußern?“

Bis heute klingt Dorothea Zwölfer wehmütig, wenn sie vom Abschied erzählt. „Alles ist schöner gelaufen, als ich je zu träumen gewagt hätte“, sagt sie. Es war eine Art Coming-out light. Nicht umsonst ist die Suizidrate unter transsexuellen Menschen überdurchschnittlich hoch. Die teuren Gutachten, erniedrigende Formalitäten und abfällige Reaktionen des Umfelds sind trauriger Standard. Auch waren keinesfalls alle begeistert vom Pfarrer, der Gottes Liebe allumfassend interpretiert. Unter Internetartikel über Zwölfer schreiben Leser: „Der Mann braucht Menschen, die ihn annehmen, biblische Seelsorge – aber garantiert keine OP“, und: „Wenn ich in der evangelischen Kirche wäre, würde ich austreten.“ Auch per E-Mail bekam Zwölfer Böses zu hören. „Es gab Reaktionen, bei denen meine Rechtsschutzversicherung dazu geraten hat, Anzeige zu erstatten.“

Dass sie dem Rat ihrer Versicherung nicht folgt, ist der zweite Teil von Zwölfers Geschichte. Ihre Waffen sind Internet und Bibel, nicht das Gesetzbuch. Bevor sie sich outete, hatte sie Wissenschaftler und Betroffene kontaktiert, später ein Blog gestartet, eine Facebookgruppe für Medienvertreter und transsexuelle Menschen gegründet. Mantraartig wiederholt sie, dass Transsexualität keine Identitätsstörung ist, sondern eine „angeborene Normvariante“. Sie erklärt immer wieder, warum es unzutreffend wäre zu sagen, jemand habe sich „entschieden“, als Frau zu leben: „Hätte ich gekonnt, ich hätte mir das nie ausgesucht.“

Mit anderen transsexuellen Menschen formuliert sie einen Forderungskatalog: Name und Personenstand soll man auf dem Standesamt statt auf dem Gericht ändern können, statt Therapie soll es ein System ähnlich der Schwangerenberatung geben, die Krankenkasse soll außer Hormontherapie und Geschlechtsangleichung auch andere Eingriffe bezahlen.

"Wir probieren viel aus"

Es ist, als hätte sie eine neue Mission gefunden: Früher hat sie mit der Bibel Auswege aus Alltagssituationen gezeigt, heute nutzt sie sie, um gesellschaftliche ­Toleranz zu fordern. Mit dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg habe Gott alle eingeladen, in seinem Reich mitzumachen, sagt sie. Und Paulus habe im Galaterbrief die Gleichheit aller Menschen betont. Dass Gott in der Bibel Mann und Frau schuf, irritiert sie nicht. „Da lesen wir auch von Sklaverei als gesellschaftlicher Norm. Bis das aufgegeben wurde, hat es 1000 Jahre gedauert. Bei Transsexualität ist das ähnlich. Das braucht einfach eine Zeit.“ 200 Jahre, dann hätten sich Ängste und Vorurteile erledigt.

Derzeit freut sie sich über kleine Schritte: Wenn eine Verkäuferin ihr von Frau zu Frau erklärt, wie man Sauerkraut macht. Dass ihre Haut empfindsamer ist und der Eisbecher schneller auf den Hüften landet, ist Teil ihrer „zweiten Pubertät“ – eine, von der unklar ist, wie lang sie dauert, und die doch in eine neue Welt führt: Regelmäßig nimmt Zwölfer Unterricht bei einer Logopädin. „Frauen sprechen vorne und lachen anders“, erzählt sie. Zwölfers Stimme ist relativ hoch, doch als sie das erste Mal den Anrufbeantworter neu besprechen wollte, klang sie vor Aufregung tief.

Gelegentlich weist Claudia sie darauf hin, dass man als Frau zum Beispiel die Kamera nicht zwischen die Beine klemmt, wenn man einen Rock anhat. „Da habe ich gelegentlich Nachholbedarf und bin sehr froh, dass ich das von ihr lernen kann.“ Kleine Schritte im größeren Abenteuer: der Normalität. „Sekundäres Coming-out“ heißt das, was Dorotheas Frau durchlebt. „Wenn wir Fotos von früher anschauen, spüre ich bei ihr eine Mischung aus Trauer und dem Bewusstsein, dass ich ja immer noch da bin“, erzählt Dorothea Zwölfer.

Der Weg der beiden ist noch lang. Am Abend mit den Studenten sagt Dorothea Zwölfer auf die Frage, wie ihr Privatleben künftig aussehe, nur eins: „Wir probieren viel aus.“ An Abenden wie diesem soll sich Normalität einstellen. Zusätzlich hält Zwölfer als Pfarrerin für allgemeine kirchliche Aufgaben vertretungsweise Gottesdienste, veranstaltet Bibelfreizeiten und tauft Kinder. Menschen, für die sie arbeitet, informiert sie über ihre Geschichte, bevor sie sie im Internet entdecken. „Früher oder später wird die komische Wendung in meinem Lebenslauf immer auftauchen.“ Langfristig wird sie eine Gemeinde übernehmen. Bis es so weit ist, beantwortet sie weiter Fragen.

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