Filmschauspielerin Lisa Karlström ging zum Provinztheater

Wann ruft die Agentin an?

Hanna Lenz

Vorsicht vor der Vierzig! Filmschauspielerin Lisa Karlström hatte das Warten auf Angebote satt. Sie machte einen scharfen Schnitt

Lisa Karlström, 40:

Vorsicht vor der Vierzig, hieß es auf der Schauspielschule. Danach gebe es kaum noch Rollenangebote für eine Film- und Fernsehschauspielerin. Es müsse etwas Neues entstehen. So wie bei mir. Ich bin im Frühjahr vierzig geworden und habe jetzt alles hinter mir gelassen. Mein Zuhause, meine Freunde, meine geliebte Großstadt mit den Ausstellungen, Tapas-Bars, Flohmärkten und Kinos. Aber auch die endlosen Grübeleien darüber, was ich noch anstellen könnte, um endlich wieder spielen zu dürfen, ob ich von der richtigen Agentur vertreten werde, ob ich mein Demo-Band mit meinem Film-Best-of verändern müsste und ob es noch irgendjemanden gibt, den ich anrufen könnte.

Anders als eine Bildhauerin kann ich nicht einfach loslegen, wenn mich die Muse küsst. Ich muss warten, bis ein Filmproduzent meint, dass nur ich die Richtige bin für seine Rolle. Immer wieder gab es Phasen, in denen ich zu Hause saß und hoffte, meine Agentin würde anrufen und einen Job für mich haben. Ich wollte meinen Beruf ausüben und Geld verdienen! Aber im Filmbusiness zählt nur der Moment. Weder das Schauspieldiplom noch die von der Presse gelobte Filmrolle von gestern sind eine Garantie für ein neues Engagement. Also schrieb ich Weihnachtskarten an Produzenten und trank auf der Berlinale unzählige Tassen Kaffee mit irgendwelchen Filmschaffenden. Einfach nur um in Erinnerung zu bleiben.

Ich verdiente gut. Dann wurde ich Mutter

Dabei hatte es nach der Schauspielschule gut angefangen. Ich angelte mir spannende Rollen in Fernsehserien, drehte Sonntagabend-Krimis, auch im Ausland. Ich verdiente gut. Dann wurde ich Mutter – und nach der Elternzeit kamen immer weniger Angebote. Nach Castings musste ich mir anhören, dass meine Stimme, Körpergröße oder Augenfarbe für diese Rolle leider nicht perfekt gepasst hätten. Ich dachte: Verdammt, die Vierzig rückt näher! Ich wollte mich von den Enttäuschungen nicht zu sehr beeindrucken lassen, aber saß dann doch nach jeder Absage fassungslos zu Hause und sehnte mich an das letzte Filmset zurück. Ich fragte mich immer öfter: Warum machst du überhaupt noch weiter?

Da kam der Anruf aus Rendsburg. Ich stand in der Küche und backte Plätzchen. Wochen zuvor hatte ich mich für eine Gastrolle am Landestheater Schleswig-Holstein beworben. Und jetzt die Überraschung: Der Intendant wollte mich als festes Ensemblemitglied haben. Hamburg verlassen für einen langfristigen Job und ein regelmäßiges Einkommen? Mein Herz sagte sofort Ja. Aber darf ich mein berufliches Glück über das der Familie stellen, mein Kind aus seiner Kita reißen und meinem Mann zumuten, in einem kleinen Örtchen ganz neu anzufangen? Zumal ich an vielen Nachmittagen, Abenden und Wochenenden nicht mal zu Hause wäre, weil ich mit dem Ensemble auch in Flensburg, Meldorf, Niebüll oder Neumünster auftreten würde. Meinem Mann fiel die Entscheidung verständlicherweise schwerer als mir. Aber am Ende atmete er tief durch und sagte: Du wolltest spielen, und jetzt kannst du spielen, also stürz dich rein, wir unterstützen dich!

Es gibt hier keine schicken Lokale, und trotzdem...

Seit einigen Wochen wohnen wir in einem kleinen Häuschen in Rendsburg. Es gibt hier keine schicken Lokale, keine Shoppingmeilen, kein Kindermuseum. Äußerlich ist mein Leben viel ruhi­ger geworden. Innerlich bin ich durch den neuen Job regelrecht aufgewacht. Jetzt ist Schluss mit dem Rumgewurschtel zu Hause, wo mir keiner beim Aufräumen und Kochen zuschaute. Ich muss Ängste überwinden, mich zeigen. Die Hälfte des Tages stehe ich auf einer Bühne, und jeder Satz, jeder Blick und jeder Schritt von mir wird von Kollegen und Zuschauern wahrgenommen und bewertet. Ich gehöre jetzt zu einem Team, ich muss pünktlich mit dem Text im Kopf bei den Proben erscheinen und mit den Stimmungen der Kollegen umgehen.

Abends sitze ich oft im Tourbus auf dem Weg zu einer Vorstellung, anstatt mein Kind ins Bett zu bringen. Ich bin jetzt die Hauptverdienerin der Familie. Und dann sprach mich neulich eine Passantin an: „Willkommen in Rendsburg“, sagte sie und klopfte mir auf die Schulter. Als ich nach Hause kam, sagte mein Mann: „Du strahlst ja so!“ Ja, denn ich wusste, dass ich richtig entschieden habe.

Protokoll: Silia Wiebe

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