Nach dem Schuss

privat

Als Terroristin hat Susanna Ronconi im Italien der 1970er Jahre einen Menschen getötet. Heute sucht sie den Weg zurück in eine Gesellschaft, die ihre Geschichte vergessen will

"In diesem Block saßen die Frauen.“ Der Museumsführer zeigt auf einen dreistöckigen Häuserkomplex. „Und dort“, er blickt auf ein Dach im Hintergrund, „wurden die Terroristinnen eingesperrt, damit sie mit den anderen Inhaftierten nicht kommunizieren konnten.“ Eine Frau in der Besuchergruppe meldet sich zu Wort: „Deshalb haben wir abends Papier angezündet und Buchstaben aus Feuer in die Luft gemalt.“

Die Frau heißt Susanna Ronconi, sie ist die ehemalige Anführerin der linksterroristischen Gruppe Prima Linea. Fünfzehn Jahre nach ihrer Entlassung besucht sie  das Gefängnis Le Nuove in Turin. Linksterroristen wie sie haben in den 70ern mehr als hundert Menschen umgebracht. Ronconi sah bei mehreren Morden zu, einmal hat sie selbst den Abzug gedrückt. 19 Jahre lang saß sie im Gefängnis. Anders als die Rote-Armee-Fraktion (RAF) in Deutschland haben sich Ronconi und ihre Genossen in Italien von ihren Gewalttaten klar distanziert.

Das Gefängnis Le Nuove liegt fünf Gehminuten vom Bahnhof Porta Susa entfernt. Draußen strahlt die Sonne. Hinter den Wänden des Gebäudes, das heute ein Museum ist, dringt die Kälte bis in die Knochen. Früher sei es nicht wärmer gewesen, erzählt Ronconi.

"Wer eine Pistole bei sich trägt, wird früher oder später schießen."

 Susanna Ronconi damals in Ihrer Zelle - Zeitungssausschnitt: privat
Jeans, Jacke, Mokassins, Ronconi ist eine zierliche Schönheit. Auch nach den vielen Gefängnisjahren erkennt man in ihr die junge Frau, deren Augen in den 80ern von den Titelseiten der Zeitungen blickten. Ihr Lächeln hat sie verloren. Manchmal wirkt es, als ob sie es versuchen würde, doch dann schaut sie gleich wieder ernst.

Wie wird man zur Mörderin? Ronconi versucht seit Jahren, diese Frage zu beantworten. „Ich hätte nie gedacht, dass ich je einen Menschen umbringen kann“, sagt sie und schließt die Augen. „Heute weiß ich: Wer eine Pistole bei sich trägt, wird früher oder später schießen.“

1973 war Ronconi 21 und studierte Politik in Padua. Italienische Rechtsextremisten zündeten damals Bomben in Innenstädten, die Faschisten versuchten, sich an die Macht zu putschen. Als die Kommunistische Partei, zweitstärkste Kraft im Parlament, sich mit den Christdemokraten zusammenschloss, fühlten sich viele linke Studenten und Arbeiter verraten und radikalisierten sich, auch Ronconi.

Mit Waffen in der Hand aufzubegehren, das war im Italien der 70er Jahre viel stärker verbreitet als in Deutschland. Bis zu hundert bewaffnete Gruppen soll es gleichzeitig gegeben haben, erinnert sich Ronconi. Manchmal hätten sich drei Leute zu einer einzigen Aktion zusammengeschlossen und sich anschließend mit einem Gruppennamen dazu bekannt.
1974 griffen Ronconi und ihre Genossen den Sitz der rechten Partei MSI an. Ronconi musste Wache stehen, ihr er­ster Einsatz. Plötzlich hörte sie Schüsse. Zwei MSI-Mitglieder widersetzten sich bei diesem Überfall und wurden mit Kopfschüssen exekutiert. „Es war schlimm. Wir wollten nieman­den umbringen“, beteuert sie heute. Die Studentin tauchte ab. Zwei Jahre lang ­versteckte sie sich in Venetien. Zusammen mit einigen Genossen gründete Ronconi 1976 ihre eigene linksterroristische Vereinigung: Prima Linea. Man fühlte sich eng mit dem sogenannten Movimento verbunden, mit der Studen­ten- und Arbeiterbewegung – anders als die RAF in Deutschland, die sich als militante Avantgarde verstand.

 Vor dem Gefängnis Le Nuove in Turin, Susanna Ronconi heute - Foto: Margherita Bettoni
1980 tötete Ronconi. Im Jahr davor hatte die Polizei William Vaccher festgenommen, ein junges Mitglied von Prima Linea. Schon nach drei Monaten bekam er Freigang, weil er mit der Justiz kooperiert hatte. „Verrat“, fanden Ronconi und ihre Mitstreiter. Vaccher sollte sterben, die Führung statuierte an ihm ein Exempel. Ronconi erinnert sich genau an die Entscheidung: „Alle schwiegen, also habe ich gesagt: In Ordnung. Ich mache das.“

Am 7. Februar 1980 verließ Vaccher um 8 Uhr morgens seine Mailänder Wohnung, um sich wie immer vor der Arbeit bei der Polizei zu melden. Er stieg ins Auto, steckte den Schlüssel ins Zündschloss, sieht seine ehemaligen Genossen, darunter Ronconi. Er steigt aus dem Auto und versucht zu fliehen. Ronconi tötet Vaccher mit einem Kopfschuss auf offener Straße. „In solchen Situationen entwickelt man eine Logik von Freund-Feind. Wenn du nicht für mich bist, bist du gegen mich. Das entmenschlicht den Feind. – Anders könntest du ihn nicht töten.“ ­Damit werde sie nie zurechtkommen, sagt Ronconi.

Sie war auch bei anderen Morden dabei. Als Anführerin trägt sie die moralische Verantwortung für alle Menschen, die Prima Linea ermordet hat. Am 3. Dezember 1980 verhaftete die Polizei Ronconi in der Wohnung eines Freundes. Später wurde sie wegen der Beteiligung an mehreren Morden zu lebenslanger Haft verurteilt.

Der Museumsführer öffnet eine Tür und zeigt den Besuchern eine Liege, bezogen mit olivgrüner Jute, in der Mitte ein Loch. Es ist ein Fixierbett. Auf ihm schnallten Aufseher bis Mitte der 70er Jahre die Gefangenen nackt fest, als Strafe. „Meine Freundin verbrachte zwei Tage und zwei Nächte darauf“, sagt Ronconi. Sie sieht das Bett zum ersten Mal.

"Als hätte mir jemand die Organe herausgerissen"

Nach zwei Jahren im Gefängnis gelang ihr der Ausbruch. Ronconis langjähriger Lebensgefährte und Mitanführer von Prima Linea, Sergio Segio, sprengte am 3. Januar 1982 ein Loch in die Außenmauer des Gefängnisses in Rovigo, während sich Ronconi und drei Ge­nossinnen im Hof befanden. Sie flohen. Ein Mann, der seinen Hund ausführte, verlor durch die Explosion sein Leben.

Margherita Bettoni

Margherita Bettoni kannte von den 70er Jahren bislang nur die Schlaghosen und bunten Röcke ihrer Mutter.
Zehn Monate lang versteckte sich Ronconi, bis die Polizei sie am 28. Oktober 1982 in Mailand erneut festnahm. Auch Segio wurde 1983 gefasst. Damit saß die gesamte Führung von Prima Linea in Haft. Ein halbes Jahr lang schrieben sich die Mitglieder Briefe, analysierten ihre Taten und redeten über Gewalt als politisches Mittel. Ihnen wurde klar, dass der bewaffnete Kampf ein Fehler war. „Diese Erkenntnis hat sich angefühlt, als hätte mir jemand die Organe herausgerissen“, sagt Ronconi heute. Als Ronconi gemeinsam mit den anderen Genossen 1983 ihre Gruppe Prima Linea auflöste und sie sich in einer schriftlichen Erklärung von ihren Taten distanzierten, beachteten weder Staat noch Medien diese Entscheidung.

Der Weg in die Normalität war für Ronconi mühevoll und lang. In den letzten Jahren ihrer Haft hatte sie begonnen, für einen Anti-Drogen-Verein zu arbeiten. Als sie 2006, sieben Jahre nach ihrer Entlassung, in den parlamentarischen Anti-Drogen-Beirat ge­wählt wurde, empörten sich Politiker und Journalisten. „Man bittet Mörder nicht um Beratung – weder zu Drogen noch zu anderen Themen“, sagte der damalige Kommunikationsminister Maurizio Gasparri.

Heute definiert sich Ronconi als friedliche Aktivistin, die sich für Menschen- und Zivilrechte engagiert. Vom kapitalistischen System fühlt sie sich, wie sie sagt, noch immer weit entfernt. Mit einigen Genossinnen von früher hält sie bis heute Kontakt – aber nicht auf der Basis ihrer „alten Ideale“, versichert sie.

Schon im Gefängnis hatte Ronconi auch Tagebuch geschrieben. Nach ihrer Entlassung meldete sie sich an einem Weiterbildungszentrum für Kurse in autobiografischem Schreiben an. Heute ist sie dort Dozentin. Die wenigs­ten ihrer heutigen Kollegen fragen sie nach ihrer Vergangenheit.

Der Museumsführer bleibt vor einer Gedenktafel für zwei Aufseherinnen stehen. Sie starben 1989 bei einem Brand im Frauenblock. Die Inhaftierten selbst hätten überlebt und nur leichte Vergiftungen erlitten, sagt der Museumsführer. Ronconis Wangen erröten. „Neun meiner Freundinnen sind durch diesen Brand ums Leben gekommen. Es gab einen Prozess, weil die Gefängnisführung 45 Minuten gebraucht hat, um die Feuerwehr zu rufen“, sagt sie. Sie selbst habe nur überlebt, weil sie Freigang hatte. Nach dem Rundgang kommt der Museumsführer auf Ronconi zu und erkundigt sich nach der Brandnacht. Von dieser Version der Ge­­schichte hatte er noch nie gehört.

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