Rumstehen für eine bessere Welt

Foto: Jeon Heon-Kyun

Demonstration und Mutprobe: Ökologin Karina Schumacher geht mit Plakaten gegen Atomkraft als Einpersonendemo in die Innenstadt von Seoul.

Karina Schumacher

Karina Schumacher ist Ökologin und arbeitet als Ökumenische Mitarbeiterin der Evangelischen Mission in Solidarität (EMS) in Südkorea. Sie berichtet in einem Blog von ihren Erfahrungen. Foto: Corinna Waltz
Privat
Anfang Juli war ich an der Reihe, für Schöpfung und Leben einzustehen. Das Ökologiezentrum der Presbyterianischen Kirche, für das ich arbeite, organisiert eine wöchentliche Einpersonendemo im Herzen der Seouler Innenstadt. Jede Woche ist jemand aus dem Zentrum dran, zwei Stunden bei über 30 Grad mit einem gro­ßem Schild vor dem Gwanghwamun-Tor des alten Königspalastes zu stehen. Dort ziehen Geschäftsleute, Touristen und Polizisten vorbei, es ist immer viel los.

Auf dem Schild werden der Ausstieg aus der Atomkraft und die Renaturierung von Flüssen eines großen Staudammprojektes gefordert. Ich bin vorher sehr skeptisch gewesen, mich als Ausländerin so in die Öffentlichkeit zu stellen. Was, wenn die Passanten mich beschimpfen, ich solle mich um die Probleme meines eigenen Landes kümmern? Kein ganz abwegiger Gedanke. Und was mache ich mit den Menschen, die einfach nur reden oder Englisch praktizieren wollen oder ihren Frust bei mir ablassen?
 

Protestler kamen und gingen

Aber es kam anders. Ich stand noch keine zehn Minuten, als sich neben mir eine Demo für Arbeiterrechte bildete. 15 Men­schen, ein paar Banner und Plakate, viele Journalisten. Ein paar Touristen und Schaulustige blieben stehen. Ein junger Streifenpolizist schaute gelangweilt zu. Nach erledigtem Fototermin – kämpferisch erhobene Fäuste vor historischer Kulisse – zerstreute sich die Gruppe wieder. Aber es kamen und gingen weitere Protestler: Aufklärung eines Fährunglücks, Korruption, Kündigungsschutz, Pressefreiheit... Der Ablauf war fast immer gleich.

Als ein Fototermin einmal etwas länger dauerte, kam ein Journalist rüber zu mir und fragte auf Koreanisch: „Wo kommen Sie her?“ Als ich ohne Zögern antwortete, entspann sich ein sehr gutes Gespräch. Ich sprach dann später noch mit anderen Journalisten und Passanten, und zu meinem Erstaunen war kein böses Wort dabei. Trotzdem war ich froh, als Schluss war und ich den Kopf und die sonnenverbrannten Arme abkühlen konnte. Am Tag drauf war ich in ein paar koreanischen Zeitungen und auf Internetseiten abgebildet. Nicht schlecht, oder?

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