Handel mit Emissionen

Verschwiegene Chance?

Foto: Ina Fassbender / Reuters

Der Weltklimarat IPCC schreibt in seinem fünften Sachstandsbericht: Die Erderwärmung ist auf zwei Grad begrenzbar – aber nur mit ehrgeizigen Klimaschutzzielen. Nun streiten Bundesregierung und Wissenschaftler um die Rolle, die der Emissionshandel spielen kann.

chrismon: Was stört Sie am Bericht des Weltklimarates?

Joachim Weimann: Nichts! Der IPCC ist unverdächtig, gegen Klimaschutz zu sein. Und dieser Weltklimarat schreibt, dass zwei Dinge in Deutschland nicht zusammenpassen: die Förderung von erneuerbaren Energien mit dem Erneuerbare-Energien- Gesetz – und der Emissionshandel in der EU. Die Bundesregierung verschweigt diese Erkenntnis.

Welches Motiv vermuten Sie dahinter?

Sie will Wählerstimmen sichern. Erneuerbare Energien zu fordern ist zu einer Art Religion geworden. Jeder glaubt, das sei etwas Gutes, weil wir so den Klima­wandel bekämpfen. Das ist falsch.

Warum?

Wir geben in Deutschland jedes Jahr 20 Milliarden Euro für Ökostrom aus. Das spart CO2, weil die Betreiber fossiler Kraftwerke die Leistung drosseln. Sie können also Emissionsrechte verkaufen – zum Beispiel an ein polnisches Kohlekraftwerk, das deshalb mehr CO2 emittieren darf. Die Emission, die wir sparen, findet in Polen statt.

Was schlagen Sie vor?

Das Beispiel zeigt, dass der euro­päische Emissions- handel perfekt funktioniert, aber durch das EEG konterkariert wird. Bis 2020 will die EU den Ausstoß von CO2 gegenüber 2005 um 21 Prozent senken. Wenn wir die Menge der Emissionsrechte entsprechend Jahr für Jahr senken und allein auf den Handel damit setzen, erreichen wir das Ziel punktgenau.

Was macht Sie optimistisch?

Dann würden nicht mehr Poli­tiker, sondern Fachleute in den Unternehmen vor Ort entscheiden, wie sie am besten Emis­sionen sparen.

Wie sähe ein Energiesystem aus, wenn man allein auf den Emissionshandel setzte?

Märkte führen dazu, dass sich die kostengünstigste Techno­logie durchsetzt. Welche das sein wird, ist offen. Sicher ist: Der Preis für eine Tonne CO2 ­würde steigen, auf 20 bis 30 ­Euro. Derzeit sind es vier Euro. Dann wäre Braunkohle nicht mehr lukrativ. Siemens hätte ­keine Probleme, hocheffiziente Gaskraftwerke zu verkaufen, die heute niemand haben möchte.

Joachim Weimann

Joachim Weimann ist Professor am Lehrstuhl Wirtschaftspolitik der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Er zählt zu den Kommentatoren des jüngsten IPCC-Klimaberichtes.

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