"Völker wie ihr"

100 Aktivistinnen und Aktivisten von Animal Equality machten am 25. März 2014 auf die tragischen Folgen der heutigen Tiernutzung aufmerksam. Jeder Einzelne hielt ein Tier in den Händen, welches an den Folgen der Nutztierhaltung gestorben war. Foto: imago/Future Image

Schluss mit der Nutztierhaltung. ein Plädoyer dafür, Tiere als Partner anzusehen.

Just in dem Moment, in dem es um unser Verhältnis zu Tieren geht, entsinnen sich viele Agnostiker der Schöpfungslehre. Wir sollen uns die Erde untertan machen, zitieren sie plötzlich die Bibel – aber waren damit etwa Gewaltherrschaft und ­Tyrannei gemeint? Wir dürften Tiere essen, Gott habe sie für uns als Nahrung erschaffen. Doch das steht so gar nicht in der Bibel, denn am sechsten Tag erschuf Gott Menschen und Tiere direkt hintereinander und gab uns, laut Genesis, erst einmal nur die Pflanzen zur Nahrung! Erst nach der Sintflut – da war Gott schon furchtbar enttäuscht ob unserer viel­fältigen Grausamkeiten und hätte alles irdische Leben am liebsten vernichtet – wurden Noah auch Tiere als Speise erlaubt.

Die religiösen Schriften aller drei abrahamitischen Reli­gionen erlauben einen anderen als den herkömmlichen Blick auf die Tiere. Gewiss, in der Entstehungszeit dieser Religionen und in ihrer geografischen Heimat haben die Menschen Tiere genutzt und gegessen, das war der Menschheit in vielen ­Epochen vermutlich auch gar nicht anders möglich.

Doch viel spricht dafür, dass diese Epoche zu Ende geht. Die Weltregionen, wo Weidetierhaltung die einzige Möglichkeit darstellt, karges Grasland in dem Menschen zugängliche Nahrung umzuwandeln, sind geschrumpft. Längst bekommen auch einstige Weidetiere Kraftfutter aus Soja und Getreide verabreicht. Brasilianischer Regenwald wird abgeholzt, damit die gewaltigen Rinderherden ernährt werden können, auf die die Reichen der Welt Appetit verspüren. Getreide- und Soja- preise steigen weltweit, weil Schweine und Hühner der Industrie- und Schwellenländer viel mehr Futter benötigen, als vor Ort angebaut werden kann. Die Tierhaltung verbraucht mehr Land und Wasser, als auf Dauer zur Verfügung steht, und ist zu einem der größten Klimakiller geworden.

Tiere existieren nicht, um benutzt zu werden, sondern um zu leben


Und jetzt, da die Menschheit Tiere nicht mehr zu nutzen braucht, wird es uns möglich, einen neuen Blick auf das ­religiöse Erbe zu werfen. Im Judentum war schon immer ein Gespür dafür da, dass es grausam ist, Tiere zu töten, zeigt die jüdische Psychologin Hanna Rheinz. Laut Rainer Hagencord, Priester und Zoologe, ermöglichen die Tiere, die nach dem Schöpfungs- bericht das Paradies ja nie verlassen mussten, dem Menschen die Ahnung einer „Existenzweise in der Un­mittelbarkeit Gottes“. Und im Koran werden Tiere als „Völker wie ihr“ (Menschen) bezeichnet; nach ihrem Tode werden auch sie vor dem Herrn versammelt (6:38).

Ich wünsche mir, dass sich die christlichen Kirchen und die Angehörigen anderer Religionen trauen, diese Traditionen und ihre ethischen Implikationen neu zu entdecken. Menschen und Tiere sind einander nicht Fremde, wir sind einander gewissermaßen verwandt. Wir alle empfinden Schmerz und Freude, Angst und Lust, Wünsche, Zuneigung und Trauer. Wir hängen an unseren Familien und Kindern, wir hängen an diesem Leben und möchten es voll ausleben. Tiere – wie ­Menschen – existieren nicht, um benutzt zu werden, sondern um zu leben; sobald wir dies beherzigen, eröffnet sich uns eine friedlichere Perspektive auf die Schöpfung und auf unsere Stellung in ihr.

Leseempfehlung

Eigentlich will man den nicht essen. Harald Welzer erfuhr, wie schwer es ist, eigenen Überzeugungen zu folgen
chrismon (1/2013) hat eine Grundsatzdebatte übers Fleischessen angestoßen. Was ist dran an der Kritik?
Zucchini statt Hackfleisch. Ist abwechslungsreiche Ernährung ein revolutionärer Akt?

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.