Finnischen Eigenheiten im Straßenverkehr

Rennfahrerherzen

Lange Winter prägen das Fahrverhalten. Foto: Robert Hardin/dpa/Picture-Alliance/Tim Graha

Die spinnen, die Finnen! Oder doch nicht? An den eigenwilligen Fahr- und Bremsstil der Skandinaven musste sich Reisepastor Hans-Martin Röker erst gewöhnen.

„Wann fährt er denn endlich?!“, schimpfe ich hinter meinem Lenkrad. Die Ampel zeigt längst grün, aber es dauert ewig, bis sich der Wagen vor mir in Bewegung setzt.

Dabei weiß ich doch längst: Die Finnen fah­ren langsam, bedächtig, vorausschauend. Auf der Landstraße etwa, wo 80 Stundenkilometer erlaubt sind, lieber mit 78 als mit 82. Wie an alle anderen Gesetze halten sie sich eng an die Straßenverkehrsordnung.

Einerseits! Andererseits scheint in einigen doch ein heimlicher Kimi Räikkönen oder Mika Häkkinen zu stecken. Denn vor einer Kreuzung geben viele Fahrer noch einmal Gas – und zwar gerade dann, wenn die Ampel schon „Dunkelgelb“ zeigt. Ich habe mich oft über dieses nicht ungefährliche Verhalten gewundert und erst mit der Zeit gemerkt, dass das schlicht an der Witterung liegt. Finnland hat lange ­Winter mit viel Eis und Schnee. Auf den rutschigen Straßen geht das Losfahren noch ganz gut, aber der Wagen bremst eben nicht so schnell und zuverlässig.

Vor einer grünen Ampel drosselt man deshalb kurz das Tempo. Wenn diese aber schon auf Gelb steht, gilt umgekehrt: Lieber noch schnell über die Kreuzung kommen, als eine Vollbremsung zu wagen und schlitternd in der Mitte zum Stehen zu kommen. Will man doch bei Gelb bremsen: Unbedingt vorher in den Rückspiegel schauen! Es sind schon Auffahrunfälle passiert, weil der Hintermann sich auf einen schnellen Durchmarsch eingestellt hatte.

Das Ganze macht also Sinn – von Okto­ber bis März. Und den Rest des Jahres? Behält man diesen Stil einfach bei. Haben sich ja alle so schön dran gewöhnt. Und bald können sich die Finnen – und ich – dann auch ganz legal auf der Autobahn austoben: Im Winter sind dort maximal 100, im Sommer aber 120 Stundenkilo­meter erlaubt.

Leseempfehlung

Auf einem entlegenen Gutshof im norwegischen Hochland arbeiten verurteilte Verbrecher. Ein Experiment im offenen Vollzug
Pfarrer Michael Hoffmann über die ehemalige Breivik-Partei, die es jetzt in die Regierung schaffte

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.