Textilfabriken in Bangladesch

Ziemlich schmutzige Wäsche

Foto: Stringer Bangladesh/Reuters

Mindestens 112 Menschen starben, als Ende November eine Textilfabrik am Rande von Dhaka, Bangladesch, ausbrannte. Unter den Opfern waren vor allem Textilar­beiterinnen und -arbeiter. Die Firma Tazreen Fashion produziert unter anderem für C&A, NKD und KiK. Bangladesch ist weltweit der zweitgrößte Exporteur von Kleidung, 5000 Textilfabriken gibt es im Land. Der Katastrophe folgte die Empörung. Die Arbeits­bedingungen! Kaum Notausgänge! Die geringen Löhne! Nur: Was hilft den Näherinnen in Bangladesch wirklich? Neun ­Antworten. Und sieben Ideen, was Sie tun können.

1. Welche Missstände herrschen in den Textilfabriken?

Die Liste der Probleme ist lang: Nur wenige Arbeiterinnen haben Arbeitsverträge. Die Löhne sind viel zu niedrig. Die Schadstoffbelastung ist hoch. Selten dürfen Mütter nach der Geburt ihres Kindes an den Arbeitsplatz zurückkehren.

„Saubere Kleidung“, ein Netzwerk von evangelischen, katholischen und gewerkschaftlichen Organisationen, das sich für faire Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie einsetzt, wollte es genau wissen: 2011 haben die Mitarbeiter des Netzwerks zehn Fabriken in Bangladesch besucht, in denen unter anderem KiK, Aldi und Lidl nähen lassen. Die Ergebnisse ihrer Untersuchung haben sie in der Studie „Im Visier: Discounter“ zusammengefasst (z. B. über www.ci-romero.de).

Wörtlich heißt es darin: „Bezahlter Urlaub existiert in den ­Fabriken nicht. Bitten ArbeiterInnen um einige freie Tage, haben sie mit Beschimpfungen und Schikanen – selbst im Krankheitsfall – zu rechnen.“ Zudem würden Frauen benachteiligt, sie bekommen weniger Geld. Arbeiterinnen berichten, sie würden oft sexuell belästigt.

Die Studie zitiert eine Näherin aus einer Fabrik in Bangladesch, die Bekleidung für Lidl und KiK produziert: „Wir Näherinnen werden regelmäßig von den VorabeiterInnen geschlagen, uns wird mit Kündigung oder Gefängnisstrafe gedroht. Oft wird uns sogar der Toilettengang verweigert oder wir werden zum un­tätigen Stehen verurteilt.“

2. Wie lang ist der Arbeitstag einer Näherin?

„Man arbeitet in Bangladesch nicht acht, sondern in der Regel zehn Stunden. Plus Überstunden“, sagt Gisela Burckhardt von der Frauenrechtsvereinigung „Femnet“. Dort ist sie zuständig für die Kampagne „Saubere Kleidung“.

Arbeiterinnen, die ihr Tagessoll nicht erreichen, bleiben länger. Viele der Frauen nähen an sieben Tagen die Woche, obwohl mittlerweile zahlreiche Einkäufer Absprachen getroffen haben, die Arbeit nachts und an einem Tag der Woche ruhen zu lassen. Auch das Bekleidungsunternehmen C&A, das in der im November abgebrannten Fabrik nähen ließ, wirbt im aktuellen „Corporate Responsibility Report“ mit dem Slogan „We care“. Aber was zählen solche Absprachen wirklich? Der Brand in der Fabrik von Tazreen Fashion brach an einem Samstag nachts aus. Rund 1000 Menschen arbeiteten da gerade in dem neunstöckigen Gebäude.

Die Autorinnen von „Im Visier: Discounter“ zitieren eine ­Näherin aus einer Fabrik in Bangladesch, die Kleidung für Lidl und KiK produziert: „Bei einem Arbeitstag von 16 Stunden ­bleiben mir täglich nur knapp vier Stunden, um mich um meine Kinder und den Haushalt zu kümmern. Ich bin vollkommen ­erschöpft und leide unter Schlafmangel. Doch ich bin auf die ­Fabrikarbeit angewiesen.“

3. Kann sie von ihrem Lohn leben?

Eine Näherin in Bangladesch verdient umgerechnet durchschnittlich zwischen 30 und 40 Euro im Monat. Die lokalen Gewerkschaften fordern eine Verdoppelung. Um sich und ihre Familie wirklich versorgen zu können, bräuchte die Arbeiterin nach Schätzungen der Kampagne „Saubere Kleidung“ das Dreifache.

„Get changed!“, ein Netzwerk für faire Mode mit Sitz in Zürich, setzt das Existenzminimum etwas niedriger an und berechnet, dass ein entsprechender Lohnaufschlag nur 30 Cent Mehrkosten pro T-Shirt bedeuten würde. Theoretisch. 

4. Könnten die Näherinnen selbst für bessere Arbeits­bedingungen kämpfen?

Gewerkschaften sind in Bangladesch erlaubt, zumindest auf dem Papier: „Formal dürfen sich Beschäftigte organisieren“, sagt Gisela Burckhardt von Femnet, „aber faktisch werden Gewerkschafter nicht in die Fabrik hineingelassen.“ Viele Arbeiterinnen wüssten daher nicht einmal, dass es überhaupt Arbeitnehmervertretungen gibt.

Wer sich dennoch gewerkschaftlich organisiert, riskiert mehr als den Arbeitsplatz. Bei Protestkundgebungen gegen Lohn­kürzungen im Industriegebiet Tongi, rund 40 Kilometer nördlich von Dhaka, kamen 2009 zwei Beschäftigte der Textilindustrie infolge eines Polizeieinsatzes ums Leben. Eine Mitstreiterin der Gewerkschaft „Bangladesh Centre for Worker Solidarity“ soll 2010 wegen angeblicher Unruhestiftung zusammen mit elf ­weiteren Arbeiterinnen und Arbeitern verhaftet worden sein. Sie habe 30 Tage im Gefängnis verbracht und soll, so Femnet, während der Haft geschlagen worden sein.

5. Sind manche Fabriken besser als andere?

Es gibt nicht überall die gleichen Probleme: Hier erhalten die Angestellten Arbeitsverträge, dafür gehören Nachtschichten zum Alltag. Dort gibt es eine Mutterschutzregelung – 120 Tage be­zahlten Urlaub – dafür keine Gewerkschaft oder andere Mit­bestimmungsmöglichkeiten. Außerdem bestätigt die Studie, dass Brände nicht, wie es  von Deutschland aus den Anschein hat, hin und wieder ausbrechen. Es brennt ganz schön oft. Fast jede vierte Arbeiterin habe das schon selbst miterlebt, heißt es.

6. Hilft es, wenn Auftraggeber regelmäßig zu Kontrollen vorbeischauen?

Kündigt sich der Besuch einer deutschen Einkaufsfirma an, geht laut „Saubere Kleidung“ eine Theatervorstellung los: Der Betriebsarzt zeigt sich. In den Sanitäranlagen gibt es Toilettenpapier und Seife. Die Arbeiterinnen müssen Sätze auswendig lernen wie: „Wir erhalten unseren Lohn am siebten Tag des Monats. Wir arbeiten täglich nicht länger als bis 19 Uhr.“ Es soll zu diesem Zweck Generalproben geben.

Nicht angekündigte Kontrollen von unabhängigen Stellen sind hingegen hilfreich. Wenn etwa eine Firma das Fair-Trade-Siegel führt, muss sie damit rechnen, jederzeit kontrolliert zu werden. Und im Zweifelsfall kann das Siegel wieder aberkannt werden.

7. Viele Zeitungen veröffentlichen Rankings darüber, wie gut oder schlecht westliche Firmen ihre Auftragnehmer in Übersee überwachen. Welcher Auskunft kann man trauen?

Es ist schwer, ein übersichtliches Ranking für alle Textilfirmen hinzubekommen. Die „Wirtschaftswoche“ hat es 2010 mit 14 ­Textilunternehmen versucht. Sie vergab 14 Plätze in Reihenfolge.

Die „Wirtschaftswoche“ urteilt: Die Näherinnen bei den Zu­lieferern von Zara hätten die schlechtesten Arbeitsbedingungen aller 14 untersuchten Unternehmen. Zara beschaffe sich kaum selbst aktiv Informationen über die Lebensverhältnisse seiner ­Näherinnen. Das Unternehmen setze vielmehr auf sogenannte „Freiwillige Selbstverpflichtungen“ der Zulieferfirmen. Erstreiten können sich die Näherinnen damit nichts. Als 2010 die Fabrik Garib&Garib, ausbrannte, saßen dort Näherinnen, die gleichzeitig für H&M, Teddy, El Corte Inglés, Provera und Ulla Popken produzieren. Jeder Auftraggeber hat eine andere Selbstverpflichtung. Also Vorsicht: So übersichtlich das Ranking ist, es bleibt ungenau. Den ersten Platz im Ranking der „Wirtschaftswoche“ nimmt ­Hugo Boss ein. Der Grund: Diese Firma bezieht ihre Produkte möglichst nicht aus Billiglohnländern.

Gar nicht berücksichtigt hat die „Wirtschaftswoche“ übrigens Bekleidungsunternehmen, die bei der Fair Wear Foundation ­gelistet sind – einer Stiftung mit Sitz in Amsterdem, die weltweit für bessere Arbeitsbedingungen kämpft. Dort finden sich Hersteller wie Waschbär, Schöffel und Jack Wolfskin.

8. Muss man teurere Kleider kaufen, wenn man den Näherinnen in Bangladesch helfen will?

Es kann nicht richtig sein, dass ein T-Shirt 2,99 Euro kostet. Doch auch ein höherer Preis bedeutet nicht automatisch mehr Geld für die Näherinnen. „Die Arbeitsbedingungen sind über­all ähnlich. Egal, ob für Markenprodukte hergestellt wird oder für Discounter“, sagt Gisela Burckhardt. Tommy Hilfiger verlangt zwar mittlere bis hohe Preise, schnitt aber 2010 im „Wirtschaftswoche“-Ranking bei Transparenz, Verantwortung und Kontrolle schlecht ab. H&M ist Billiganbieter und leistet sich trotzdem ein Büro in Bangladesch. Da ist immerhin Bemühen erkennbar, Kontakt zu den Lieferanten zu halten.

9. Wie können die Firmen den Arbeiterinnen helfen?

Tommy Hilfiger versucht inzwischen, die Lage der Arbeiterinnen bei den südasiatischen Zulieferern zu verbessern. Gemeinsam mit Tchibo unterzeichnete die Textilmarke im Oktober 2012 ein Brandschutzabkommen. Danach könnten Prüfer jederzeit in den ­Fabriken nachsehen, ob es genügend Notausgänge gibt, ob diese frei stehen, ob die Firmenleitung regelmäßig Brandschutz­übungen durchführt und ob Kabel sicher verlegt sind. Auch die lokalen Gewerkschaften sollen bei diesen Fragen mit eingebunden werden. Allerdings tritt die Vereinbarung erst dann in Kraft, wenn sich noch mehr Firmen verpflichten. GAP und H&M weigern sich noch. Sie stehen deshalb aktuell im Mittelpunkt der Kritik.

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