Seelsorge beim Frisör in Uganda

Waschen, färben, seelsorgen

Anne Ackermann

Seelsorge beim Frisör. Eine Mine riss Irene Laker ein Bein weg. Jetzt sagt sie auch zu anderen Versehrten: Du siehst gut aus!

Irene Laker, 32, aus Uganda:

Ich ging aus dem Haus, um Wasser zu holen. Direkt vor der Tür trat ich auf eine Landmine. Die Rebellen hatten sie dort ver­graben, das war im August 2000, es war Bürgerkrieg im Norden Ugan­das. An den Knall erinnere ich mich. Dann an nichts mehr. Ich wachte im Krankenhaus von Gulu auf. Die untere Hälfte meines rechten Beins war zerfetzt. Die Ärzte versuchten, es zu retten, dann traten sie an mein Bett: Irene, du wirst dein halbes Bein verlieren. Ich dachte nur: Hauptsache, ich überlebe das. 

Als mein Verlobter davon erfuhr, trennte er sich von mir. Viele in Uganda sehen Behinderte als Last, oder sie glauben, wir seien verflucht. Behinderte Frauen gelten als hässlich und zu nichts nutze. Doch gerade Frauen sind Opfer von Landminen geworden, weil wir es sind, die das Holz sammeln und den Garten bestellen.

Viele Wochen lag ich im Krankenhaus. Doch ich war nicht allein. Ich habe engen Kontakt zu meiner christlichen Gemeinde. Sie kamen jeden Tag, Nachbarn, Freunde, Kinder. Sie weinten mit mir, beteten, sangen. Die Gemeinde half mir auch, ein künstliches Bein zu bekommen, das ich mir nicht leisten konnte. Ein katholischer Verein aus Italien bezahlte es. Heute laufe ich mit Prothese und Krücke schneller als meine zweibeinigen Freundinnen.

Ich hatte das Gefühl: Auf mich wartet noch eine Aufgabe

Am schlimmsten war, dass ich nicht mehr als Bäuerin arbeiten konnte. Ich hatte zwei Kinder, keinen Mann, der erste war auch schon lange weg. Erst versuchte ich, bestickte Decken zu verkaufen, das lief nicht. Mit Backwaren klappte es besser. Und ich half ehrenamtlich im Büro einer Organisation, die sich um die Landminenopfer in Gulu kümmert. Ich hatte immer das Gefühl, auf mich wartet noch eine Aufgabe. Ich hatte mein Bein verloren, aber ich hatte das Leben wiedergewonnen. Ich war Gott dankbar, das wollte ich weitergeben.

Einmal saß ich wie jeden Morgen vor dem Spiegel und machte meine Haare. Ich habe mich nie gehen lassen nach dem Unfall. Ich sprach mit meinem Spiegelbild: Irene, du siehst gut aus. Ein Teil von dir ist zwar untauglich, aber du taugst noch zu ganz viel. Und dann dachte ich, wenn ich mich selbst aufbauen kann, kann ich das auch bei anderen. Ich schlug der Vereinigung der Land­minen-Überlebenden vor, einen Friseursalon aufzumachen auf dem Gelände des Behindertenzentrums. Sechs Monate lang durfte ich einen Friseurkurs machen. Dann bekam ich einen großen Spiegel, zwei Waschbecken, Schere und Trockenhaube geschenkt. Und einen halben Container: Das ist der Salon.

In der ersten Zeit kamen nur Behinderte, vor allem Frauen, aber auch Männer. Zuerst frage ich, was ich mit ihren Haaren machen soll. Viele haben keine Idee, sie fühlen sich unattraktiv. Oft sagen sie, mach nur Irene, wir vertrauen dir. Dann färbe ich zum Beispiel goldene Strähnen ins Haar, das kommt bei den meis­ten Frauen gut an. Und hinterher mögen sie sich wieder im Spiegel anschauen und strahlen.

Ich kann nicht lange stehen. Meistens arbeite ich im Sitzen. Die Leute verstehen das und setzen sich auf eine Matte. Manchmal lasse ich Videos laufen, meist mag ich es still. Während ich ­frisiere, meditiere ich ein bisschen oder bete. Wenn ich dazu komme. Denn die meisten wollen über ihre Probleme reden.

Die meisten Kundinnen wollen über ihre Probleme reden

Bei den Frauen geht es um ihre Ehemänner, von denen sie sich schlecht behandelt fühlen. Ich sage ihnen: Es gibt einen Mann, der nie enttäuscht – Jesus. Wenn du ihm dein Leben gibst, dann veränderst du dich, und dadurch verändert sich auch dein Leben mit deinem Mann. Manche kann ich überzeugen, andere nicht.

Inzwischen kommen auch Leute, deren Seele krank ist. Früher sind sie zum Hexenarzt gegangen und haben da viel Geld ge­lassen. Denen sage ich: Behalte dein Geld, vom Herrn bekommst du kostenlos Liebe. Ich kann keine Seelen heilen, aber ich versuche, die Menschen aufzurichten und ihnen Lebensmut zu geben.

Manche sagen, dass der Ort hier eine besondere Ausstrahlung hat. Neulich kam eine Frau, die einfach nur auf dem Gras vor dem Container schlafen wollte. Sie sagte: Wenn ich hier bin, fühle ich mich geborgen. Ich kann das verstehen. Wenn ich morgens um halb neun meinen kleinen Salon aufschließe, singe ich. Dann setze ich mich raus und lese in der Bibel. Gegen elf Uhr kommen die ersten Kunden.

Protokoll: Ariane Heimbach

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