Freiwilligendienst in russischem Behinderten-Heim

Und wenn er wieder weg ist?

Gordon Welters

Paul wollte raus aus Deutschland. Laura hatte sich in Russland verliebt. Anpacken, etwas tun wollten sie beide. In einem Heim bei St. Petersburg haben sie sich um Behinderte gekümmert. Und sind an ihre Grenzen gestoßen: Hilft das überhaupt, was wir hier machen?

Den ersten Arbeitstag in Russland wird Laura nie vergessen. Den Geruch nach Putzmitteln, verkochtem Essen und Urin, die endlosen Flure. Vor allem aber die Menschen. Sie schreien, sie lallen, sie liegen apathisch im Bett. Es sind Schwerstbehinderte, mit Epilepsie, Downsyndrom, offenem Rücken, Glasknochen. Nach dem Abitur hat die 21-jährige Laura aus Bremen ein Jahr als Freiwillige gearbeitet, in einem Heim für Behinderte und Obdachlose in Peterhof bei St. Petersburg. „Ich habe noch immer Probleme, mit dem umzugehen, was ich gesehen habe“, sagt sie heute, ein Jahr nach ihrer Rückkehr. Den Plan, Medizin zu studieren, hat sie aufgegeben; sie musste sich neu orientieren.

„Man bekommt Liebe, man bekommt Dankbarkeit von den Leuten, denen man hilft“, erinnert sich der 20-jährige Paul an seine Zeit in Peterhof. Er hat angefangen, als pädagogischer Helfer in einer Förderschule zu arbeiten. Später will er eine Erzieherausbildung machen. Aber auch er ist in Russland an seine Grenzen gekommen.

###mehr-galerien### Als sich Paul mit 18 für den Freiwilligendienst entscheidet, ist er vor allem eines: froh, die Schule, die er kurz vor dem Abitur abgebrochen hat, und den Streit mit den Eltern hinter sich zu lassen. Froh, rauszukommen aus Nümbrecht, einem Kurort zwischen Köln und Siegen, rauszukommen aus Deutschland. In der zehnten Klasse hatte er ein Sozialpraktikum in einem integrativen Kindergarten gemacht. Er mochte die behinderten Kinder. Als ihm eine Lehrerin von einem Freiwilligenprogramm erzählt, denkt er nicht lange nach und bewirbt sich.

Lauras Plan, nach Russland zu gehen, ist auf einer Klassenfahrt nach St. Petersburg entstanden. In ihrem Blog schreibt sie darüber:

 In Olegs Welt ist es immer zu laut. Zu viele Leute auf engstem Raum. Wenn er nicht mehr kann, versteckt er sichGordon Welters

Laura: Irgendwann habe ich in einem eiskalten Fluss ­gebadet. Dabei habe ich in den Himmel geschaut und diesen Eindruck nicht mehr vergessen. Ich habe mich ein bisschen verliebt in dieses komische, weite und unliebsame Land. Ich wollte wiederkommen, um hier richtig zu leben.

Im Internet entdeckt Laura die „Initiative Christen für Europa“, die Freiwilligenaufenthalte finanziert. Sie bewirbt sich für ein Projekt mit blinden und gehörlosen Kindern, wird jedoch für das Psycho-Neurologische Internat, kurz PNI, in Peterhof eingeteilt. Sie bekommt, wie alle Freiwilligen, eine praktische Schulung, lernt, wie man Behinderte aus dem Rollstuhl hebt, wie man sie füttert. Sie ahnt aber auch, dass sie nicht auf alles vorbereitet sein kann.


Paul ereilt der Schock, als er an einem Herbsttag zum ersten Mal die Einrichtung betritt.

Paul: Anita, eine Freiwillige, die schon länger im PNI ­war, hat mich zu den Frauen gebracht, um die ich mich kümmern sollte. Das war so ein Zimmer mit sechs Metallbetten und gelblichen Wänden, von denen der Putz abgeblättert ist. Eine winzige Frau, ungefähr 90 Zentimeter groß, ist gleich auf mich zugekommen und hat meine Hand genommen. Das war total süß. Aber dann hat Anita über sie gesagt: ,Bei Leila musst du ein bisschen aufpassen. Die isst gern mal ihr Kacka. Und Katja, die da hinten auf dem Klo sitzt, greift manchmal nach ganz unten und schmiert sich ein.‘ Sie hat gelacht, als sie das gesagt hat, aber ich hab sie nur angestarrt. Das war einfach hammerhart. Ich war froh, dass mein erster Arbeitstag bald nach dem Kennenlernen vorbei war.

Das Städtchen Peterhof, 30 Kilometer westlich von St. Petersburg gelegen, ist vor allem für sein Schloss bekannt.  Hier residierten Zar Peter I. und Katharina die Große. Ein russisches Versailles, UNESCO-Weltkulturerbe, mit Goldfiguren und Fontänen im Garten.

Eine halbe Stunde Fußmarsch entfernt von dem feudalen Prunk liegt das Psycho-Neurologische Internat, eine regelrechte Betonburg. Hier leben mehr als 1000 Menschen: Behinderte, Demente, Obdachlose. Allein im Regierungsbezirk St. Petersburg gibt es sieben weitere Heime dieser Art. Viele Bewohner wurden von ihren Eltern direkt nach der Geburt ins Kinderheim gegeben, mit 18 Jahren zogen sie ins Psycho-Neurologische Internat um.

 Laura ist groß, viele Behinderte sind ziemlich klein. Trotzdem macht ihr die Arbeit auch körperlich zu schaffenGordon Welters

Betreut werden sie von ungelernten Pflegekräften, den Sanitarkas: Sie putzen die Zimmer, waschen und füttern. Drei bis vier Sanitarkas kümmern sich in 24-Stunden-Schichten um hundert Behinderte. Satt und sauber sollen sie sein. Für anderes bleibt keine Zeit. Deshalb sind die Sanitarkas meist überfordert, wenn die Freiwilligen die Behinderten aus den Betten holen. Obwohl genau das die Aufgabe der Helfer ist.

Paul: Am Anfang haben wir viel über die Sanitarkas geschimpft und uns manchmal mit denen angelegt. Wenn die Bewohner sich gegenseitig Essen vom Teller klauen, teilen die schon mal ein paar Schläge aus. Das ist jetzt nichts, was ich gutheiße, aber irgendwann war es für mich verständlich. Das sind einfach Leute, die einen Scheißjob machen müssen und es nicht besser wissen.

„Die Arbeit ist für die Freiwilligen wirklich hart“, sagt Thomas Seifert von Perspektiven e. V., dessen Partnerverein „Perpektivy“ die Freiwilligen vor Ort betreut. Trotzdem habe in 13 Jahren so gut wie keiner seinen Einsatz abgebrochen. „Das Gefühl, wirklich gebraucht zu werden, erzeugt eine unglaublich große Motivation. Die Freiwilligen wissen: Wenn ich nicht nach Peterhof fahre, bleiben die Bewohner im Bett liegen“, sagt er.

Laura hat wie Paul auf einer Waldorfschule Russisch gelernt. Das erleichtert ihr den Umgang mit Sanitarkas und Behinderten. Doch obwohl sie mit der Zeit auch Vokabeln wie „wlaschnye salfetki“ (Feuchttücher) und „subnaja tschotka“ (Zahnbürste) beherrscht, spürt sie, dass es gar nicht so wichtig ist, was sie sagt. Manche können sie ohnehin nicht verstehen, weil sie taub sind oder schwer geistig behindert. Was zählt, ist Lauras Zuwendung. Dann erlebt sie kleine Momente, die sie durch den Tag tragen und manchmal richtig glücklich machen.

 Woran es vor allem fehlt, das ist Wärme. Ein dicker Pullover reicht da nichtGordon Welters

Laura: Nadja war unglaublich klein und niedlich. Mit ihr habe ich jeden Tag Flaschetrinken geübt. Ich habe einfach immer wieder ihre Hände genommen und um die Flasche gelegt. Irgendwann, so im Februar, hat sie das zum ersten Mal hinbekommen. Das war einfach super, einfach schön. Ich war so stolz auf Nadja und auf mich und auf die Flasche und eigentlich auf alles. Sie hat die Flasche gehalten und ich hatte nur noch einen Finger drunter, damit sie ihr nicht auf die Brust fällt. Das war wirklich toll.

Trotz solcher Erlebnisse macht der lange, dunkle Winter Laura und Paul zu schaffen. Mehrere Bewohner sind krank geworden. Im Garten des Instituts steht ein altes Krematorium. Bis vor einigen Jahren war es noch in Betrieb. Wenn jetzt ein Bewohner stirbt, wird der Leichenwagen gerufen.

 

Paul: Einmal habe ich gesehen, wie die Heckklappe vom Leichenwagen offenstand. Die Leute kamen mit einer Bahre, auf der eine Plane lag, aber es hingen noch Extremitäten raus. Und dann haben die einfach die Plane – jeder an einer Seite – angefasst und auf drei in den Kofferraum geschmissen wie einen Sack Kartoffeln. In dem Moment habe ich mich gefragt, was eigentlich mit den Leuten ­passiert. Es gibt keine Angehörigen, die sich kümmern. Nur den Staat. Für den ist es gut, wenn er nichts mehr bezahlen muss. Eigentlich werden die Leute zum Sterben nach Peterhof gebracht. Unsere Aufgabe ist es, die Zeit, die sie noch haben, möglichst lustig zu gestalten.

Laura trifft es Ende Januar. Unerwartet, während einer Besprechung mit dem Oberarzt. Mehr oder weniger beiläufig erfährt sie, dass eine Bewohnerin gestorben ist, die sie wenige Tage zuvor ins Krankenhaus begleitet hat. Keine Frau aus ihrer Gruppe, aber doch eine, die ihr ans Herz gewachsen war – auch eine Nadja. Ihre epileptischen Anfälle hatten sich gehäuft, sie hatte nur noch blass im Bett gelegen. „Das wird schon wieder“, hatte man Laura gesagt, „das hat sie öfter.“ Aber schließlich war Nadja ins Koma gefallen. Im Krankenhaus hatte Laura lange ihren Kopf gehalten und beobachtet, wie sich die Augen noch unter den Lidern bewegten. Kurz darauf war Nadja tot.
Während des Arztgesprächs schießen Laura die Tränen in die Augen, nachts kann sie nicht schlafen. Wenigs­tens wird es bald eine Beerdigung für Nadja geben.

Laura: Ich werfe noch einen allerletzten Blick auf Nadja, denke an sie, als sie noch atmete, und dass ein Orangenbaum schön als Grabstein wäre; mir wird schlecht, ich verabschiede mich von der Mutter und den zwei Pädagogen, die gekommen sind. In dem kleinen Bus, der Marschrutka, angekommen, blendet mich die Sonne durch die Eisblumen am Fenster. Ich sehe durch kleine Eisblumenlöcher in die Sonne, die auf den Schnee fällt, und mache mir Musik an.

 Laura ist während des Tages erschöpft in ihrem Zimmer eingeschlafenGordon Welters

Laura könnte Supervision bekommen, Perspektivy bietet das allen Freiwilligen an. Aber sie hat das Gefühl, dass es in den Gesprächen nur um den Umgang mit den Bewohnern geht, nie um sie. Wie erschöpft und traurig sie ist, merkt sie erst, als ihre Eltern sie im April besuchen.

Laura: Sinn hat meine Arbeit für den einzelnen Bewohner. Aber eines tut sie garantiert nicht – sie verändert nichts, verändert kein Stück von dem hier. Wir werden nicht mal an der Oberfläche von diesem System kratzen. Die Arbeit bringt nichts außer Bespaßung. Das ist ganz schön deprimierend, weil man doch persönliche Bindungen zu den Bewohnern aufbaut. Und manche einem echt ans Herz wachsen. Man sieht das hier – und in fünf Jahren sind sie entweder tot oder leben noch genauso.

Auch Paul spürt seine Grenzen, wenn er den Leichenwagen sieht oder Katja mal wieder „nach ganz unten gegriffen hat“.

 Der Abschied wird Paul schwer fallen. Hier singen die Bewohner ein Geburtstagsständchen. Ist das nur Bespaßung? Egal - für den Augenblick hilft es.Gordon Welters

Aber er hat einen Mitbewohner, der auch in Peterhof arbeitet. Wenn Paul die Arbeit zu viel wird, geht er früher nach Hause und redet mit ihm die Nacht durch, bis es ihm besser geht.

Laura verlässt das Psycho-Neurologische Internat und wechselt in eine Tagespflegeeinrichtung für behinderte Kinder. Zwei Tage die Woche arbeitet sie nun im Kinderzentrum, drei Tage hilft sie Familien mit behinderten Kindern zu Hause.

Laura: Seine Grenzen zu finden, heißt, sich „Schwächen“ einzugestehen. Seien sie körperlich oder seelisch. Ich finde, man kann aber auch eine Stärke darin sehen, sich abgrenzen zu können, für sich selbst da sein, das können nicht viele Menschen. Wieder etwas dazugelernt.

Den Juli verbringt Laura mit den Tagespflegekindern in einem Zeltlager an der Ostsee. Nur Sonne, Meer und Kiefernwald. Der achtjährige Wasja, um den sie sich kümmern soll, hat es faustdick hinter den Ohren, kratzt und beißt, wenn sie ihn waschen und wickeln will. Trotzdem spürt Laura nach dem langen Winter zum ersten Mal wieder Lebensfreude. Eines Abends schläft Wasja sogar auf ihrem Schoß ein.

Lange hat Laura überlegt, was sie nach dem Jahr in Russland machen soll. Ein Studium, ja. Aber welches? Nachdem sie so viele Menschen mit Behinderungen und Krankheiten kennengelernt und Nadjas Tod erlebt hat, kommt Medizin nicht mehr infrage. Schließlich ent­scheidet sie sich für Englisch und Ethnologie in Göttingen. Ob das die richtigen Fächer für sie sein werden, weiß Laura nicht, aber es ist immerhin eine Perspektive.

 Lauras neue Aufgabe, hier mit den Kindern aus der Tagespflege im Sommer. Mal etwas anderes riechen: Wind, Salzwasser, das FeuerGordon Welters

Laura: Ich kann noch andere Wege von Weltverbesserung gehen. Wenn es wirklich für mich möglich ist und ich Zeit und Geld und Ruhe dafür habe, werde ich das tun und auch gut machen. Aber jetzt, wo ich Probleme habe, damit umzugehen, was ich gesehen habe, kann ich kaum jemand anderem wirklich gut helfen. Ich habe ganz, ganz viel Lust, etwas zu tun, aber wenn meine Batterien total aufgebraucht sind, dann geht das irgendwie nicht.

Paul fällt der Abschied von seiner Gruppe unendlich schwer. Er hofft, dass auch im nächsten Jahr ein Freiwilliger gut für die Frauen sorgen wird. Wenn einer von ihnen etwas zustoßen würde, könnte er das nur schwer verkraften.
Nach seiner Rückkehr beginnt er eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann bei BMW und zieht nach Frankfurt am Main. Dass das nicht das Richtige für ihn sein wird, weiß er eigentlich schon vorher, probiert es aber seinem Vater zuliebe wenigstens aus. Nach sechs Wochen bricht er die Ausbildung ab und beginnt als heilpädagogischer Helfer in einer Förderschule zu arbeiten. Zwei Mal war er seitdem noch in St. Petersburg. Die neue Freiwillige kümmere sich gut um die Frauen, sagt er. Für ihn werden es für immer „seine Mädels“ bleiben.

Paul: Als ich Ostern noch mal meine Mädels besucht habe, hat sich Katja von mir füttern lassen. Bei Fremden würde sie das niemals machen. Das ist ein Vertrauens­beweis. Leila ist mir total um den Hals gefallen und Oxana hat fast einen Schreikrampf bekommen. Ich weiß, dass das Herzblut, das ich da reingesteckt habe, nicht ver­lorengeht.

Information

Perspektiven e.V.

Wie viele behinderte Menschen es in Russland gibt, weiß niemand. „Die Behörden unter­scheiden nicht zwischen einer angeborenen Behinderung und jemandem, der mit 45 Jahren herzkrank wird und regelmäßig Medikamente nehmen muss“, sagt Thomas Seifert. Sein Verein „Perspektiven“ engagiert sich für Kinder und Erwachsene mit Behinderungen in und um St. Petersburg. Etwa 16 Freiwillige schickt er jedes Jahr dorthin, der russische Partnerverein „Perspektivy“ kümmert sich vor Ort um sie. Den Flug und etwa 200 Euro Taschengeld im Monat bezahlen Entsendeorganisationen wie die „Initiative Christen für Europa“.

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Lesermeinungen

Ein sehr guter Artikel, der mich vor allem an meinen eigenen Freiwilligendienst in einem estnischen Heim für Menschen mit Behinderung erinnert hat, weil ich viele ähnliche Erfahrungen machen musste und letztlich durfte. Für zukünftige Artikel über Menschen mit Behinderung würde ich Ihnen, Frau Meister, gerne die gut gemachte und aufschlussreiche Seite www.leidmedien.de für Journalisten und Journalistinnen, die über Menschen mit Behinderung berichten, empfehlen.
Und für Paul und Laura ein gutes Ankommen zurück in Deutschland!