chrismon-Gemeinde 2012 in München

Und plötzlich daheim
Hallbergmoos, nördlich von München, wächst und wächst. In den Neubaugebieten kann man sich verlaufen – aber jetzt steht da ein Turm, der Orientierung gibt
Deutschland spricht 2019

Die Sonne scheint an diesem Sonntagmorgen in Hallbergmoos, aber die Herbstnacht hat die Luft abgekühlt, bis nah an den Frost. Der Platz vor der Emmaus-Kirche ist leer. In einer Stunde ist hier ­Gottesdienst.

Wer die gläserne Tür zum Gemeindezentrum öffnet, hat das Gefühl, in einem Bienenstock gelandet zu sein. Rechts geht es in den Kirchraum, neben dem Altar baut die Jugendband ihre Instrumente auf. Der Chor singt sich ein, drei Männer, zwölf Frauen, von denen die meisten ein Dirndl tragen. An einem Mischpult sitzt ein junger Mann, er justiert einen Beamer, der Liedzeilen an eine Wand wirft. Menschen tragen Bleche mit Kuchen in die ­Küche des Gemeindehauses. Das Gewusel folgt einem Plan, jeder hat seine Aufgabe.

Es ist Erntedank, der Kirchbauverein veranstaltet ein Truthahnessen, da ist viel zu tun. Die Kirche schmücken, die Tische für die Essensausgabe aufstellen, die Technik aufbauen. Auch Rüdiger Schäfer, 48 Jahre, hat geholfen. Er sitzt auf einem der hellen Stühle in der Kirche, in der alles noch so neu ist, dass es nach frisch geschlagenem Holz riecht. „Ich bin da, wenn ich gebraucht werde“, sagt er, „dass ich heute Mittag zum Essen an der Kasse stehe, wusste ich vorhin noch gar nicht.“ Rüdiger Schäfer gehört zu den Leuten, die sich hier einen neuen Ort geschaffen haben.

"Dann kam Tommy, seitdem ist die Bibel entstaubt"

Vor einigen Jahren war das noch nicht absehbar. Kirche? Nach der Konfirmation gab es da für Rüdiger Schäfer kaum Be­rührungspunkte. „Aber dann kam der Tommy, seitdem ist die Bibel ganz schön entstaubt.“ Mittlerweile besucht Schäfer in der Gemeinde einen sogenannten Alphakurs zu Glaubensfragen, neulich hat er dort ein Referat gehalten, Thema: „Wer war Jesus?“ Seine Erkenntnis: „Sich an ­Jesus zu erinnern, bedeutet, auf andere Menschen zuzugehen – auch wenn man im ersten Moment denkt: Mann, ist der komisch!“ Das hilft ihm in der Gemeinde, die sich dem Leitsatz „Mittendrin engagiert für Gott – füreinander – für andere“ verschrieben hat; kürzlich  gab es ein Frühstück für Männer, Tiki Küstenmacher hielt einen Vortrag, es kamen 70 Leute. „Auf die wollte ich ja auch zugehen, viele kannte ich noch nicht.“

 Gleich wird Pfarrer Bachmann in der Emmauskirche die kleine Luisa taufen. Gut möglich, dass die Eltern bald wieder im Gottesdienst sind

Schäfer lebt schon seit zehn Jahren in Hallbergmoos – einem Ort in Bayern, der früher in Schulatlanten als Beispiel für ein Straßendorf galt. Zwei Hauptstraßen, links und rechts Häuser und Höfe, daneben Felder, mehr gab es nicht. Bis der Flug­hafen München 1992 in den Landkreis Freising zog. Hallbergmoos grenzt ans Flughafengelände, dort gibt es Jobs, und damit kamen die Menschen. Auf vielen Wiesen wuchsen Neubaugebiete, Kräne ragen in den Himmel. Aus dem Bauerndorf, in dem 1960 nur 2700 Menschen lebten, wurde eine Gemeinde mit 10 000 Einwohnern. Kein Wunder, wenn man die nicht mehr alle kennt. Die Menschen stammen aus 70 Nationen, das Durchschnitts­alter liegt bei 35 Jahren, jünger darf sich kein anderer Ort in Bayern fühlen. Rüdiger Schäfer findet genau das interessant: „In Hallbergmoos gibt es gibt keine einge­fahrenen Strukturen, hier ist vieles möglich, wenn man sich einbringt und auf andere zugeht.“
Inzwischen strömen die Menschen in die Kirche. Mitten drin Pfarrer Thomas Bachmann – „der Tommy“. So nennen ihn viele hier. Immerzu ist dieses „Hi!“ zu ­hören, mit dem der Pfarrer in rot-weiß ­kariertem Hemd, Weste, Lederhose und wollenen Strümpfen Bekannte begrüßt, es klingt wie „Haiij!“.

Warum die Gemeinde besondere Voraussetzungen hat

Die Evangelisch-lutherische Kirchen­gemeinde in Neufahrn und Hallbergmoos umfasst zwei Orte. In Hallbergmoos leben 4500 Katholiken, gut 1100 Bewohner sind evangelisch. Um eine eigenständige Kirchengemeinde zu bilden, müssten es über 2000 sein. Deshalb sind Neufahrn, links der Isar, und Hallbergmoos, rechts der Isar, je ein Sprengel einer Gemeinde. „Meine Arbeit hier ist vom Dekanat und von unserem gemeinsamen Kirchenvorstand genehmigt“, sagt Sprengel-Pfarrer Bachmann, dessen Stellenzuschnitt einige Besonderheiten aufweist. Zu 50 Prozent wird sie aus dem Haushalt der Landes­kirche für Pfarrergehälter bestritten, für ein weiteres Viertel kommen seit 2010 die Gemeindeglieder in Hallbergmoos auf – die Gemeinde wollte ihren Pfarrer vor zwei Jahren unbedingt halten und sammelte Geld. Noch einmal 25 Prozent der Stelle wird aus dem Missionsgemeindeprojekt der Bayerischen Landeskirche finanziert. Der Grund: In Hallbergmoos gibt es neben den Christen 4000 Konfessionslose. Diese Menschen will die Landeskirche erreichen, Bachmann ist also ein Mann für die Mis­sion. „Das ist sehr reizvoll, weil die Menschen offen sind für Neues“, sagt er.

„Gottesdienst anders“ feiert die Gemeinde zwei Mal im Monat, seit der Pfarrer 2004 nach Hallbergmoos kam, auch an diesem Tag. Es gibt viel Musik, moderne Lieder, eine lebensnahe Predigt. Die Idee dahinter: Die Menschen sollen die Kirche noch mal neu oder überhaupt kennenlernen.

Ohne ihre kleine Tochter Pia, acht Monate alt, wäre Michaela Funk nicht hier. Die 32-Jährige war bislang wohlwollendes Kir­chenmitglied, mehr nicht. „Ich mochte als Jugendliche in meinem Heimatort in Rheinland-Pfalz diesen Druck nicht, nach dem Motto: Wir waren in der Kirche, aber wir haben dich nicht gesehen.“ Trotzdem wollte sie ihre Tochter taufen lassen. Pfarrer Bachmann kam zum Gespräch, lud die Familie zum „Gottesdienst anders“ ein.  „Wir waren erstaunt, dass alles so modern war. Es war auch kein Problem, dass mein Mann katholisch ist. Man kommt einfach, und ist so, wie man ist, mit dabei.“

Michaela Funk wohnt seit sieben Jahren in Hallbergmoos. Die Familie wollte damals in den Norden von München, wo ihr Mann eine Arbeit gefunden hatte. Hallbergmoos schien eine gute Wahl; es gibt zwar keinen zentralen Platz, keinen klassischen Ortskern, dafür aber eine gute S-Bahn-Verbindung und viele neue Wohnungen. Alles ganz praktisch. „Vom Ort haben wir nicht viel mitbekommen, weil wir viel gearbeitet haben. Das wurde durch Pia anders.“ Es begann die Zeit der Spaziergänge mit Kinderwagen, bei denen man andere Eltern trifft und die Nachbarn plötzlich auch tagsüber wahrnimmt. „Dadurch und durch die Kirchengemeinde leben wir nicht nur im, sondern mit dem Ort. Ein Pläuschchen auf dem Bürgersteig – das gibt es nun oft.“

 Ob die Kinder in der Minikirche heimisch werden? Bestimmt! Es gibt ja was zu naschen

Der Pfarrer hat einen Kontakt versprochen, damit die Gemeinde Verantwortung übernimmt

Mittlerweile ist es fast elf Uhr, der Gottesdienst fängt gleich an. Aber Thomas Bachmann hat der jungen Mutter ja  etwas versprochen – einen Kontakt. Beide gehen hoch in den zweiten Stock zur Minikirche, Kinder ab drei Jahren feiern ihren eigenen Gottesdienst. Pfarrer Bachmann sagt: „Das ist die Mi­chaela, sie möchte euer Team von der Minikirche unterstützen!“ Nur eine Kleinigkeit? Vielleicht. Aber der Pfarrer kann noch das Lachen von Michaela Funk und den anderen hören, als er in seine Sakristei eilt, um den weißen Talar über Hemd und Lederhose zu werfen und die Gitarre umzuschnallen. Er vertraut darauf, dass die Gemeinde Verantwortung übernimmt, sich unterstützt. Nun hat er auch Michaela Funk eingebunden. „Mir ist wichtig, dass das System aus Ehrenamtlichen sich selbst trägt. Wenn ich mal gehe, soll ja nicht alles zusammenbrechen.“

Als es früher nur traditionelle Gottesdienste in Hallbergmoos gab, kamen häufig kaum mehr als zehn Leute. Jetzt sind alle Plätze belegt, auch oben auf der Empore, 150 Leute. Beim ersten Lied, „Jesus in meinem Haus“, singen sie noch zaghaft mit, aber der Chor gleicht das aus. Als das Lied zu Ende ist, sagt Bachmann: „Schade, da hat das mit dem Liedtext an der Wand nicht funktioniert, aber jetzt klappt’s!“

Eine Familie ist gekommen, ihre kleine Tochter taufen zu lassen. Der Pfarrer erklärt, dass das Wort „Sünde“ so viel wie Trennung bedeutet – was nicht moralisch gemeint sei, die Menschen hätten einfach nur verlernt, auf Gott zu vertrauen. Die Taufe sei das Fest, diese Trennung aufzuheben. „Luisa, du bist der geliebte Mensch, der zur Gemeinde gehört.“ Bachmann spricht schnell, aber eindringlich. Nach der Taufe sagt er zum Vater des Täuflings: „Jetzt darfst du sie auch mal zeigen!“ Schüchtern nimmt der Vater die Tochter auf den Arm, hält sie hoch. „Ja!“, ruft der Pfarrer, die Herbstsonne scheint durch das Oberlicht.

„Plötzlich ist das Leben anders“, ist das Thema des Gottesdienstes. Die Theologiestudentin Manuela Thormann erzählt, wie ihr während einer Kreuzfahrt immerzu schlecht war. Ist sie seekrank? – Nein, die Beschwerden treten auch daheim auf. Ihr Blut wird untersucht. Die Nieren von ­Manuela Thormann arbeiten nicht mehr richtig, sofort ins Krankenhaus! Mitten in der Nacht muss sie in die Notfalldialyse, sie hadert. Warum ich, warum jetzt, so kurz vor einer wichtigen Prüfung? Sie betet das Vaterunser, „Dein Wille geschehe“, heißt es da. Und sie fasst den Gedanken, dass ihre Krankheit von Gott gewollt ist, dass er sie aber auch begleitet – und hilft. „Das hat mich beruhigt.“

Eine Stunde dauert der Gottesdienst – fünf Minuten die Abkündigungen. Wer will, geht mit vollem Terminkalender nach Hause: Ein neuer  Alphakurs steht an. Und die zweite Kirchen-WG; Gemeindeglieder übernachten in der Kirche, abends gibt es Andachten. Der Chor, der Gospelchor, die Kirchenband, die Jugendband – alle haben ihre Probetermine. Emmaus 20 plus stellen sich vor; die Gruppe für Menschen um die 20 ist aus der Jugendgruppe hervorgegangen und fährt nach dem Gottesdienst in einen Kletterpark.

Beim Abschlusslied – „You are holy, Prince of Peace“ – steht die Gemeinde, alle klatschen in die Hände. Gut, dass alle in Bewegung sind, jetzt wird an­gepackt. Die Tische müssen rein in die Kirche. Es gehört zum „Gottesdienst anders“, dass die Gemeinde gemeinsam isst. Zum Erntedank gibt es ein Festmahl, Truthahn mit Kartoffelauflauf und Rotkohl. Schnell ist der Raum erfüllt mit Stimmengewirr.

 Und die beiden? Die sind schon in der Gemeinde zu Hause. Und in Bayern. Sieht man an der Jacke und den Lederhosen

Eine eigene Kirche? 2023 vielleicht. Dachten alle. Pfingsten war Einweihung

Acht Euro kostet das Truthahngericht; an anderen Sonntagen steht ein Spendenkorb bereit. Aber heute soll ein bisschen was hängen bleiben in der Gemeinde, die etwas geschaffen hat, was das Missionsprojekt von Pfarrer Bachmann überdauern wird: die neue Kirche mit Gemeindezentrum, gebaut aus hellen Backsteinen, Pfingsten 2012 war es fertig – 20 Jahre zu früh. Das Land hatte die ­Landeskirche schon 2003 gekauft, aber es hieß, bis zum Bau würde es Jahrzehnte dauern. Dann ging alles viel schneller.

Paolo Lugli wirkt ein bisschen müde, als er sich einen Stuhl auf den Platz vor der Kirche stellt. Er hat im Chor mitgesungen und den Leuten die Teller gefüllt, ein langer Vormittag. Es ist 14 Uhr, die Leute brechen auf. Das ist die Gelegenheit, in der Sonne zu sitzen, die jetzt noch mal an den Sommer erinnert. Lugli ist Professor an der Technischen Universität München und hat einen Lehrstuhl für Nanoelektronik. Und er ist Zweiter Vorsitzender des Kirchbauvereins. Für ihn und die übrigen Mitglieder ist das fast wie ein zweiter Job. Lugli spricht ruhig, fast so, als würde er physikalische Formeln erklären. Mit sachten Handbewegungen erzählt er die Geschichte des Kirchbaus. Der Kirchbauverein sammelte 200 000 ­Euro ein. Sie haben Feste gefeiert, Adventskalender verkauft und Wein. Spender ­können sich in der Kirche auf Steinen verewigen – und, und, und.

Das beeindruckte die Landeskirche. Viel früher als erwartet bewilligte sie Gelder für den Kirchenbau. Bürgermeister und Gemeinderat gaben 300 000 dazu. Nun steht das Gemeindezentrum, etwa 1,6 Millionen Euro hat es gekostet. Vorher hatte die Gemeinde kein richtiges Zuhause, die Gottesdienste wurden in der katholischen Kirche, in der Schulaula oder im Rathaus gefeiert. Gut 200 000 Euro muss der Kirchbauverein noch an Dar­lehen tilgen – dann ist alles bezahlt.
Eigentlich wäre das der Moment, um durchzuatmen. Das Gemeindehaus ist ­fertig, ein Zentrum für Hallbergmoos, hierhin finden all die Neuen wie Rüdiger Schäfer und Michaela Funk. Lugli, den die Wirtschaftskrise in seiner italienischen Heimat sehr beschäftigt, macht sich Gedanken über neue Ziele: „Uns hier geht es gut. Aber wir sollten auch mal etwas für Arme tun.“ Dann geht er in die Kirche, aufräumen.

In Hallbergmoos sind sie noch lang nicht mit der Arbeit fertig.

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