Seelsorge auf Kreuzfahrtschiff

Kummer im Gepäck

Foto:privat

Als Bordseelsorger auf einem Kreuzschiff - Kurt Triebel berichtet

Es ist sieben Uhr morgens. Wir nähern uns mit der MS Amadea, die ich als Seelsorger begleite, der japanischen Küste. Die Stadt Shimizu liegt vor uns, die Sonne geht strahlend in unseren Rücken auf. Ganz oben auf der Reling steht eine Frau, sicher achtzig Jahre alt. Ich habe sie in den vergangenen vier Wochen – so lange sind wir schon auf Kreuzfahrt von Kanada nach Japan - fast jeden Morgen hier gesehen. Worte gewechselt haben wir noch nie.

Heute aber laufen ihr die Tränen über das Gesicht, und als ich sie anspreche, beginnt sie zu er­zählen. Von ihrem Mann, mit dem sie diese Schiffsreise eigentlich zusammen machen wollte, und der vorher gestorben war, ganz plötzlich. Seine Grabstelle sei noch frisch, aber sie habe die Tour dennoch gemacht, weil er es sich gewünscht habe. „Zu Ihren Gottesdiensten und Andachten komme ich nicht. Die Leute starren mich ja nur an“, sagt sie. Dabei gibt es noch viele andere, die nicht just for fun eine solche Kreuzfahrt mitmachen. Oft erlebe ich echtes Interesse an den fremden Ländern und auch am Glauben. Und nicht wenige haben wie diese Frau Kummer im Gepäck.

Es wird ein langes Gespräch, und wir merken gar nicht, wie nahe wir unserem heutigen Zielort schon gekommen sind. Da wehen Beatles-Melodien vom Land herüber. Das Symphonieorchester einer Schule spielt für das herannahende Kreuzfahrtschiff. Fast an jedem Ankunftshafen in Japan gibt es solche besonderen Be­grüßungen. Wir applaudieren, und es geht weiter mit Johann Sebastian Bachs Ver­tonung des alten Kirchenliedes „Jesu, meine Freude“.
Inzwischen sind viele andere Passagiere aufgestanden und stehen mit uns an der Reling. Die Musik rührt sie sichtbar an und weckt wohl auch Erinnerungen. Ich spüre eine Hand auf meinem Arm. Meine Gesprächpartnerin verabschiedet sich, sie wirkt jetzt fröhlich. Im Gehen winkt sie mir noch einmal zu.

 

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