Krankes System

Tag der Arbeit - gerade im Pflegebereich herrscht großer Notstand. Headhunter und ausländische Kräfte helfen auch nicht weiter.

„Hat bei euch schon mal ein Headhunter angerufen? Bei uns rufen die zu Hause oder auf der Arbeit an. Die wollen uns abwerben für bestimmte Krankenhäuser“, schreibt ein Nutzer im Forum der Internetseite www.krankenschwester.de. Was nach einem Scherz klingt, ist längst gängige Praxis. Im Konkurrenzkampf um Personal wissen sich Krankenhäuser und Altenheime nicht mehr anders zu helfen. Im Jahr 2030 werden eine halbe Million Vollzeitkräfte in der Pflege fehlen, prognostiziert die Bertelsmann-Stiftung.

Eine Traumsituation für die Betroffenen, könnte man ­meinen: Wenn Ressourcen knapp werden, steigt der Preis. Schwestern und Pfleger müssten sich also über hohe Gehälter und gute Arbeitsbedingungen freuen können. Die Wirklichkeit sieht ­anders aus. Laut Arbeitsagentur verdient eine Kranken­schwester mit dreieinhalbjähriger Ausbildung 2500 bis 2900 Euro brutto. Davon abgesehen ist ein Großteil des Pflege­personals chronisch überlastet: Seit Krankenhäuser die Zahl der Kräfte selbst bestimmen können, stellen viele aus Kostengründen weniger ein, als für eine angemessene Versorgung und tragbare Arbeitsbedingungen notwendig wären.

Geld für Headhunter

Man könnte meinen, das alles sei hinlänglich bekannt. Doch statt mit guten Bedingungen langfristig Lust auf Pflegeberufe zu machen und mehr Teilzeitkräfte für die Vollzeit zu werben, geben Krankenhäuser lieber kurzfristig Geld für Headhunter aus. Sie werben Kräfte ab, die dann anderswo fehlen.

Ähnlich Cleveres hat sich die Bundesregierung für die ­Altenpflege überlegt: Mittels Zuwanderungsabkommen soll sich nun ausländisches Personal um Oma und Opa kümmern, zum Beispiel Filipinos – zu denselben schlechten Vertrags­konditionen wie deutsches Personal, versteht sich.

Streiken werden die wenigsten. Viele haben ihren Beruf aus altruistischen Motiven ergriffen. Wenn die ohnehin einzige Schwester auf der Station wegbleibt, kann das für Patienten und Ältere lebensgefährlich werden.
Deshalb müssen auch wir Versicherte uns einmischen, Krankenkassen, Klinikchefs und Politiker mit den Zuständen konfrontieren – und zwar jetzt, solange es uns gutgeht. Der Tag der Arbeit könnte ein Anlass sein. Wenn wir die Pflege­kräfte selbst brauchen, ist es dafür nämlich zu spät.

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Lesermeinungen

Zitat aus dem Artikel, nämlich die Überschrift: "Krankes System". Ich vermag keinerlei Krankheitssymptome am Gesundheitssystem zu erkennen. Ein Mensch ist krank, wenn er nicht tun kann, was seine Aufgabe ist. Das Gesundheitssystem wäre krank, wenn es seinen Zweck nicht erfüllen würde. Der Zweck des marktwirtschaftlichen Gesundheitssystem ist es aber, mit den Krankheiten der Zweibeiner schwarze Zahlen zu schreiben. Und das gelingt diesem Gesundheitssystem sogar ganz hervorragend. Wie gelingt das? Wie in jeder anderen Branche auch. Die Unkosten müssen so gering wie möglich gehalten werden. Also gilt es, möglichst wenige Pflegekräfte zu möglichst geringen Entgelten mit möglichst viel Arbeitsbelastung am Laufen zu halten. Genau das geschieht. Der Erfolg ist durchschlagend. Also von wegen krankes System! Dieses System ist putzmunter und strotzt nur so von Kraft. Dass dabei sowohl die Gesundheit der Patienten wie auch das Befinden des Personals strapaziert werden, ist weder ein Geheimnis, noch ein Problem oder gar ein Widerspruch zum Zweck des ganzen Zaubers. Das ist eine notwendige Folge des Systems. Dass dieses System dann auch noch jedem anständigen, also marktwirtschaftsliebenden Menschen, ans Herz gewachsen ist, könnte natürlich die Frage nach der geistigen Gesundheit der Zeitgenossen aufwerfen. Tut es aber nicht. Stattdessen wird dem System gegen jede Vernunft unterstellt, es wäre dazu da, der Gesundheit normaler Menschen dienlich zu sein. Und weil dieser unsachliche Gedanke liebevoll gepflegt wird, hebt ein großes Lamento darüber an, dass das System krank sei. __________________________ Zitat: "Wenn Ressourcen knapp werden, steigt der Preis. Schwestern und Pfleger müssten sich also über hohe Gehälter und gute Arbeitsbedingungen freuen können." Irrtum. Solange sich Menschen finden, egal ob hier, auf den Philippinen oder in Uganda, denen schon nichts anderes übrig bleibt als zum gebotenen Gehalt und zum abverlangten Stress zu arbeiten, werden diese Leute gesucht und eingestellt. Sollte ein Krankenhausverantwortlicher statt dessen einfach das Gehalt erhöhen, würden genau die Leute, die jetzt über das angeblich kranke System jammern, ein Geschrei über Missmanagement und im Falle von Kliniken in staatlicher Trägerschaft über herausgeworfenes Steuergeld anstimmen. _______________________ Zitat: "Deshalb müssen auch wir Versicherte uns einmischen, Krankenkassen, Klinikchefs und Politiker mit den Zuständen konfrontieren...." Wozu soll es dienen, denen, die diese Zustände durch ihre Politik und sonstiges Handeln herbeiführen und deshalb bestens kennen, nochmal diese Zustände zu schildern?

Die Versorgung von Patienten in den Kliniken wird immer problematischer , da zuwenig Personal vorhanden ist. Stationen müssen zum Teil geschlossen werden. Kliniken mochten gerne Personal einstellen , können aber aus finanziellen gründen kein weiteres Personal einstellen, sodass Vakante stellen nicht besetzt werden.