Niemand weiß, wie es weitergeht.

Julien Chatelin/laif/Julien Chatelin/laif

Nur zwei Kilometer vom Taksim-Platz entfernt residiert die deutsche evangelische Auslandsgemeinde. Vorstandsmitglied und Journalistin Susanne Landwehr über die Proteste und die vorsichtige Haltung ihrer Gemeinde

„Tarlabasi yenileniyor“ – Tarlabasi wird erneuert. Damit begann vor knapp zwei Jahren im Herzen der Stadt eines von vielen gigantischen Sanierungsprojekten in Istanbul. Tarlabasi ist ein altes, multikulturelles und multireligiöses Viertel, in dem vor fast 100 Jahren viele Armenier und Griechen lebten. Hier befindet sich auch unsere evangelische deutschsprachige Gemeinde mit der Kreuzkirche, weitere christliche, griechisch- und syrisch-orthodoxe, Kirchen sowie Moscheen sind in unmittelbarer Nachbarschaft.

Die Liste von Großprojekten à la Tarlabasi ist lang: Eine dritte Brücke über den Bosporus, eine Auto­bahn durch ein Naherholungsgebiet, eine U-Bahnbrücke über die Bucht „Goldenes Horn“. Ganze Stadtviertel wurden geräumt. Dass die Bevölkerung nicht schon früher protestiert hat, ist verwunderlich. Jetzt tut sie es lautstark, auf dem nahe ge­legenen Taksim-Platz und im Gezi-Park. Einmal wollten Demonstranten Parolen an die Außenwand der Kirche sprühen. Unsere Pfarrerin bat sie, das Gebäude zu verschonen. Wir seien eine kleine, wenig bemittelte Auslandsgemeinde und  könnten nicht schon wieder Geld in die Renovierung stecken. Sie ließen es dann.

In der Gemeinde sind wir vorsichtig zurück­haltend. Die Regierung von Premiermi­nis­ter Erdogan hat in den vergangenen Jahren auch einiges bewirkt: Armenische Kirchen wurden saniert, enteignete Liegenschaften zurückgegeben, religiöse Minderheiten offiziell angehört. Der Friedensprozess mit der kurdischen Bevölkerung wurde wieder angestoßen. Doch Erdogans Stil wird als autoritär empfunden. Die Protestler nennt er Marodeure und Vandalen. Die Polizei hat nun mit Wasserwerfern und Tränengas den Taksim-Platz geräumt. Wie es weitergeht, weiß heute niemand.

Susanne Landwehr

Susanne Landwehr ist Journalistin, sie lebt und arbeitet in Istanbul.

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Wohnhaft nur 500m vom Ort des Geschehens, berichtet Studentin Judith Nahrwold, wie sie die Proteste in Istanbul miterlebt.

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