"Paradies"-Trilogie von Ulrich Seidl

Hingucken, bis es ­wehtut

Foto: Neue Visionen Filmverleih

Wer soll es sein? Die Touristin Teresa (Margarethe Tiesel) sucht in Kenia nach einem neuen Liebhaber. Filmszene aus dem Film "Paradies Liebe", aus der Reihe von dem Regisseur Ulrich Seidl.

Schonunglos betrachtet der österreichische Regisseur Ulrich Seidl die Schwächen seiner Mitmenschen. Jetzt kommt der letzte Teil seiner „Paradies“-Trilogie ins Kino. Die handelt von Frauen, die nach „Glaube, Liebe, Hoffnung“ ­suchen – am Strand und im Diätcamp

Teresa ist übergewichtig und mit ihren knapp 50 Jahren auf dem Heiratsmarkt hoffnungslos abgehängt. Ihr Bedürfnis nach Zuneigung und körperlicher Nähe will sie fern der ­Heimat befriedigen. In einem kenianischen Ferienressort mischt sich die Krankenpflegerin unter weiße „Sugarmamas“, mittelalte Europäerinnen, die sich von knackigen afrikanischen „Beachboys“ ihren Urlaub versüßen lassen.

„Paradies: Liebe“

. . . eröffnete eine Trilogie, die der österreichische Regisseur Ulrich Seidl seinen Landsleuten gewidmet hat. Der Film kam im Januar in die Kinos, „Paradies: Glaube“ folgte im März. Im Mai findet die Trilogie mit „Paradies: Hoffnung“ ihren Abschluss. Das Paradies des Titels bleibt den Figuren allerdings verschlossen; die Sehnsucht der Frauen, von denen die Filme erzählen, bleibt unerfüllt. Das Verhältnis zwischen den europäischen Touristinnen und den afrikanischen Jungen beruht auf einer stillschweigenden Übereinkunft, die Teresa erst allmählich durchschaut: Zärtlichkeiten gegen Geld, ein Tauschgeschäft. Moralische Vorbehalte haben unter diesen harschen ökonomischen Bedingungen keine Chance. Dabei sucht Teresa im Urlaub nach etwas, das ihrer Vorstellung zufolge sehr wohl an Moral gebunden ist: aufrichtige Zuneigung.

Der Regisseur Ulrich Seidl, 60, ist ein Alltags­chronist, in dessen Arbeiten sich dokumentarische und Spielfilmelemente mischen. So lässt er gerne Laien sich selbst darstellen, die Hauptrollen aber sind meist mit Profis besetzt. Wenn er seine Darsteller filmt, hält er die Kamera auf das, was sich vor seinem Auge abspielt, lange und ungerührt – bis es wehtut, bis der Zuschauer sich peinlich berührt fühlt. „Ungeschönte Wirklichkeit“ nennt Seidl das. Der starre Kamerablick nimmt seine Protagonistinnen in einer Art Stillleben gefangen, aus dem sie nicht fliehen können. Und dann arrangiert Seidl noch ein, zwei Details, bis er ein sinnbildliches Gemälde komponiert hat.

"Mitleidlos"

Mit dieser Arbeitsweise provoziert der Regisseur regelmäßig Kontroversen. In dem, was er als ungeschminkte Wahrheit präsentiert, möchte sich niemand gerne wiedererkennen. Dabei erzählen seine Filme eigentlich von Verletzungen. Die „Sugar­mamas“ in „Paradies: Liebe“ verlangt es nach Liebe und Zärtlichkeit – auch wenn sie „Riesenärsche und Hängetitten“ haben, wie sie sagen. Dabei nutzen sie ihre finanzielle Überlegenheit gegenüber den afrikanischen Männern skrupellos aus. Dass ihr Verhalten rassis­tisch sein könnte, kommt Teresa gar nicht in den Sinn.

"Mitleidlos" werden Seidls Filme oft genannt. Sein schonungsloser Blick auf die Eigenarten seiner Mitmenschen hat tatsächlich etwas Entblößendes – als wolle er sie ausstellen. Seidl führt seine Schauspieler vor, allerdings ohne Häme über sie auszugießen. Er guckt nur genau hin – manchmal bis zur Stilisierung. Einmal zeigt die Kamera die imposante Teresa nackt auf dem Bett, nur verhüllt von einem Moskitonetz. Die Einstellung erinnert an Gemälde des Barock­malers Peter Paul Rubens, die einer heute aus der Mode gekommenen üppigen Form von Weiblichkeit huldigen.

 Filmszene aus Paradies: Glaube, Anna Maria (Maria Hofstätter, links im Bild) empfängt in ihrer Wohnung die Sturmtruppe Gottes

„Paradies: Glaube“,

. . . der zweite Teil der Trilogie, erzählt von Anna Maria, Teresas Schwester. Sie ist eine bibelfeste Christin und möchte die Welt von allen Übeln befreien. Vor allem aber von einem: „Herr, so viele Menschen sind vom Sex besessen, befreie sie aus ihrer Hölle.“ Auch Anna Maria spürt sexuelle Er­regung, doch anders als ihre Schwester hat sie ihr Begehren unter Kontrolle. Zum Beten legt sie ihr Kleid ab und geißelt sich mit einer Peitsche, die sie ordentlich im Schreibtisch aufbewahrt.

In ihrer Freizeit missioniert Anna Maria. Dann schleppt sie eine „Wandermuttergottes“ in die tristen Wohnungen der Wiener Vorstadt, um das Wort des Erlösers zu verkünden. Mit ihrer penetranten Beflissenheit ließe sie sich leicht als Karikatur einer Fundamentalistin abstempeln. Eben das tut Seidl  nicht. Einmal drängt sie einer Migrantenfamilie ein frommes Büchlein auf und merkt an, die Zugewanderten könnten damit ja auch noch etwas Deutsch lernen.

Anna Maria ist eine Suchende, genau wie ihre Schwester. Hinter ihrer Frömmelei verbirgt sich auch der Drang, sich dem Einfluss ihres muslimischen Mannes zu entziehen, von dem sie getrennt lebt. Der hatte einen schweren Unfall, kehrt eines Tages im Rollstuhl zurück und fordert ein, was er für seine ehelichen Rechte hält. Im Grunde erzählt „Paradies: Glaube“ eine Emanzipa­tionsgeschichte, die in einen Religionskrieg in den eigenen vier Wänden mündet: Sie verhängt sein Mekkabild, er reißt mit der Krücke ihre Kruzifixe herunter. Anna Marias Glaube wird für sie zum Rettungsanker in der Ehehölle, aber die Frau verliert jeden Sinn für Barmherzigkeit. „Kannst du denn nicht sehen, dass dein Unfall ein Geschenk war, uns auf den rechten Weg zu führen?“, erklärt sie ihrem Mann.

"Blasphemisches Machwerk"

Moral und Religion sind wiederkehrende Themen im Werk von Ulrich Seidl, der selbst streng katholisch aufwuchs. Seine Filme kreisen jedoch nicht um diejenigen, die Moral und Religion als Machtinstrumente missbrauchen. Er interessiert sich für die Machtlosen, die sich in ihrer Verzweiflung und Einsamkeit von fragwürdigen Wertvorstellungen leiten lassen.

Bei der Premiere auf den Filmfestspielen von Venedig verurteilten zwei ultrakonservative katholische Organisationen ­namens „No 194“ und „Militia Christi“ den Film „Paradies: Glaube“ als blasphemisches Machwerk. In einer Szene lässt Anna Maria ein sehr großes Kreuz unter der Bettdecke verschwinden. Seidl deutet an, dass sie mit dem Heiland masturbiert, eine gezielte Spitze. Er habe nicht provozieren wollen, beteuerte Seidl später, er habe die Szene lediglich so gedreht, wie sie am bes­ten in die Stimmung des Filmes passe.
Ein Hang zum Absurden findet sich in allen Filmen von Seidl. Die Fallhöhe seiner Figuren ist mitunter sehr groß, die Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit nimmt groteske Züge an. Anna Maria trifft sich mit Gleichgesinnten in einer Betgruppe, ihrer „Sturmtruppe Gottes“. Doch irgendwann verlässt sie der Mut. Als der Konflikt mit ihrem Mann sich zuspitzt, sie ihre Erniedrigungen nicht mehr erträgt, peitscht sie aus Wut und Enttäuschung die Jesusfigur am Kreuz aus.

 Melanie (Melanie Lenz, Bildmitte) und ihre Freundinnen sind genervt vom Drill im Diätcamp, Filmszene aus Paradies: Hoffnung

„Paradies: Hoffnung“

. . . schließt die Trilogie ab. Nun steht eine sehr junge Frau im Mittelpunkt des Geschehens, die 13-jährige Melanie, Tochter der Sextouristin Teresa und Nichte der religiös überhitzten Anna Maria. Das Mädchen wird in ein Diätcamp für übergewichtige Jugendliche geschickt, wo ein latent sadistischer Sportlehrer ein strenges Regime führt. Gleichzeitig fühlt sich Melanie zum Arzt des Heims hingezogen. Abends erzählen sich die pubertierenden Diätpatientinnen auf ihren ­Zimmern von ihren ersten sexuellen Erfahrungen. Melanie hört staunend zu – und wendet das Gelernte gleich auf ihren heimlichen Schwarm an.

„Paradies: Hoffnung“ schlägt einen anderen, zarteren Ton ­als seine Vorgänger an, was auch daran liegt, dass Seidls Dar­stellerinnen hier ausnahmslos Laien sind. Seine Beobachtungen des rigiden Camp-Alltags sind fast verständnisvoll, als verschwöre er sich mit den Mädchen gegen das Zurichtungssystem der Erwachsenen.

Seidls Filme sind in einem tieferen Sinne empathisch, voll Mit­gefühl für seine Figuren. Er überspielt nicht ihre Schwächen, weil sie erst die Protagonistinnen menschlich erscheinen lassen. Er zeichnet auch niemanden übermäßig sympathisch, das käme einer Bevormundung gleich. Seidls Figuren sind ambivalent, voll innerer Widersprüche. Und die sind für den Zuschauer manchmal schwer zu ertragen.

Extreme Versuchsanordnungen

Oberflächlich betrachtet geht es in allen Filmen der Trilogie um die Beziehung von Frauen zu ihren Körpern. Die Sextouris­tin Teresa ist hochsensibel und verletzlich, sie sucht nach emotio­naler Befriedigung. Die superfromme Anna Maria behandelt ihren Körper voller Abscheu – bis zur totalen Selbstverleugnung. Und die schüchterne Melanie versucht mit ihren ungeschickten Lolita-Avancen, ihr körperliches Begehren erst zu entdecken. Der Zuschauer ertappt sich dabei, wie er in „Paradies: Hoffnung“ über die dicken Kinder lacht, die hilflos an Turnseilen hängen. Doch kurz darauf, wenn sie lustlos durch die Turnhalle und übers Gelände schleichen, lacht er wieder mit ihnen. Das Lachen hat letztlich etwas Befreiendes. So gelingt ein seltenes Kunststück.

Seidl setzt die christlichen Tugenden Liebe, Glaube und Hoffnung extremen Versuchsanordnungen aus. Im Vergleich mit anderen Hoffnungsvisionen mag es banal erscheinen, ob die Kinder im Diätcamp ein paar Kilo verlieren oder nicht. Für diese Mädchen ist es wichtig. Die Erwartungen der drei Frauen an Liebe, Glaube und Hoffnung mögen sich nicht erfüllen. Als große Versprechen bleiben sie dennoch erhalten.

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