Finanzberater ist jetzt Schaffner

Finanzberater wird Zugbegleiter

Sebastian Arlt

Berufswechsel. Immer schlimmer litt er unter dem Job in der Geldbranche. Jetzt ist er glücklich: als Schaffner

Claus Eutin, 44:

Silvester habe ich beschlossen umzusatteln. Ein Freund hatte gehört, dass die Bahn Zugbegleiter sucht. Es ging ruckzuck: Onlinebewerbung, dann Telefoninterview, schließlich Vorstellungsgespräch, medizinisch-psychologischer Eignungstest, danach die Ausbildung mit sieben Prüfungen, vier Lernerfolgskontrollen und vier Einweisungsfahrten. Den Stoff, für den junge Menschen in der Ausbildung sechs Monate haben, hatten wir in wenigen Wochen zu absolvieren, das war nicht ohne. Der Lohn ist, dass ich jetzt fahren darf – mit der Betonung auf „darf“. Denn mir macht die Arbeit aus tiefem Herzen Freude. Das war in meinem Leben nicht immer so.

Mit 20 hatte ich eine Lehre als Bankkaufmann begonnen. Dann arbeitete ich fast ein Vierteljahrhundert in der Finanz­branche. Zuerst bei einer Direktbank als „Finanzberater Vermögen und Vorsorge“. Später bei einem großen Versicherungskonzern, auch da hatte ich den Kunden Finanzprodukte zur Altersabsicherung schmackhaft zu machen. Grundgehalt 2900 Euro brutto, aber 50 Prozent davon musste ich auf Ertragsbasis erwirtschaften – ohne Betrug oder großes Glück praktisch unmöglich. Auf Betrug lasse ich mich nicht ein, und das Glück war mir nicht so hold.

Der Anteil derjenigen, die dann tatsächlich Verträge abgeschlossen haben, lag bei mir im Promillebereich. Manche zahlten auch einfach nicht. Dann musste ich dem Konzern die Provision zurückerstatten. In manchen Monaten hatte ich deswegen nur ­einen dreistelligen Nettolohn auf meinem Konto. Oder bekam mal eben fünf Urlaubstage gestrichen.

Für mich lag das nah an der organisierten Kriminalität. Wenn ich in diesen Jahren mal meine Eltern besucht habe, konnte ich im Grunde nur noch schlafen. Das passiert, wenn die Freude fehlt, der Sinn der Arbeit: Entweder man greift zu Drogen, in welcher Form auch immer, man wird sarkastisch oder wird depressiv.

Bei der Bahn dagegen muss ich niemanden zu etwas über­reden, was er eigentlich gar nicht will. Wenn die Reisenden und ich in einen Zug einsteigen, dann wird so was wie ein Beförderungsvertrag geschlossen. Das ist was Reelles. Und was Sinnvolles.

Prestigeverlust? Kann ich nicht erkennen

Meine neuen Kollegen wundern sich, dass ich ausgerechnet Zugbegleiter – ich nenne mich „Schaffner“ – geworden bin. Aber wenn ich ihnen dann erzähle, was ich in der Finanzbranche erlebt habe und dass ich manchmal 60 Stunden gearbeitet habe, dann verstehen sie es. Meine Familie ist begeistert von meinem neuen Job, weil sie ja gesehen haben, wie es mir zuletzt ging. Auch mein Sohn, er ist 14, findet meinen Beruf super.

Nein, ich kann keinen Prestigeverlust erkennen, weil ich jetzt „nur“ Schaffner bin. Mein Gehalt ist zwar etwas geringer, aber ich kann besser planen, weil es regelmäßig kommt, ohne Provisionsanteil. Dafür ist die Arbeit anstrengend. Viel Laufen, viel Stehen. Am Anfang kriegt man einen kräftigen Muskelkater in den ­Waden, weil man ständig das Gleichgewicht halten muss. Und es verlangt einem schon einiges ab, konzentriert Hunderte Fahrscheine zu prüfen. Es macht mir aber auch Freude. So freiheitsliebend ich bin – ich schätze klare Regeln. Mir gefällt die Uniform samt Dienstmütze. Damit begegnet man mir mit mehr Respekt.

Auf dem Zug herrscht eine ganz spezielle Atmosphäre, und man lernt ständig Leute kennen. Da gibt es die Werktätigen morgens um fünf, die hängen sich ihre BahnCard 100 oder ihre Dauerkarte um den Hals und schlafen. Dann gibt es die Reisegruppen, die einen zu einem Glas Prosecco verführen wollen. Aber da bin ich eisern: 0,0 Promille sind Pflicht.
Konflikte gibt es selten. Am Tag habe ich mit etwa 500 Fahrgästen zu tun, wenn sich davon drei mal ein bisschen daneben benehmen, ist das schon viel. Wenn es sein müsste, würde ich im Extremfall auch von meinem Hausrecht Gebrauch machen. Das kommt aber praktisch nie vor. Im Gegenteil: Manche bedanken sich sogar beim Aussteigen für meine Freundlichkeit und sagen, dass sie sich gut informiert gefühlt haben. Das ist für mich das höchste Lob. Für die Kleinen habe ich extra „Kinderfahrscheine“ dabei, das hat schon manche Situation entspannt.

Bislang habe ich es noch keine Sekunde bereut, dass ich die Weiche in meinem Leben umgestellt habe.

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Lesermeinungen

Zunächst möchte ich ausdrücklich betonen, dass ich – gerade bei langen Reisen – auch sehr gerne Bahn fahre und die netten und freundlichen Zugbegleiter – sowohl als Menschen als auch als gerne ihren Beruf Ausübende – überaus schätze und achte! Außerdem bewundere ich Jede/n, die/der für sich (auch oder insbesondere freiwillig und damit bewusst) berufliche Weichenumstellungen vornimmt, die immer mit Risiken verbunden sind. Und schließlich freue ich mit allen, die nachträglich behaupten können, dass diese Weichenstellung bzw. Änderung der richtige Weg war. Soweit so gut!

In o. g. Bericht bzw. Protokoll wird auf eine Branche eingeprügelt, die eine solche Behandlung seit Jahren kennt – unabhängig davon, ob sie selbst oder Andere/Dritte die Gründe für solcherart Hass und Ablehnung liefern. Dieses Procedere ist kritisch zu hinterfragen, ist aber in unserer oberflächlichen und primitiven Welt, die u. a. auch von einem erschreckend sich ins Negative entwickelnden Qualitätsjournalismus geprägt und beeinflusst wird, zwangsläufig hinnehmbar. Und trotzdem nicht zu akzeptieren!

Es erstaunt mich dennoch, dass Sie sich in Ihrem evangelischen Magazin diesem Mainstream nicht nur anschließen sondern das Thema noch kräftig befeuern! Sie verunglimpfen und schaden damit den vielen Menschen, die gerne, kompetent, frei von äußeren Zwängen, ehrlich und jeden Tag aufs Neue motiviert ihrer Arbeit für und mit ihren Kunden erfolgreich nachgehen! Sie bringen in dem Protokoll diese Branche und die dort tätigen Menschen in die Nähe von organisierter Kriminalität! Was oder haben Sie sich überhaupt etwas dabei gedacht? Dem jetzigen Zugbegleiter gefallen seine Uniform samt Dienstmütze, weil sie ihm mehr Respekt seines Umfeldes versprechen…Braucht es Uniform und Dienstmütze um Respekt zu erwarten? Warum hat denn der jetzigen Zugbegleiter 25 Jahre gewartet, um endlich was Reelles, was Sinnvolles zu tun. Befassen sich die Menschen in der Finanzdienstleistungsbranche mit unreeller, sinnloser Tätigkeit? Sind diese Menschen Betrüger oder Glücksritter, damit sie in ihrem Beruf überleben oder so zu ihren Einkommen gelangen? Bitte antworten Sie den Menschen, die dort arbeiten, in der Bank für Diakonie Dortmund, der EKK, der LKG Sachsen e. G. oder auch Anselm von Grün und anderen erfolgreich auch im christlichen Sinne Tätigen. Nachhaltiges ethisches Investieren – kannte Claus Eutin diese seine ehemaligen Möglichkeiten?

Ich verkenne keineswegs, dass es auch in der Finanzdienstleistungsbranche – wie in allen anderen Bereichen und Teilen unserer Gesellschaft auch – schwarze Schafe, massive Fehlentwicklungen, Betrug, Täuschung, Geldverschwender und Sünder gab, gibt und immer geben wird, aber Differenzierungen und vorheriges Nachdenken über das künftig geschriebene Wort schaden auch chrismon nicht.

Frau Dr. Käßmann und Koll. bitte antworten Sie mir nicht derart, dass es sich hierbei nur um ein Protokoll handelt! Auch Worte können verletzen und töten! Ich möchte Sie auch an Ihre Funktion und Verantwortung als Beauftragte der Ev.-Luth. Kirche für das Lutherjubiläum im Jahre 2017 erinnern! Was und wie hätte Ihnen heute Martin Luther geschrieben?

Ist es denn auch völlig undenkbar, dass verantwortungsbewusste und ehrliche Kompetenzträger in der Finanzwirtschaft, bei Banken, Versicherungen oder auch selbstständige Unternehmer sozialpolitische Aufgaben übernehmen, weil familiäre Erziehung und/oder Schule gar nicht in der Lage oder willens sind, aus Kindern und Jugendlichen mündige und in Geld, Finanzen und Wirtschaft erfahrene und kenntnisreiche Bürger zu entwickeln. Warum ist denn die deutsche Mehrheit einem finanzwirtschaftlichen Analphabeten gleichzusetzen? Warum gibt es Initiativen wie „Handelsblatt macht Schule“ oder auch analoge Aktionen von der „Wirtschaftswoche“ und „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, die weitgehend unbekannt sind?

Sachliche und kompetent begründete Kritik ist und bleibt immer sehr wichtig, dreht sich jedoch in ihr Gegenteil um, wenn die Pfade des Anstands, mitmenschlichen Umgangs und guten Geschmacks verlassen werden.

Der Volksmund spricht „von getroffenen Hunden, die bellen“. Das trifft zumindest hier und heute nicht auf mich zu! Zur Klarstellung verweise ich gerne darauf, dass ich in der Vergangenheit auf sehr unterschiedlichen und grundverschieden ausgerichteten Berufsfeldern erfolgreich tätig war und bin. Und ich mich ausdrücklich und aus persönlichen – auch sozialpolitischen - Gründen für meinen jetzigen Beruf des selbstständigen Finanz- und Versicherungsmaklers entschieden habe! Machen Sie sich bitte bei Interesse unter www.stefanvogeldresden.de Ihr eigenes Bild! Weiterhin stehe ich Ihnen für Ihre Rückfragen und/oder ein persönliches Gespräch sehr gerne zur Verfügung.

Ich möchte meine Kritik und meinen Ärger nicht losgelöst von einem Gegenvorschlag oder einer Idee äußern: Warum befasst sich chrismon nicht mit Themen aus der Finanzdienstleistungsbranche/Investmentideen/Versicherungslösungen die sich nicht nur mit unserem christlichen Glauben vereinbaren sondern unser Leben sinnvoll ergänzen bzw. vervollkommnen lassen? Gerne will ich mich daran beteiligen und mitwirken … so dies von Ihnen gewünscht wäre. Dort wo Politik am Ende zu sein scheint, beginnt Ihre/unsere/meine Aufgabe. Ich freue mich von Ihnen zu hören!

Ihr Stefan Vogel

Sehr mutig finde ich den Schritt, in einen Arbeitsbereich zu gehen, der vielleicht auf den ersten Blick weniger "angesehen und interessant" ist. Wichtig ist doch, die vielen Jahre der Berufstätigkeit einigermaßen so zu verbringen, dass es mit der Persönlichkeit und Lebenseinstellung harmoniert. Find ich gut!