Christliche Gemeinden im Libanon

"Es lohnt sich nicht, für ein Stück Erde zu sterben"
Die Christen im Libanon stellen den Präsidenten, den ­Armeechef und noch immer ein gutes Drittel der ­Bevölkerung. Sie leben auch im Frieden mit den Muslimen. Dennoch verlassen viele das Land. Ein Besuch im Nord­osten, wo es nur noch wenige Gemeinden gibt

Er kennt jeden persönlich. Die Familien, in welcher Straße sie wohnen, ihre Ängste. Eliane Nasrallah hält die Hände vor dem weiß-goldenen Talar, der sich über seinem Bauch rund wölbt, und blickt schweigend aus dem Altarraum durch die Reihen seiner Gemeinde. Abuna nennen sie ihn auf Arabisch, ihren Vater. Ein paar Kinder spielen auf dem roten Teppichboden, die Jugend des Dorfes beäugt sich heimlich über die Sitzreihen hinweg.

Auf eine jahrhundertelange Tradition blickt die Gemeinde in Qaa zurück, dem staubigen Ort im Nordlibanon. Die unwegsamen Berge der Region gewähren den Menschen seit jeher Schutz vor feindlichen Armeen. In eine Höhle hier in der Nähe hatte sich der Heilige Maron, Glaubenspatron der Maroniten (der meisten libanesischen Christen) einst zum Gebet zurückgezogen. Die Gemeinde in Qaa ist melkitisch, eine andere griechisch-orthodoxe Konfession. Wie achtlos hingeworfen zwängt sich Qaa zwischen die schiitischen Gebiete des Hermel-Gebirgsplateaus, der gleichnamigen Stadt und der syrischen Grenze. Die liegt nur wenige ­Kilometer entfernt, und der zunehmend konfessionelle Bürgerkrieg wirft einen Schatten auf das Leben der Menschen hier.

„Wir müssen für ein friedliches Zusammenleben von Muslimen und Christen kämpfen“, sagt Nasrallah, als er seine Predigt beginnt. Draußen hört man ein Auto hupen – die Kirche steht an der Hauptstraße von Qaa.  „Es darf nicht sein, dass die Menschen wegen der Spannungen ihre Heimat verlassen müssen“, fährt er fort. Es ist Nasrallahs großes Thema – der massenhafte Exodus der Christen aus dem Libanon, überhaupt aus der Unruhe­region Nahost. Nasrallah betont jedes Wort. „Gott gab dem Menschen die Kreativität, um seine Probleme zu lösen.“ Stille. Erst mit Beginn der Kommunion rühren sich die Leute in der Gemeinde wieder. Fast alle nehmen die Hostie entgegen. Zehn Minuten später ist die Messe zu Ende. Nasrallah steht vor dem Eingang. Sein Handy zeigt mehrere verpasste Anrufe und Textnachrichten. Er schiebt es zurück in seine Tasche, er wird sie später beantworten.

„Sankt Elias ist ein Friedensbringer“

Als Nasrallah Anfang der Achtziger die Verantwortung für die Gemeinde übernahm, lieferten sich Christen und Muslime gerade einen brutalen Bürgerkrieg. Er zog sich bis ins Jahr 1991 und kostete über 100 000 Menschen das Leben, Kämpfer und Zivilisten. Über eine halbe Million Menschen verließen zwischen 1975 und 1984 den Libanon, ein Fünftel der damaligen Bevölkerung. 78 Prozent der Auswanderer waren Christen (so das in Virginia, USA ansässige Lebanese Information Center). Milizen beherrschten das Land. Auch christliche Milizen verübten Massaker. In konfessionell gemischten Gegenden wurden Minderheiten vertrieben. „Ich begann in Qaa einen Dialog mit den anderen Parteien“, sagt Nasrallah über diese Zeit. „Ich wollte den Menschen klarmachen, dass sie hierbleiben und miteinander ­reden müssen.“

Im Verkehrskreisel vor der Kirche reckt eine sechs Meter hohe Sankt-Elias-Statue mahnend den Finger in den Himmel. Sein Blick geht über die kahle, gelb-braune Ebene Richtung Syrien. Das Schwert in seiner Rechten ruht mit der Spitze auf dem Boden. Nasrallah weihte das Denkmal erst vor kurzem, das Geschenk eines reichen Geschäftsmannes. „Sankt Elias ist ein Friedensbringer“, sagt Nasrallah. „Es ist wichtig, nach Frieden zu streben und direkt zu sein – wie ein Schwert.“

Die Eingangstür zu Nasrallahs nahe gelegenen Haus ist offen. Er tritt sich die Füße ab; drinnen ist es kühl. „Wir sind die einzigen verbliebenen Christen hier rund um Hermel“, sagt Nasrallahs Ehefrau Najette. Sie hilft ihm bei der Gemeindearbeit und schiebt ihm jetzt einen Stapel Papiere über den Esstisch. Den Rom treuen griechisch-katholischen Priestern ist die Ehe erlaubt, wenn sie vor ihrer Weihe geheiratet haben. Die Tochter sitzt mit ihren Kindern im Nebenzimmer. Die Söhne haben Kaa verlassen. „Außer uns gibt es nur noch Ras Baalbek und ein paar Familien hier und dort“, sagt Najette. „Keiner gibt mehr Geld für Möbel aus. Sie kaufen nur noch, was sie zum Leben brauchen.“ Nasrallah nimmt die Papiere und eilt durch die Hintertür.

Hinter der Gartenmauer erstreckt sich ein großer Parkplatz, dann auf ganzer Länge ein zweistöckiges Gebäude. Nasrallah überquert den Parkplatz und gelangt durch eine hölzerne Flügeltür ins neue Gemeindehaus. Laute Musik schallt durch die Festhalle, die für Hunderte Besucher Platz hat. Sechs Mädchen und ein Junge üben einen traditionellen Tanz, wirbeln Arm in Arm im Kreis. Eine libanesische Flagge wird geschwenkt. Nasrallah ruft ihnen etwas Aufmunterndes zu.

„Wir wollen, dass wieder Touristen herkommen und die ­Menschen hier ihre Hochzeiten feiern“, sagt er. Über eine Treppe gelangt er ins unverputzte Obergeschoss. Das Dach fehlt. „Hier wird eine Gruppenküche entstehen, und dort drüben mehrere Gästezimmer.“ Nasrallah balanciert an einem Stapel Zementsäcke vorbei. Staubige Werkzeuge liegen darauf. „Da sind die Badezimmer für Männer, und da die für die Frauen.“ Alles ist großzügig angelegt, der Versuch eines neuen Aufbruchs im sich beschleu­nigenden Niedergang. Der Bau des Gemeindehauses geht auf Nasrallahs Initiative zurück. „Ich will ihnen etwas bieten“, sagt er, „ich will, dass die Leute hierbleiben.“ Nun ist das Geld ausgegangen.

Die Klassenzimmer für den Nachmittagsunterricht sind fertig. Die Tür zum Computerraum ist abgeschlossen, Schulmaterial liegt chaotisch gestapelt im Nebenraum. Aber im Moment sind hier keine Schulkinder, sondern Flüchtlinge aus Syrien. Tausende hat der Krieg über die Grenze getrieben. Die Gemeinde bietet ihnen kostenlos medizinische Hilfe. Internationale Organisationen spenden Medikamente. Ärzte aus der Gemeinde arbeiten unentgeltlich. Die eigenen Kinder bleiben zu Hause. Ein Notfall, den Neuanfang im Gemeindehaus hatte sich Nasrallah anders vorgestellt. 

 Die nördliche Bekaa-Ebene mit Qaa, dahinter das Gebirge von Hermel
Die Hauptstadt Beirut ist weit entfernt. Die einzige erkennbare staatliche Institutionen in Kaa ist ein Armeecheckpoint entlang der Landstraße. Gähnende Soldaten winken Autos durch. Daneben liegen verbogene Bahnschienen aus der Zeit des Osmanischen Reichs. Damals, vor 1918, war die Stadt Hermel ein wichtiger Handelsknotenpunkt. Sunniten, Schiiten und Christen stritten um Warenpreise – und weniger über Gott.

Dann kam es zu blutigen Fehden zwischen Christen und Schiiten, zu Kämpfen über Landtitel. Anfang der 1950er Jahre waren Nonnen von den Kleinen Schwestern Jesu nach Hermel und ins benachbarte Ras Baalbek geschickt worden, um zu vermitteln. Bis heute unterhalten die Nonnen in Hermel ein Ordenshaus, einen alten Lehmbau. Für sie muss Nasrallah heute noch die Messe lesen. Nach zwanzig Minuten Autofahrt erreicht Nasrallah das Dorf in den Bergen. „Als wir das Haus 1952 eröffneten, gab es nur eine Wasserpumpe für das gesamte Viertel“, erzählt Schwester Anne-Chantal, eine 83-jährige Schweizerin im blauen Ordenskleid mit Haube und Schlappen im Gemeinschaftsraum. „Damals gab es dort verstreute Gemeinden maronitischer Christen“, sagt sie. „Sie sind alle weggezogen. Und der Priester, der sich damals um diese Gemeinden kümmerte, wurde im Bürgerkrieg getötet.“ Die ausländischen Schwestern blieben.

Sie lernten von ihren Nachbarn Arabisch und wie man lokale Speisen kocht. Sie eröffneten eine Apotheke. Als das Krankenhaus gebaut wurde, begannen sie, Medikamente in den Bergdörfern zu verteilen und die Menschen ambulant zu versorgen. Mittler­weile herrscht Frieden zwischen Schiiten und Christen.

„Aber was kann man tun?“

Schwester Els, die jüngste der Nonnen in Hermel, arbeitet ­ehrenamtlich im nahe gelegenen Krankenhaus, auf halbem Weg nach Kaa. Sie kam erst vor einigen Monaten nach Hermel. „Ein großartiger Ort, an dem sich Christen und Muslime begegnen können“, sagt die 36-jährige Niederländerin mit fast jugendlicher Begeisterung. „Man liegt gemeinsam auf den Zimmern und teilt sich Kaffee und Essen.“ Von der Gewalt während des Bürgerkriegs weiß sie nur aus Erzählungen. Doch der hart erarbeitete Friede ist brüchig, ein neuer Konflikt bedroht die Christen in Kaa. „Vor eini-gen Monaten schlugen Raketen nur einige Hundert Meter vorm Krankenhaus ein“, sagt Schwester Els. „Aber was kann man tun?“

 Auf der Verkehrsinsel: Sankt Elias, ein Rom treuer Heiliger des 6. Jahrhunderts
Hermel ist eine Hochburg der schiitischen Hisbollah. Halb politische Partei, halb Miliz ist sie die stärkste Kraft im Libanon und unterstützt den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Der unterdrückt seit zwei Jahren die Rebellion der vorwiegend sunnitischen Opposition. Viele Christen unterstützen die Hisbollah, suchen bei ihr Schutz. Die syrischen Rebellen nahmen im Mai 2012 die Grenzstadt al-Qusair ein, 15 Autominuten von Hermel entfernt. Die Hisbollah half dem Assad-Regime, den Ort zurückzuerobern. Hunderte syrische Zivilisten starben. Die Aufständischen schossen Raketen in den Libanon, eine Vergeltungsaktion. Die Menschen blieben in ihren Häusern. Schulen wurden geschlossen. Mehrere Bewohner aus Hermel und Qaa starben dennoch.

Unsere Berufung ist es, bei den Menschen zu bleiben“, sagt Schwester Els. „Auch in schlechten Zeiten.“ Wie die Kleinen Schwestern in Aleppo, einer der meist­umkämpften Städte in Syrien. Trotz Nahrungsmangels, tagelanger Stromausfälle und ständig wechselnder Frontlinien halten die Schwestern dort aus, sagt Els mit verhaltenem Stolz. Die Schwestern in Bagdad mussten dagegen ihr Haus aufgeben. Sunnitische Extremisten jagen Christen, sprengen Kirchen und töten Priester. Die Gewalt be­fördert den christlichen Exodus aus dem Nachbarland.

Auch die Christen im Libanon sind verunsichert durch die Gewalt im Nachbarland, etwa die Ajrams*, eine Familie, die der Priester Nasrallah auf seinem Rückweg von Hermel besucht. Nadine Ajram lebt mit ihrem Ehemann und ihren Kindern am Ortsausgang von Qaa. Auch sie waren am Morgen in Nasrallahs Messe gekommen.

Nadines ganze Familie wurde in Qaa geboren. Das Haus hatten die Urgroßeltern gebaut. Jetzt denkt sie darüber nach, ihre Heimat zu verlassen. Während der Kämpfe in al-Qusair konnten die Kinder nachts nicht schlafen. Zu laut waren die Explosionen. „Wir verfolgen genau, was mit den Christen im Nachbarland Syrien passiert“, sagt sie. Im libanesischen Ras Baalbek wurde kürzlich ein Christ entführt. „Gut, dass Hisbollah diese Gegend kontrolliert“, sagt Nadines Ehemann Georg. „Seit sie al-Qusair eingenommen haben, ist es ruhiger geworden. Sie beschützen uns gegen die sunnitischen Terroristen.“ Auch Assads Regime in Syrien gilt vielen Christen als Bollwerk gegen die Dschihadis, die Christen teils wegen ihrer Staatsnähe, teils auch als „Ungläubige“ angreifen.

Früher, während des libanesischen Bürgerkriegs, hatten die Christen eigene Milizen. „Heute sind wir in der Mitte zwischen Sunniten und Schiiten gefangen“, sagt Nadine. „Es ist nicht unser Krieg, doch wir stehen mit dem Rücken zur Wand.“ Doch die Ajrams können nicht auswandern. Ihre vier Kinder sind im Schulalter. Es fehlt am nötigen Geld, ihr Haus ließe sich auch nicht zu einem angemessenen Preis verkaufen. Und Georg, ein Maurer, findet seit Monaten keinen Job. „Wir müssen unsere Kirche hier am Leben erhalten“, sagt er. „Abuna hat unglaublich viel Energie. Aber ein einziger Mann kann nicht viel ausrichten.“

Abuna Nasrallah, der Priester, kommt nach Einbruch der ­Dunkelheit nach Hause. Sein Enkelsohn liegt schlafend auf der Küchencouch. Immer noch wartet Papierarbeit auf ihn, Anschreiben an deutsche Diözesen, Bitte um finanzielle Unterstützung. „Wenn jemand Qaa verlassen möchte, weil er Angst hat, kann ich ihm das nicht verbieten“, sagt er und reibt sich die Augen. Im Fernsehen flimmern tonlos Nachrichten über einen Anschlag in Syrien. „Wir versuchen alles, um hier zubleiben“, sagt er. „Doch wenn der Krieg kommt, gibt es für uns nichts mehr zu tun. Es lohnt sich nicht, für ein Stück Erde zu sterben.“

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