Staatskommissar Philipp Auerbach

Ein falscher Doktortitel

Marco Wagner

Die Judenverfolgung war eigentlich vorbei, jetzt ging es um Entschädigung – aber dann wurde Philipp Auerbach selbst verfolgt
Deutschland spricht 2019

Er war ein schwieriger Mensch. Unbeherrscht, impulsiv, übertreibend, eigensinnig. Solchen Leuten gibt man nicht unbedingt Staatsämter, sie machen auch selten Karriere im Beamtenapparat. Aber Philipp Auerbach wurde gleich nach dem Zweiten Weltkrieg erst „Staatskommissar für ­rassisch, religiös und politisch Verfolgte“ in Bayern, später Präsident des Münchner Landesentschädigungsamtes.

Auerbach, ein großer, massiger Mann, kümmerte sich um die DPs, Displaced ­Persons, und davon gab es nach dem Krieg viele in Bayern. Zehntausende, vielleicht mehr als hunderttausend. Ehemalige Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge, Deportierte, Vertriebene. Sie lebten in Lagern, sogar im früheren Konzentrationslager Dachau.

". . . wir glaubten an die Freiheit"

Auerbach, selbst Jude, selbst im KZ gewesen, will Entschädigungen für die Opfer, aber auch Strafe für die Täter, er will Entnazifizierung. In seinem ersten Rechenschaftsbericht als Staatskommissar 1947 schreibt er: „Als wir in Buchenwald auf dem Fußboden lagen, um mit dem Geheimempfänger die Ansprache von Roosevelt und Churchill zu hören, da hörten wir durch den Äther Versprechungen für eine goldene Zukunft für die Opfer des Faschismus. Und wir sahen vor unserem geistigen Auge, dass sich die Tore öffnen, ... , und wir glaubten an eine Freiheit, in der uns offene Arme empfangen. Das war der Traum.“ Inzwischen aber schäme sich mancher seines DP-Ausweises, weil er befürchte, als Mensch zweiter Klasse bewertet zu werden.

Für diese Leute setzt Auerbach sich ein, er ist sehr engagiert, auch oft fantasievoll. Er prangert antisemitische Tendenzen an und weist in scharfem Ton auf Verwaltungsbeamte hin, die NS-belastet waren. Er schreibt Petitionen und Beschwerden an den Landtag und die Stadtverwaltung, er macht Druck, verlangt gern umgehend Antwort und Konsequenzen. Seine Behörde wächst, 19 Abteilungen hat sie schließlich. Eine von Auerbachs Ideen: Man könne den Opfern jene Vermögenswerte zukommen lassen, die die Spruchkammern den früheren Nazis entzogen hatten.  

Der Antikommunismus gewann an Boden

Heute würde man sagen: Der Mann ist leider überengagiert. Er geht weiter, als die Behörden das möchten. Auch weiter, als es der amerikanischen Besatzungsmacht recht ist. Anfangs steht die Militärregierung noch hinter ihm. Aber dann deutet sich der Kalte Krieg an, der Antikommunismus gewinnt an Boden, die Ewiggestrigen und die Schlussstrichzieher sehen wieder Land. Ein Mann wie Auerbach beginnt zum Ärgernis zu werden. Dem bayerischen Justizminister Josef Müller kommt das ­gerade recht; er beginnt, Material zu sammeln gegen seinen Mitarbeiter.

Die Schriftstellerin Ursula Krechel lässt in ihrem Roman „Landgericht“ (Deutscher Buchpreis 2012) diese Zeit wieder lebendig werden – und die Affäre Auerbach. Da muss sie gar nichts romanhaft zuspitzen, es war so, wie sie es erzählt: Wie das Landesentschädigungsamt zehn Wochen lang besetzt und durchsucht wird. Wie im März 1951 ein Polizeikommando auf der Autobahn einen schwarzen BMW stellt, den Dienstwagen Philipp Auerbachs. Wie über die Presse verlautbart wird, es seien 1,3 ­Millionen Mark an Wiedergutmachungsgeldern erschwindelt worden. „Inbegriffen war der Vorwurf“, kommentiert der Zeithis­­toriker Wolfgang Kraushaar, „Juden, denen ohnehin ein besonders geschickter Umgang mit Geld nachgesagt wird, betrügen den bayerischen Staat.“ Mehr als ein Jahr später – Auerbach sitzt die ganze Zeit im Gefängnis – beginnt der Prozess. Mit einem Vorsitzenden Richter und einem Beisitzer, die Mitglieder der NSDAP gewesen waren, ebenso wie die beteiligten Staatsanwälte und der pychiatrische Gutachter.

"Ein entehrendes Urteil"

Von den vielen Anklagepunkten aber bleibt am Ende wenig übrig, schon gar kein Millionenschwindel. Stattdessen ein falscher Doktortitel und dass er die Mittel für die Entschädigungszahlungen sehr am Rande der Legalität besorgt hatte.

Vier Monate dauert der Prozess. Am ­Ende wird Philipp Auerbach zu zweieinhalb Jahren Gefängnis und einer Geldstrafe von 2700 Mark verurteilt. Gefasst hört er das Urteil an. Zwei Tage später nimmt er sich das Leben, mit einer Überdosis Luminal.

„Ich habe mich niemals“, schreibt er in seinem Abschiedsbrief, „persönlich be­reichert und kann das entehrende Urteil nicht weiterhin ertragen. Ich habe bis zuletzt gekämpft – umsonst.“

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