Die Siedlerin und ich

Marta Slawinska

Jede Woche telefoniert unsere Autorin mit einer jungen Siedlerin im Westjordanland. Denn die ist ihre Hebräischlehrerin. Zwischen Grammatik und Vokabeln lernt sie dabei ein fremdes Denken kennen – und ein bisschen auch sich selbst.

Oi!“ ruft Neria*. Und dann folgt ein langes „Uffffffff“, wie sie das immer macht, wenn eine Mischung aus Ärger und Erstaunen aus ihr rausmuss, vielleicht auch ein bisschen Traurigkeit. Ich habe gerade gefragt, ob sie glaubt, dass sie ihre Siedlung im Westjordanland irgend­wann einmal verlassen muss – jetzt, da Israelis und Palästinenser wieder Friedens­gespräche aufgenommen haben. Und nachdem das „Uffffffff“ in eine lange Pause übergegangen ist, sagt Neria dann doch noch, tonlos: „Ja, das kann passieren... Entschuldige, aber das ist so eine schreckliche Vor­stellung.“

Ich kann Neria bei diesen Worten nicht sehen, wir telefonieren übers Internet, wie immer ohne Bild. Ich stelle mir vor, dass Neria in diesem Moment in ihrer Wohnung in einem der weißen Steinhäuser mit den spitzen roten Dächern sitzt. Ihre Siedlung liegt in den kargen Hügeln des Westjordanlands, „eine Stadt mit hohem, nordamerikanischem Lebensstandard“, wie eine Internetseite Neueinwanderern verspricht.

Es ist einer dieser drückenden Sommertage, in meiner Wohnung im Stuttgarter Kessel ebenso wie auf Nerias Hügel. Ich habe ein Sommerkleid an, sie ganz sicher einen der langen Röcke, vielleicht Sandalen, kein Kopftuch, denn das muss sie als Unverheiratete nicht tragen. Wenn es sehr heiß ist, erlaubt sie sich manchmal, nur ein T-Shirt anzuziehen – und nicht zwei übereinander wie sonst. Denn eigentlich muss Neria Nacken und Ellenbogen bedecken.

Neria ist meine Hebräischlehrerin, vermittelt von einer israelischen Schule. Seit fast einem Jahr versucht sie, mir jede Woche 45 Minuten lang via Skype ihre Sprache beizubringen. Es hat einige Lektionen gedauert, bis ich kapierte hatte, dass sie in einer Siedlung lebt.

Mein Bild von ihr wuchs nur langsam, parallel zu meinem Wortschatz. „Wo wohnst du?“, „Wo kommst du her?“, „Wer gehört zu deiner Familie?“,  „Welche Musik hörst du?“, „Was ist dein Lieblingsessen?“, „Was ziehst du gern an?“, „Hast du einen Freund?“ – das sind die typischen Anfängerfragen in jeder Sprache. Seit ich Neria kenne, weiß ich, dass es grundsätzliche Fragen der Identität sind.

Ich habe mich nicht leicht damit getan, dass Neria meine Lehrerin ist. Ich bin gegen den Siedlungsbau im Palästinensergebiet, ich bin für die Zweistaatenlösung. Ich bin gegen religiösen und nationalen Extremismus. Ich war schon ein paar Mal im Westjordanland. In Bethlehem, in Ramallah. Ich hab mich aus der Ferne gegruselt vor den weißen Siedlungshäusern mit ihren spitzen roten Dächern. In Hebron bin ich vorbei an den verrammelten arabischen Geschäften gegangen bis zum Beginn der schwer bewachten Siedlung, die im Herz der Altstadt sitzt wie ein Thrombus.

Mit Neria spreche ich über den Glauben wie sonst mit niemand

Jetzt finanzierte ich diese spitzgiebeligen Häuser mit. So zumindest kam mir das vor, als Neria meine Lehrerin wurde. Mehrmals habe ich mir überlegt, Dr. Dr. Rainer Erlinger zu schreiben, dem Experten für Gewissensfragen im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“. Ich habe es nicht getan. Wahrscheinlich weil ich Angst davor habe, dass er mir sagt, ich müsse mir eine neue Lehrerin suchen, wenn ich weiter im Einklang mit meinen Grundsätzen leben wollte.

Dabei hatte ich längst angefangen, ­Neria zu mögen. War längst fasziniert von dem Austausch mit dieser Frau, die mir so fremd ist und manchmal ganz nah. Bislang hatten sich meine israelischen Kontakte auf das linke, säkulare Milieu beschränkt. 

Gleich am Anfang hat mir Neria ein Bild von sich geschickt. Darauf ist sie mit ihren neun Geschwistern, den Nichten und Neffen zu sehen. Auch ihre Eltern stehen inmitten der Kinder. Sie sind amerikanische Juden, die Anfang der 80er Jahre nach Israel ausgewandert und in die Siedlung gezogen sind. Die israelische Organisation Peace Now sagt, dass ein erheblicher Teil der Siedlung auf palästinensischem Privatbesitz liege, die Siedler bestreiten das.

Neria ist dort aufgewachsen und zur Schule gegangen, sie hat in Jerusalem studiert. Jetzt unterrichtet sie Schüler wie mich in der ganzen Welt. So lange, bis sie heiraten und Kinder bekommen wird. Dann will sie aufhören zu arbeiten.

Auf dem Foto sieht sie sympathisch aus. Eine junge Frau, Anfang dreißig, also nur ein paar Jahre jünger als ich. Sie hat sehr helle Haut und blaue Augen, ihr braun-rötliches Haar, das sich leicht wellt, ist zu einem Z und lacht. Auch wenn wir skypen, lacht sie viel.

Neria wollte auch gern ein Foto von mir. Ich habe ihr eins von mir und meiner besten Freundin gemailt. Und dann noch eins von mir und meinem Freund. Geschwister habe ich keine, meine Eltern trennten sich schon vor meiner Geburt.  Mit Familie ist da nicht viel.

Meine Lehrerin stellt mir viele Fragen. Nach dem Wetter in Deutschland zum Beispiel, nach meiner Arbeit, wie es meiner Großmutter geht, wie mein Freund heißt, was die Deutschen davon halten, dass syrische Flüchtlinge in ihr Land kommen, ob ich mal heiraten und Kinder bekommen will.



Und immer wieder fragt sie nach meiner Religion, dem Christentum, dazu vor allem. Ich habe ihr die Bedeutung des Pfingstfests erläutert und dabei ziemliche Wissenslücken offenbart. Ich habe mit Neria Glaubensfragen besprochen, über die ich mit meinen engsten Freunden noch nie geredet habe. Weil es sich nicht ergeben hat, weil sie mich noch nie danach gefragt haben – ebenso wenig wie ich sie.

Vor Neria will ich mich erklären. Ich sage ihr zum Beispiel, dass ich zwar nicht an Gott glaube, aber die historische Gestalt Jesus für einen fortschrittlichen, klugen Mann halte. Dass ich gern versuchen will, meinen Nächsten zu lieben wie mich selbst – auch wenn beides manchmal schwer ist –, dass ich mir aber von der Institution der katholischen Kirche und ihren alten Männern nicht vorschreiben lassen will, ob ich verhüten darf oder nicht.

Ich erzähle ihr all diese Dinge – und damit irgendwie auch mir selbst. Vielleicht zum ersten Mal.

Es sei interessant, dass ich zwar nicht an Gott glaube, aber immer noch Mitglied der katholischen Kirche bin, sagt Neria. Das ist eines der wenigen Male, dass sie meine Antwort kommentiert. Meistens sagt sie nur: „Ani mewina“ – „Ich verstehe.“ Aber vielleicht sagt sie das auch nur, weil ich ihre Kundin bin. Manchmal müssen wir gemeinsam lachen, zum Beispiel als ich, ohne nachzudenken, sage, dass ich nicht glaube, dass ihr Messias jemals kommen wird, und mich danach erschrocken entschuldige.

Ich habe von Neria schon viel gelernt. Zum Beispiel, dass manche orthodoxe Juden einen gepackten Koffer zu Hause haben für den Tag, an dem der Messias ankommt. Und dass ihr die Geburtenkontrolle erlaubt ist.

Es gibt Gemeinsamkeiten in unseren Biografien. Beide waren wir auf einer reinen Mädchenschule. „Oi!“, ruft Neria, als sie hört, dass auf meinem katholischen Gymnasium Hotpants und Spaghetti­träger-Tops verboten waren. Und ich muss mir eingestehen, dass ich mich wohl schon Kleiderregeln untergeordnet habe, die ich heute als Unterdrückung der Frau ablehne.

Politik? Lieber konjugieren wir die Formen des Futurs.


Einmal habe ich versucht, Neria den demografischen Wandel in Deutschland zu erklären. Die Sache mit der Schieflage in den Rentenkassen, dem Fachkräfte­mangel. Neria hat das nicht ganz verstanden, nicht nur wegen meines mangelhaften Hebräischs. „Warum bekommen Frauen wie du dann so wenige Kinder, wenn ihr doch diese Probleme kennt“, sagte Neria. Manchmal beneide ich sie um diese Klarheit in ihrem Leben.

Während ich mir mit 30 vor allem Gedanken darüber gemacht habe, ob ich meinen Job mag oder nicht, in welcher Stadt ich mal leben will und ob die Paarbeziehung wirklich ein erstrebenswertes Modell ist, scheint Neria sehr genau zu wissen, was sie will: heiraten und so viele Kinder bekommen, wie Gott ihr schenkt. Dass sie mit 31 noch nicht verheiratet ist, sei ein Problem, sagt Neria, möglichst bald einen Mann zu finden deshalb ihr größter Wunsch. 

Dann, plötzlich, vor ein paar Wochen, platzt Neria gleich nach der Begrüßung damit heraus, dass sie abends ein Date mit einem jungen religiösen Mann hat. Er sei nett, aber ob sie verliebt sei, das wisse sie nicht.  „Wie oft hast du dich mit deinem Freund getroffen“, fragt Neria, „bevor du wusstest, dass er der Richtige ist?“ Und als ich ihr sage, dass sie sich vielleicht ein bisschen Zeit geben muss, antwortet sie: „Ani mewina“ – „Ich verstehe.“ Ich glaube, dass wir uns in manchen Dingen tatsächlich verstehen.

Nur das Thema Politik habe ich bislang zu vermeiden versucht. Einmal hat mir ­Neria erzählt, dass sie mit ihrer Familie jedes Jahr an Pessach nach Hebron fährt – um Solidarität mit den dort lebenden Siedlern zu demonstrieren. Das war der Tag, an dem ich kurz davor war, die Schule um eine andere Lehrerin zu bitten.

Aber als Benjamin Netanjahu und Mahmud Abbas im Sommer Friedensverhandlungen aufnahmen, musste ich Neria einfach fragen, was sie davon hält. Jetzt weiß ich, was ich eigentlich vorher schon wusste: dass sie gegen die Zweistaatenlösung ist und dass sie den Palästinensern unterstellt, es auf das ganze Land abgesehen zu haben. Die palästinensischen Häftlinge, die Israel als Zugeständnis an die andere Seite freigelassen hat, bezeichnet sie als Terroristen. Dann will sie wissen, was ich davon halte. Ich sage ihr, dass ich anderer Meinung bin. Und dann gehen wir schnell dazu über, die Futurformen zu konjugieren.

Manchmal frage ich mich, ob ich Neria sein könnte und Neria ich – wenn es irgendein Gott so  gewollt hätte. Dann erinnere ich mich daran, dass ich ja gar nicht an Gott glaube. Vielleicht frage ich mal Neria, was sie darüber denkt.

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Lesermeinungen

Die Mehrheit der Kommentatoren zu diesem Erfahrungsbericht scheint sich tatsächlich einzubilden, ernstzunehmende Experten auf dem Gebiet des internationalen Völkerrechts, der israelischen Gesetzesgebung und der Nahostpolitik zu sein, und sich daher die Freiheit zu nehmen, den besagten Artikel zu verreißen. Kein Wort über den sonst doch ins Zentrum des Blickwinkels gerückten Pluralismus, Toleranz und wie sich sonst die Tugend nennt, andere Meinungen und Realitäten zu akzeptieren und die Gelegenheit zu nutzen, aus Erfahrung zu lernen. Nein, die trockenen Hüter der Moral, welche sie fleißig aus dem jahrelangen Pressekonzens der deutschen Medien abgeschrieben haben, achten nicht auf solche Dinge. Sie sorgen sich um das angeblich mit Füßen getretene Völkerrecht, um die Achtung von Recht und Ordnung entsprechend der eigenen Weltsichten in einem ihnen fremden und nichts mit ihnen zu tun habenden Land, und einer fremden Gesellschaft, die sie nicht verstehen können und auch nicht werden, wenn sie auf die Richtigkeit eigener Meinungen pochen.

Chapeau also vor der jungen Frau, die es gewagt hat, die Mauer der Vorurteile zu durchbrechen, die sie lähmenden Stereotype in die Ecke zu drängen und sich auf das Abenteuer Mensch einzulassen, und darüber zu berichten. Vielen Dank für den Artikel, sehr interessant und hoffnungsvoll.

Die schreckliche Vorstellung, begangenes Unrecht wieder gut machen zu müssen, wird gleich zu Beginn dieses Berichts verschluckt. Es ist das stetig zu erfahrende Abbild der inneren Einstellung und Abwehr in deutschen Journalistenseelen. Gehorsam der Staatsräson der Kanzlerin, den Staat Israel bei einer Rezension "der Historischen Verpflichtung bewußt" ins Bild zu setzen. Jede Konfrontation mit Verstößen gegen das Geltende Völkerrecht zu vermeiden.

Der Artikel spricht eine Vielzahl von Gegensätzlichkeiten und von undeutlich gelassenen Verstößen gegen das Geltende Völkerrecht an, ohne sich die Mühe zu machen, sie wirklich auflösen zu wollen. Es ist die seit langem bekannte Gratwanderung von Journalisten in Deutschland.

In Artikel 49 der IV. Genfer Konvention von 1949 ist es der Besatzungsmacht verboten, die eigene Bevölkerung in den besetzten Gebieten anzusiedeln. Kein Journalist in Deutschland wagt es seit Jahrzehnten, dieses Verbot deutlich auszusprechen. Da fragt sich der aufmerksame Leser, welchen Grund gibt es dafür?

Es gibt tatsächlich diese zwei Ebenen, die Beziehungen zwischen den Regierungen in der Bundesrepublik Deutschland und dem Staat Israel und den Menschen in diesen Staaten.
Die Beziehungen zwischen den Menschen zeigen, sie sind alle Menschen mit dem Wunsch nach einem gesicherten und friedvollen Leben. Doch auch auf dieser Ebene des menschlichen Gegenübers geschieht eine gegenseitige Abwertung des entgegengesetzten Menschseins. Die Bevölkerung, die sich gegen einen widerrechtlichen Eindringling wehrt, sind ganz einfach Terroristen.

Die demokratisch rechtmäßige Wahl der Hamas wird von Rechtsstaatlichen Demokratien des Christlichen Westens boykottiert. Die sich dann zum Richter über den "Terrorismus" der Palästinenser erheben, gleichzeitig jedoch den Staats-Terror Israels unangetastet lassen. Die gleichen Sanktionen, die gegen Teheran wirksam sind, hätten einem Gerechten Frieden in Palästina seit Jahrzehnten auf die Beine geholfen.

Jeder Einzelne ist aufgefordert - diese Verpflichtung ergibt sich aus bestimmten Artikeln des Grundgesetzes ( z.B. Artikel 25 GG ) der Bundesrepublik Deutschland
- , Entscheidungen zu treffen, die die größere Sache in Bewegung bringen kann und muss. Z. B. Bewusst keine Waren aus der Produktion von israelischen Betrieben in den besetzten Gebieten zu kaufen.

Staatsbürger Israels, die in die sogenannten Siedlungen gehen und dort bleiben, bewirken eben keinen Frieden durch ihr Handeln. Ihre Bekundung, den Frieden zu wollen, ist unglaubwürdig. Sie vollziehen mit ihrem Handeln einen Verstoß gegen das Geltende Völkerrecht, das sich auch Israel durch Unterzeichnung verpflichtet hat, zu befolgen. Es ist zudem eine Ungeheuerlichkeit, von dem einen Freispruch erzwingen zu wollen, dem das Unrecht angetan worden ist. Von ihm wird als "Gegenleistung" verlangt, das begangene Unrecht im Nachhinein als Rechtmäßigkeit anzuerkennen. Darf in einem Rechtsstaat der Dieb Bedingungen stellen, ob er sein Diebesgut an den Eigentümer zurück gibt und dafür noch eine "Belohnung" erhält?

Das Bild der sogenannten Siedlungen ist sehr zutreffen wiedergegeben worden.
Es überlaufen den Betrachter erschreckende Schauer.

Die Wurzel für dieses Erscheinungsbild ist in der grundlegenden Haltung zu finden, mit der der Staat Israel in der Arabischen Welt aufgebaut worden ist
-
und noch wird. Die verantwortlichen Gründer des Staates Israel ( Ben Gurion u.a. ) haben die Arabischen Staaten zu keinem Zeitpunkt als Partner für ein gemeinsames Zusammenleben betrachtet. Das ist u.a. von Tom Segev über das Entstehen des Staates Israel aufschlussreich beschrieben worden.

Darum wird - gerade nach den jahrzehntelangen menschenverachtenden Handlungen der Regierungen Israels an der Bevölkerung in Palästina - der Aufbau eines Staates der Palästinener nicht an der Seite Israels sein. Weil Israel selbst nie an der Seite seiner Arabischen Nachbarn seinen Staat aufgebaut hat.
Sondern
sich von Anfang an als nicht zu dieser Welt in diesem Land zu gehören aufgestellt hat. Es sah sich damals als der Vorposten der "westlichen zivilisierten Welt" im Arabischen Land. Heute so selbstgerecht als "Vorkämpfer gegen den Terrorismus", den es selbst in das Land gebracht hat.

Wenn die Siedler, die Frieden wollen, trotzdem in den Siedlungen bleiben, dann kann ich ihnen kein Vertrauen entgegen bringen, denn dann hätten sie erst nicht in die Siedlungen gehen dürfen.

Das sind auch keine "Siedlungen". Die Bilder dieser sogenannten "Siedlungen"
entsprechen immer noch dem ursprünglichen Sinn und Zweck dieser gegen das Völkerrecht verstoßenden Bebauung, sie sind als "Wehrdörfer" gedacht.
Wohl wissend, welches Unrecht hier auf fremdem Boden gemauert wird.
Moshe Dajan sagte schon in den Anfangszeiten:
"Der einzige Grund für die Anwesenheit der Armee Israels in den Besetzten Gebieten sind die Siedlungen."
Das ist bis heute die logische Verknüpfung für das völkerrechtliche Unrecht, das jede Regierung Israels unbeirrt und leider auch unbehindert fortsetzt.

Die Werbung für die Siedlungen mit nordamerikanischen Standard ist eine ungeheuerliche Provokation. In keinem Rechtsstaat ist die Werbung für den Verkauf von Diebesgut straflos. Hier verschweigt die Schülerin des Hebräischen ebenso den Raub am Wasser für die Palästinenser als den rechtmäßigen Eigentümern des Landes.
Dazu kommt die unzulässige Einschränkung der Bewegungsfreiheit auf ihrem eigenen Staatsland. Die "Siedler" bauen sich eigene Straßen, von denen die Eigentümer des Landes von den Eindringlingen fern gehalten werden.

Wenn die Rechte der Palästinenser an ihrem Land und auf ihren Lebensraum verschwiegen werden und nur ihre berechtigte Gegenwehr dargestellt wird, die eben nicht als berechtigt erkannt wird, da bleibt nur die logische
Schußfolgerung: Terror.
Dabei wird vergessen gemacht, daß erst durch die Gründung des Staates Israel dieser Terror in die Arabische Welt eingetreten ist. Er begann mit den Untergrundbewegungen der zionistischen Siedler gegen die arabische Bevölkerung.
Die Fatah und die Hamas verteidigen nicht mehr als ihr eigenes Land gegen einen Eindringlich, der ihrem Volk das Land wegnimmt. Warum wird ihnen die Anerkennung verweigert, die einer Resistance in Frankreich und den Partisanen in Rußland gegen die Armeen Hitlers zuerkannt wird?

Durch diesen Beitrag von Frau Welzhofer hat die Unaufrichtigkeit des Journalismus in Deutschland eine Fortsetzung erfahren. Verstörend für mich ist die Tatsache, es geschah in CHRISMON.

Sehr nachdenklich
Ihr
Heinz Kobald

Ich finde den Artikel gut! Endlich mal etwas, das einen nicht depressiv macht (im Vergleich zu vielen vielen anderen Artikeln, die jeden Monat in ihrem Magazin erscheinen). Ich kann aber auch die Kritik verstehen, dass hier nicht Position bezogen wird gegen den Siedlungsbau. Trotzdem fand ich es spannend und habe es gern gelesen.

Auch Siedler wollen Frieden. Die Frage ist, zu welchem Preis. Ich kenne Siedler, die sofort bereit wären, ihre Siedlung zu verlassen und ins Kernland Israels zu ziehen - für die Anerkennung Israels und für Frieden im Gegenzug. Die Reaktion der Palästinenser auf den einseitigen Rückzug Israels aus Gaza 2005 hat viele Friedens-Hoffnungen in Israel zunichte gemacht. Die Alternative wäre, dass auch die Westbank zum "Hamas-Staat" wird. Wer will das? Ich habe auch viele Siedler kennengelernt, die nicht religiös sind. Ich habe Siedler kennengelernt, die sehr tolerant sind. Ich habe Palästinenser kennengelernt, die in Siedlungen leben. Ich halte Siedlungen im Westjordanland im Allgemeinen für nicht zukunftsfähig und hoffe, dass die Palästinenser eines Tages bereit sind, ihre Zukunft in die Hand zu nehmen und einen selbstständigen Staat Palästina zu bauen, an der Seite Israels. Ich freue mich über die Neugier und die Offenheit der Autorin, sich auf den Austausch mit Neria einzulassen.

... dass mir gezeigt wird, dass man, wenn man völkerrechtswiedrige Themen nicht behandelt, mit jemandem kommunizieren kann?
... dass man ignorant gegenüber dem Leid tausender Palästinenser angesichts des Weiterbaus von Siedlungen in der Westbank eigentlich auch mal ganz froh sein kann, wegen eines Sprachkurses die s.g. "eigenen Prinzipien" über Bord zu werfen?
Ein solcher Beitrag ist blanker Hohn für alle, die sich an diesem Thema wirklich abarbeiten, an der zerfahrenen Situation leiden oder (schlimmer noch) direkt davon betroffen sind.
Wenn die Autorin selbst schon durch besagte Straßenzüge in Hebron gelaufen ist, kann ich die gefährliche Naivität im Umgang mit einer Person die offenkundig zu diesen Straftaten nicht verstehen. Der Unterton, der mitschwingt, klingt für mich nach "Das ist alles ziemlich furchtbar, aber wenn man mal genauer hinschaut, ist es gar nicht so schlimm, wenn man es nicht als so schlimm ansieht!" Pfui!

Mein Vorschlag:
Die Geschichte des Staates Israel und die bisherigen Verträge und Reaktionen betr. "Palästinensern" darstellen.
Aus dem "gemeinsamen christlichen Glauben" muss keine Lösung kommen. Es reicht, anzuerkennen, dass es verschiedene Religionen gibt.

Jede Unterstützung der völkerrechtswidrigen Siedlungen im völkerrechtswidrig seit 46 (!) Jahren Palästinensergebiet verlängert die Unterdrückungszeit der Palästinenser und arbeitet gegen den Frieden. Das will ich chrismon nicht als bewußt unterstellen, aber es ist so. Ich denke, chrismon als Zeitschrift von und für Christen sollte am Nahostfrieden mitarbeiten. Mein Vorschlag: Eine Kurzfassung des KAIROS-PALÄSTINA-Dokuments den Lesern vorstellen. Darin haben alle Kirchen Palästinas in seltener Einmütigkeit und nach langen gemeinsamen Beratungen die notwendigen Festlegungen erarbeitet, die im Blick auf den dringend nötigen Nahostfrieden zwischen Israel und Palästina aus dem gemeinsamen christlichen Glauben heraus wichtig sind: Voraussetzungen und Ziele eines Friedens (der für die langfristige Existenz des Staates Israel in Sicherheit unerläßlich ist).

Hermann Kuntz