Mehr Zeit für die Familie

Die Rushhour des Lebens

Foto: epd-bild/Rainer Oettel

Familien haben zu wenig Zeit. Kann der Staat ihnen da helfen?

Schade, dass diese Idee in der Polit-Routine unterging: Andrea Nahles fordert eine 30-Stunden-Woche für Mutter und Vater. Und weil klar ist, dass ein Paar, das zusammen nur 60 Stunden pro Woche arbeitet, weniger verdient, will die SPD-Generalsekretärin ihrer Partei ins Wahlprogramm schreiben, dass der Staat die Einkommensverluste ausgleicht.

Die Idee verdient Beachtung. In kaum einem Land der Welt entscheiden sich noch weniger Paare für Kinder als hierzulande. Ein ganz wichtiger Grund für die niedrige Ge­burtenrate in Deutschland: Eltern haben zu wenig Zeit. Wer mit kleinen Kindern lebt, weiß, wie auszehrend es ist, eine Zweijährige morgens rechtzeitig in die Kita zu bringen, dann zur Arbeit zu hetzen und später am Tag unter den kritischen Blicken der Kollegen pünktlich Feierabend zu machen – Kind abholen. Diesen Stress könnten Paare, die zwei bis vier ­Jahre alte Kinder haben, mit dem Nahles-Modell gemeinsam bewältigen. Mit positiven Nebenwirkungen für die Gleich­berechtigung: Die traditionelle Arbeitsteilung (Papa geht arbeiten, Mama bleibt zu Hause oder arbeitet weniger) zementiert die Einkommenskluft zwischen den Geschlechtern. Bei oft besserer Qualifikation verdienen Frauen immer noch durchschnittlich 22 Prozent weniger als Männer. Kein Wunder, wenn sich junge Frauen von vornherein gegen Kinder entscheiden. Dagegen geben Väter in Umfragen regelmäßig an, dass sie gern mehr Zeit für ihre Kinder hätten; mit dem SPD-Vorschlag hätten sie dann sogar einen Rechtsanspruch darauf. Und wenn eine ganze Elterngeneration plötzlich vorübergehend die Arbeitszeit reduzierte, müssten Unternehmen endlich auch Teilzeitbeschäftigten echte Karriere­optionen eröffnen.

So ein Modell muss nicht teuer sein: Weil Mütter damit im Durchschnitt mehr verdienen dürften als heute (es blieben ja weniger zu Hause), fielen mehr Einkommensteuern an. Und das teure Ehegattensplitting, das Einfachverdiener steuer­lich bevorteilt, würde sich mit der Zeit selbst abschaffen – weil beide Partner ähnlich viel verdienen.

Übrigens: Die Idee lässt sich übertragen auf Paare, die Angehörige pflegen, zum Beispiel die alten Eltern – auch eine Aufgabe, die man lieber gemeinsam bewältigt.

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