Palliativmedizinerin Petra Anwar

Die geschenkte Zeit

Petra Anwar, Jahrgang 1965, ist Ärztin und spielte sich selbst in dem Kinofilm "Halt auf freier Strecke" - Foto: Jakob Hoff

Petra Anwar ist Palliativmedizinerin in Berlin. Sie hilft Schwerstkranken und ihren Familien. Mit Morphinen und mit Menschlichkeit.

Anfang Dezember 2010 beginne ich mit der Betreuung einer Frau, deren Lebenslauf dem meinen gar nicht so unähnlich ist. Maike ist 49 Jahre alt, verheiratet, von Beruf Krankenschwes­ter, Mutter von zwei Töchtern, 17 und 15 Jahre alt, eine starke, tatkräftige Persönlichkeit. Doch Maike leidet seit mehreren Jahren an einem metastasierten Tumor des Magens. Unzählige Operationen und Bestrahlungen liegen hinter ihr. Es bestehen keine spezifischen Behandlungsoptionen mehr, auch die Möglichkeiten der Chemotherapie sind erschöpft. Maike ist „austherapiert“.

Das Buch

Dies ist ein gekürzter Auszug aus: Petra Anwar mit John von Düffel: Geschichten vom Sterben.

12 Geschichten aus dem Arbeitsalltag von Petra Anwar, die für „Home Care“ in Berlin arbeitet. Aufgeschrieben vom preisgekrönten Dramaturgen und Autor John von Düffel. Piper, 19,99 Euro.

Maike hat viele Jahre als Krankenschwester gearbeitet. Sie ist sich über den Verlauf ihrer Erkrankung völlig im Klaren und geht ganz sachlich damit um. Von dem Gedanken an Heilung hat sie sich verabschiedet. Maike weiß, dass sie stirbt. Jetzt geht es darum, die körperlichen Symptome in den Griff zu bekommen – Schmerzen, Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, Wasser im Bauch. Es geht um Lebensqualität, nicht um Lebensquantität.

Es ist ein sehr offenes Gespräch, das uns beide viel Kraft kostet. Maike will sich vergewissern, ob ich für sie die richtige Ärztin bin und ob sie auf mich bauen kann. Denn sie wird mir, wie sie es nennt, irgendwann „ausgeliefert“ sein. Anfangs ist sie sehr zurückhaltend, förmlich, distanziert, auch wenn sie über ihren Zustand mit großer Direktheit redet. Es ist wie eine Testphase. Ich spüre, wie sehr ihre Entscheidung für oder gegen mich davon abhängt, ob ich ihre Wünsche und Bedürfnisse auf diesem letzten Weg verstehe. Wir sitzen in ihrem Zimmer, Licht durchflutet es, Kinderzeichnungen an der Wand, Regale mit vielen Büchern und Musik-CDs. Es ist ein optimistisches Zimmer, ganz hell. Am Ende sagt Maike Ja und gibt mir die Hand.

Immer wieder kommt sie auf aktive Sterbehilfe zu sprechen.

Mit Hilfe verschiedener Medikamente wie Morphin, Cortison, Entwässerungs- und Abführtabletten gelingt es, die Symptome zu lindern. Der Stuhlgang wird regelmäßiger, das Wasser im Bauch geht zurück, Übelkeit und Schmerzen lassen nach. Am Anfang macht das Morphin Maike sehr müde, eine Nebenwirkung, die mit der Zeit nachlassen wird, wie ich ihr mehrfach versichern muss. Und so kommt es dann auch. Maike muss nicht mehr die meiste Zeit im Bett verbringen, ihre Freiräume werden größer.

Dann, Anfang März, gerade als der Frühling beginnt, gerät sie in eine psychische Krise. Sie erträgt die Situation nicht mehr. Körperliche Beschwerden sind kaum vorhanden, aber ihre Seele ist krank. Sie hat den Tod jetzt immer vor Augen.

Die Ausweglosigkeit ihrer Situation macht ihr das Leben zur Qual. Maike sieht keinen Sinn mehr darin weiterzumachen. Auf meine Einwände, dass sie im Moment doch keine größeren Schmerzen habe, reagiert sie wütend. Sie fühlt sich nicht ernst genommen. Immer wieder kommt sie auf aktive Sterbehilfe zu sprechen, fordert sie offen von mir ein. Jedes Gespräch mit ihr wird zu einer Zerreißprobe. Bitten, Vorwürfe, Angriffe – und hinter allem Verzweiflung. Maike will nicht mehr.

Der geplante Familienurlaub an der Ostsee wird abgesagt. Maikes jüngere, 15-jährige Tochter geht nicht mehr in die Schule, ist offiziell krankgemeldet wegen einer schweren Erkältung. Sie verliert die Stimme, bringt kaum noch einen Ton hervor. Die plötzliche Veränderung und Verzweiflung ihrer Mutter hat ihr offenbar die Sprache verschlagen. Sie will das Haus nicht mehr verlassen, vielleicht aus Angst, dass sie zurückkommt und ihre Mutter nicht mehr da ist. Die Situation spitzt sich zu.

Jedes Mal dieselbe Aussage, sie wolle dieses Leben nicht mehr.

Je nach Krankheitsverlauf und Befinden besuche ich meine Patienten zwei- bis viermal die Woche. Aber ich bin immer erreichbar, rund um die Uhr, das wissen sie, und es gehört wesentlich zu der Sicherheit, die sie brauchen in ihrem Alltag ohne Gewähr. Maike ruft jetzt immer wieder außer der Reihe an und bittet mich zu kommen. Am Telefon wie im direkten Gespräch jedes Mal dieselbe Aussage, sie wolle dieses Leben nicht mehr, ich bräuchte das nicht schönzureden, sie wolle jetzt sterben, was ich für eine Ärztin sei, dass ich sie nicht ernst nehme, bisher habe sie sich immer gut aufgehoben gefühlt bei mir – jetzt nicht mehr! Ihr Vertrauen in mich bekommt Risse. Der Umgang wird schwierig, jedes meiner Worte wird auf die Goldwaage gelegt. Die Anspannung steigert sich manchmal bis zum Psychoterror. Für mich ist es schwer, für die Familie fast unerträglich.

Die weitgehend schmerzfreien Tage, die Maike durch die Palliativmedizin gewinnt, sind für sie auf einmal kein Geschenk mehr. So extrem wie bei ihr habe ich diesen Umschwung selten erlebt. Zu keinem Zeitpunkt war Maike larmoyant oder selbstmitleidig gewesen, sondern immer tapfer und kämpferisch. Sie gehörte zu denjenigen, die gesünder scheinen wollen, als sie sind. Geklagt wird nicht! Als sie noch mit den Symptomen zu kämpfen hatte und wir die richtige medikamentöse Einstellung suchen mussten, hat sie zäh und geduldig mit der Krankheit gerungen – um ihre Bewegungsfreiheit, um jede wache Stunde. Doch nach dieser ­Leidenszeit, nach einem langen, harten Winter, jetzt, in diesem geschenkten Frühling, verkehrt sich alles ins Gegenteil.

Ich bin nun fast täglich bei Maike. Vom Balkon ihrer Wohnung sehen wir hinaus auf ein paar Schreber­gärten, Bäume, einen Bahndamm. Nach Dauerfrost, festen Schnee- und Eisschichten bis Ende Februar ­kommen nun die ersten milderen Tage. Alles grünt. Die Luft schwirrt von Sonne und Vogelgezwitscher. Alle atmen auf, weil das Leben neu beginnt, nur Maike spürt das Ende. Sie fühlt sich vom Leben ausgeschlossen in ihrem Warten auf den Tod. Jeder schöne Tag ist für sie nur eine Galgenfrist, ein bisschen Freiheit auf Bewährung. Freude hat sie nicht daran.

Maike ist so entschieden, dass wir kaum die Kraft haben, dagegenzuhalten.

Für die Familie wie für mich ist Maikes mentaler Umschwung schwer zu verkraften. Alle sind überfordert, auch ich, denn zu diesem Zeitpunkt stecke ich emotional schon zu tief drin. Ich bin enttäuscht, weil die Therapie bei Maike so gut anschlägt und sie auf einmal nicht mehr will. Eigentlich gibt es keinen vernünftigen Grund dafür – und doch hat sie natürlich allen Grund der Welt. Wir alle sind hin und her gerissen zwischen Frustration und Verständnis. Nur Maike ist ganz klar: Sie will sterben. Und sie will die entsprechenden Medikamente von mir. Als ich ihr das verweigere, spielt sie mit dem Gedanken, in die Schweiz zu fahren und die dort gesetzlich erlaubte aktive Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen, verfolgt diesen Plan dann aber doch nicht weiter. Sie will zu Hause sterben, in ihrem eigenen Zimmer, im Kreise der Familie, so wie sie es sich schon früher gewünscht hat.

Maike ist in ihrer Sehnsucht nach einem Lebensende so entschieden, dass wir kaum die Kraft haben, dagegenzuhalten.

Wir reden, reden, reden. Irgendwann sage ich, dass es auch gegenüber ihren Töchtern unfair ist, aus dem Leben abzuhauen, solange es ihr körperlich einigermaßen gutgeht. Maike wird wütend, sie fühlt sich von mir erpresst. Aber auch ich bin Mutter, nicht nur Ärztin, und ich bin eine Vertraute von Maike. Meine Rollen verschwimmen. Ich kann ein Stück weit verstehen, in was für einem dunklen Loch diese bisher so starke Frau versinkt, doch ich kann nicht zulassen, dass sie dem nachgibt. Für die Kinder wäre es eine Katastrophe. Maike hat mit ihnen noch vor wenigen Tagen einen wunderbaren Ausflug gemacht. Sie sagt selbst, dass sie kaum Schmerzen hat. Warum dann aus dem Leben gehen? Wie sollen ihre Kinder solch einen Abschied, solch eine Abkehr verstehen?

Maike findet jetzt: Das Leben ist im Moment doch ganz in Ordnung.

Schließlich starten wir einen Versuch mit Dronabinol, einem Cannabispräparat in Form von Tropfen, die in der Apotheke hergestellt werden. Die Verwendung von Cannabis als Medizin ist erlaubt. Doch Maike davon zu überzeugen ist harte Arbeit. Es dauert Stunden und sprengt ­meinen ganzen Tag. Manchmal habe ich bis zu zehn Patienten zu besuchen. Und wenn ich als Erstes bei Maike bin und dort ­hängen bleibe, dann klingelt mein Telefon pausenlos, weil die anderen warten.

Nach zwei Wochen Therapie mit Dronabinol findet Maike: Das Leben ist im Moment doch ganz in Ordnung. Ich komme morgens um zehn Uhr bei ihr an, und sie erzählt mir, wie sehr sie es liebt, frühmorgens aufzustehen, wenn alle anderen noch schlafen, dem Vogelgezwitscher in der Dämmerung zu lauschen, sich einen Kaffee zu kochen und in Ruhe ihre Yogaübungen zu machen – einfach schön. Wir fragen uns, ob dieser Sinneswandel auf die Dronabinoltropfen zurückgeht. Beide haben wir das Gefühl, das allein kann es nicht sein. Empfohlen werden drei mal drei Tropfen, wir reduzieren sogar auf drei mal einen. Maike ist sehr guter Stimmung, auch die Bauchsymptomatik entspannt sich zusehends.

Also bleiben wir dabei, auch wenn wir glauben, dass diese Veränderung aus Maike selbst kommt, durch ihre Stärke und Individualität. Beweisen können wir es nicht. Wir wollen auch keinen Rückfall in die Krise riskieren. Stattdessen versuchen wir, die Tropfen bei der Kasse zu beantragen. Ich schreibe ein zehn­seitiges Pamphlet für Dronabinol. Zurück kommt ein Zwanzig­seitenbrief vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen mit einer Ablehnung. Wir ärgern uns, aber wir sind auch des Kampfes müde. Mittlerweile habe ich Maike wenigstens so weit, die Pflegestufe zu beantragen – bei ihrem Pochen auf Selbstständigkeit eine große Überwindung.

Und dann macht sie diesen Italienischkurs, obwohl sie nie mehr nach Italien fahren wird

Wir alle sind froh, dass es Maike psychisch wieder besser geht und sie die Kraft hat, dieses Leben weiterzuführen, so lange wie möglich, auch wenn uns allen bewusst ist, dass es sich um eine absehbare Zeit handelt, um ein letztes Stück Weg. Denn der Krebs wächst. Maike hat einen gastrointestinalen Stromatumor, der sich innerhalb der Schichten des Magen-Darm-Trakts aus­breitet. Inzwischen ist er so groß, dass Maike einen Bauch hat wie eine Schwangere im sechsten Monat. Überall kann ich durch die Bauchdecke große Krebspakete ertasten. Doch diesen Bauch verkraftet sie gut, sie bewegt sich eben wie eine Schwangere. Dann wächst auf dem Bauch unterm Brustbein – so unkontrolliert und bizarr, wie Krebs eben ist – ein bläulich schimmerndes Horn, das immer größer wird. Das haben wir uns einmal genau angesehen, und dann haben wir gesagt: Da gucken wir nicht mehr hin!

Der Sommer kommt. Maike ist voller Elan. Sie erlebt das Abitur ihrer älteren Tochter mit. Das hätte sie nie gedacht. Und zum ersten Mal in ihrem Leben feiert sie ihren Geburtstag mit gro­ßem Brimborium in einem Biorestaurant. Trotz Tumorbauch, trotz hoch dosierter Therapie mit Cortison und Morphin nimmt sie uneinge­schränkt am Leben teil. Sie genießt es, ihre Kinder in ihrer Entwicklung zu sehen, den ersten Freund ihrer jüngeren Tochter kennenzulernen. Mit der Familie macht sie Ausflüge an die Ostsee und zur Mecklenburgischen Seenplatte. Sie besucht sogar wöchentlich als Gasthörerin die Universität und macht einen Sprachkurs in Italienisch, obwohl sie nie mehr nach Italien fahren wird.

Sogar für mich als Ärztin ist das Leid kaum mit anzusehen.

Im November bekommt Maike zunehmend Schmerzen in den Lendenwirbeln, die sie auf Muskelschwäche zurückführt. Um diese Zeit bekommt ihr Mann ein hervorragendes Berufsangebot, eine gut dotierte Stelle im Land Brandenburg, aber sehr weit entfernt. Das würde heißen, dass er morgens um sieben das Haus verlassen müsste und abends nicht vor sieben wiederkäme. Maike ermutigt ihren Mann, das Angebot anzunehmen. Sie sagt: Klar machst du das! Doch ihn plagt das schlechte Gewissen, die Sorge um die nahe, nicht die ferne Zukunft.

Die neue berufliche Situation ihres Mannes, der bisher freischaffend tätig war und viel zu Hause arbeiten konnte, verändert für Maike vieles, aber sie meistert auch das. Maike nimmt sich zurück, sie will das Leben der anderen nicht negativ beeinflussen. Manchmal macht mich diese Rücksichtnahme wahnsinnig. Sie darf egoistisch sein, aber sie ist es zu keinem Zeitpunkt. Es gibt Augenblicke, da könnte ich sie schütteln.

Im Laufe der nächsten Woche nehmen die Schmerzen an der Lendenwirbelsäule zu. Maike kann nur noch unter schlimms­ten Qualen aufstehen. Sogar für mich als Ärztin ist es kaum mit anzusehen, wie muss es erst für die Kinder sein, für ihren Mann? Das Bett – ein großes, ein Meter vierzig breites Möbelstück Marke Eigenbau in einer Nische ihres Zimmers – wird zunehmend zum Hindernis, zur Falle. Doch abends ist es Treffpunkt der Familie. Ihre Töchter, ihr Mann setzen oder legen sich immer wieder zu ihr, halten sie im Arm. Es ist ein richtiges Familienbett. Jetzt ist es nicht mehr zweckmäßig.

Ein Pflegebett würde vieles erleichtern, insbesondere das Aufstehen. Man kann es hoch- und runterfahren, Kopf- und Fußteil verstellen, und man hat eine Aufrichthilfe, einen „Galgen“, um sich hochzuziehen. Doch Pflegebetten sehen aus wie Krankenhausbetten, Maike will das nicht und weigert sich strikt, eines zu beantragen. Jahrzehntelang hat sie neben ihrem Mann gelegen – und auf einmal soll das vorbei sein?

Sie ist verwirrt, aber unglaublich störrisch.

Langsam erhöhen wir die Schmerzmedikation, aber der Aufstehschmerz bleibt. Um ihn zu lindern, müsste man die Dosis so stark steigern, dass sie den Rest des Tages komatös wäre. Das kommt nicht infrage. Maikes Entscheidung steht fest: „Diesen Schmerz ertrag ich, und wenn ich die Luft anhalte!“ Und so macht sie es auch. Vielleicht ist das Leben im letzten Jahr für sie zu schön gewesen, um es jetzt einfach aufgeben zu können. Und loszulassen. Die acht Meter zur Toilette werden zum Martyrium.

Alle anderen beginnen unter Maikes Selbstbestimmtheit zu leiden, ihrem eisernen Willen, der manchmal auch gegen die Vernunft ist. Doch die Familie erträgt es, weil sie Maike so kennt, weil es zu ihr gehört. Psychisch wie physisch ist die Belastung für alle Beteiligten extrem. Dieser Zustand dauert etwas über drei Tage. Maike sitzt viel in ihren neuen Sesseln. Sie ist jetzt oft durcheinander, behauptet Dinge, die nicht stimmen, beschuldigt uns immer wieder, das Falsche getan zu haben. Ihr Stolz und Eigensinn sind so ausgeprägt, dass wir vor manchen Maßnahmen zurückschrecken, weil sie uns wie eine Vergewaltigung erscheinen, auch wenn sie geboten wären, um Maikes Leid zu lindern. Aber sie will es sich nicht nehmen lassen. Das glauben wir respektieren zu müssen. Jede Form von Übergriffigkeit oder gar Bevormundung ist bei ihr ausgeschlossen. Da bin ich bei anderen Patienten entschiedener und sage einfach mal: Jetzt ist Schluss! Bei Maike geht das nicht. Auch ihr Mann ist nicht in der Lage, die von Maike gesetzten Grenzen zu überschreiten.

Sie ist verwirrt, aber unglaublich störrisch. Das Schwinden ihrer Kräfte, die Verschlechterung ihres Zustands, all das akzeptiert sie nicht. Sie will weiter aktiv sein, will weiter aufstehen und kämpft darum.

Ihr Tod ist jetzt Erlösung

Am Vormittag des vierten Tages schließlich, beim Aufstehen mit Unterstützung ihres Mannes, bricht sie in seinen Armen zusammen und ist tot. Mit Mühe kann er seine tote Frau in den Sessel setzen, den sie so liebte. Ihr Gesichtsausdruck zeigt Überraschung, aber auch Frieden und Entspannung.

Ich treffe wenige Minuten nach ihrem Tod ein. Mein erster Impuls ist, Maike ins Bett zu legen. Aber die ältere Tochter will Maike dort sitzen lassen, damit die jüngere Schwester ihre Mutter so sehen kann. Sie sagt weinend, aber ganz gefasst: „Die Mama ist so gestorben, wie sie gelebt hat, in ihrer Aktivität.“ Vielleicht versöhnt sie das mit dem Tod ihrer Mutter ein kleines Stück.

Auch für die jüngere Tochter ist es gut, sie so zu sehen. Sie kann ihre Mutter im Tod wiedererkennen.

So traurig Maikes Töchter und ihr Mann auch sind – ihr Tod ist jetzt Erlösung und damit erträglich in seiner Grausamkeit. Wir sprechen noch lange miteinander, lachen und weinen. Maike wird später ins Bett gelegt und bleibt noch über Nacht in ihrem geliebten Zuhause, in ihrem unmöglichen Bett, bei ihrer Familie.

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