Chile entdeckt seine Vergangenheit

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Pfarrer Raphael Quandt über Studentenunruhen und die Stimmung vor der Wahl

Im November ist Präsidentenwahl. Aber eigentlich hat sie schon so gut wie gewonnen: die Sozialistin Michelle Bachelet, die schon einmal, 2006 bis 2010, Staatschefin war. Die Stimmung im Land ist eindeutig, und selbst im gegnerischen Lager glauben viele an ihren Sieg. Zu gespalten sind die Konservativen, zu verstrickt in die Ver­gangenheit der Militärdiktatur. Zudem war der Vater der Spitzenkandidatin Evelyn Matthei ein einflussreicher Luftwaffengeneral der Militärjunta. Sie selbst hatte 1988 bei der historischen Volksabstimmung mit „Si“ für Dikator Pinochet gestimmt...

Chile entdeckt sich und seine Vergangen­heit gerade neu. Die Studentenbewegung hat in den letzten Jahren nicht locker gelassen mit ihrer Forderung nach einem besseren und für alle zugänglichen Bildungssystem. Eine Generation, die die ­Militärdiktatur nicht mehr selbst erlebt hat, eroberte nicht nur die Straßen, sondern mit ihrem frischen und neuen Blick auf Chile auch den gesellschaftlichen ­Diskurs. Die jungen Leute wollten mehr Bildung und hinterfragten ganz grundsätzlich die Gesellschaftsordnung, weil sie in Zeiten der Unfreiheit und Dikatur geformt worden war und – ohne einen wirklichen Bruch – auch das heutige Chile prägt.

Oft hört man in diesen Tagen, dass die Zeiten des „Ja, aber“ vorbei seien. Gemeint ist eine Argumentationspraxis, die zwar zugibt, dass die Militärdiktatur viel Leid über das Land gebracht hätte, aber gleichzeitig positiv hervorhebt, dass das unter Pinochet eingeführte neoliberale Wirtschafts- und Bildungssystem das Land auf den richtigen Kurs gebracht hätte.

Das neue Selbstbewusstsein hat Chile eben auch seiner Studentenbewegung zu verdanken, deren ehemalige Anführer Camila Vallejo und Giorgio Jackson heute  beide für das Bachelet-Bündnis kandidieren. Hinter deren schonungslose Analyse der Gesellschaft wird Chiles neue Präsidentin nicht mehr zurück können. Dass Bachelet die Wahl gewinnt, scheint keine Frage zu sein. Offen ist allerdings, was für eine Präsidentin sie werden wird – und wie sie darauf reagieren wird, dass sich das Land seit ihrer letzten Amtszeit grundlegend gewandelt hat.

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