Jesuitenpater Oskar Wermter in Simbabwe

"Beten reicht nicht"

Fotos: Andrea Jeska

Der Jesuitenpater Oskar Wermter lebt seit über vierzig Jahren in Simbabwe. Sein Jesus ist schwarz, die Auferstehung, von der er erzählt, ist Trost, nicht Lehre. Und seine Zeitungsartikel sind so engagiert wie seine Gemeindearbeit

Wenn man ihn einmal zu Grabe trägt, dann nicht mit Requiem und getragenem Gestus. Nein, dann werden die Vorbeterinnen ein rockiges Halleluja und die Leute in der Kirche Gospel singen. Das Totenmahl wird eine halbwegs fröhliche Versammlung sein, es wird Maisbrei und Hühnerbeine geben. Und Plaudereien und Scherze mit den Kindern. Wie jetzt, wenn Oskar Wermter mit seiner Gemeinde um die Gestorbenen trauert.

Oskar Wermter ist weißer Pfarrer in der Township Mbare, ein paar Kilometer außerhalb der simbabwischen Hauptstadt Harare. Siebzig Jahre ist er alt, fünfundvierzig davon Jesuit, davon wiederum zweiundvierzig in Simbabwe.

Deutschland ist von hier eine Lebenszeit entfernt. Zwar setzt sich Wermter jedes zweite Jahr ins Flugzeug und nimmt die Reise auf sich, Harare-Johannesburg-Frankfurt, elf Stunden. Ein paar  leibliche Geschwister sind noch da, und manchmal trifft er seine Brüder im Glauben. Sie sagen Gott und Wermter sagt Gott, aber ob es derselbe ist? Wermters Gott muss sich mit Gewalt und Hunger und Tod durch Aids auskennen. Womit sich der Gott seiner deutschen Brüder auskennen muss, das weiß Wermter nicht mehr. In Deutschland fühlt er sich wie ein Puzzleteil, das in den falschen Karton geriet.

Als Wermter 1966 als Theologiestudent zum ersten Mal in das afrikanische Land kam, da hieß es noch Rhodesien. Ein Jahr zuvor hatte Ian Smith die Unabhängigkeit vom britischen Empire erklärt, und die beiden Guerillaorganisationen ZANU und ZAPU hatten ihren Kampf gegen das weiße Regime begonnen. Wermter blieb zwei Jahre, dann kehrte er nach Europa zurück und fühlte sich verloren. „Es war eine Distanz in mir.“ 1972, nach seiner Pries­ter­weihe, kam er wieder. Da befand sich das Land im Bürgerkrieg und Wermters Township-Gemeinde mittendrin. Man kennt solche Geschichten vom weißen Missionar, der von Afrika nicht wieder loskam und der meinte, die Not mit Gottes Wort lindern zu können. Diese Geschichte ist nicht so. Vielleicht, weil sie in Mbare spielt und nicht einmal Engel dort die Armut lindern könnten. 

Wermters Schafe: zornige Menschen, die im Dreck leben

Mbare ist die älteste Township in Simbabwe und außerdem der älteste Stadtteil von Harare – schon immer ein sozialer Brennpunkt. In der Kolonialzeit wurden dort, fern der weißen Wohngebiete, für die schwarzen Arbeiter Mietblöcke gebaut. Enge Unter­künfte waren das, mit dunklen Fluren und feuchten Wänden. Heute leben darin Familien, die Enge ist noch schlimmer, die Flure stinken nach Urin und Müll, Abwasserrohre sind geborsten und Exkremente laufen aus den Luftschächten.

In dieser Enge wuchs die Wut, und damals dachte man, alles werde besser ohne die Weißen. Doch Robert Mugabe, seit drei­einhalb Jahrzehnten diktatorischer Präsident des Landes, erwies sich auch als Feind des schwarzen Mannes. Als Freiheit und Menschenrechte sich nicht einstellten, keimte in Mbare ein neuer Wider­stand. In den 1980er Jahren wurde die Township zur Heimat einer starken Oppositionsbewegung. Aus ihr ging in den 90ern die MDC, die Partei des heute mitregierenden Oppositionsführers Morgan Tsvangirai, hervor.

Das also sind Wermters Schafe: zornige Menschen, die im Dreck leben. Jeder Tag beginnt mit einer langen Reihe von Bittstellern. Menschen ohne Obdach, Frauen, die um Maismehl und Decken bitten, um Geld für Medikamente, Männer, die keine Arbeit haben, die heiraten wollen und Lobola, den Brautpreis, nicht zahlen können. Dann sind da die politischen Aktivisten. Menschen in Angst, auf der Flucht. Sie bringen Wermter Berichte über die Schergen des Regimes, die in Mbare Schrecken verbreiten. Nach der letzten Präsidentenwahl, die nicht das gewünschte Ergebnis für Mugabe erbrachte, zogen Schlägertrupps durch Mbare, brannten Häuser ab, zerstörten Marktstände, verhafteten und verprügelten die Bewohner. Bis heute hält diese Gewalt an.

Die Verleugnung von Aids ist in Afrika eine starke Kraft

An diesem Tag, einem Samstag, hält Wermter eine Gedächtnismesse für eine junge Frau ab, die vor einem Monat starb. So ist es üblich in Simbabwe. Wermters Kirche St. Peters ist groß wie eine Turnhalle, mit offenen Seiten und einem Wellblechdach, auf das der Regen mit viel Getöse fällt. An den Wänden der Kirche hängen Ölgemälde mit Szenen aus der Bibel, Szenen, auf denen alle Menschen schwarz sind. Weiß ist nur Wermter, ist seine Soutane, sind die Bewegungen, mit denen er die Liturgie seiner Kirche vollzieht. Die Familie der Toten ist da und die Gruppe gläubiger Frauen aus der Gemeinde, die jeden Gottesdienst mit ihren Gesängen beleben. Die junge Frau starb an Aids. „Aber dieses Wort nehme ich nicht in den Mund“, hat Wermter vorher gesagt. „Es steht ja nicht einmal auf dem Totenschein. Man spricht nicht darüber.“ Wie also trösten?

Wermter könnte sich hinter vorgegebenen Texten verstecken, könnte Gottes Wort wie ein Pflaster auf die Wunde kleben. Aber die Wunde würde weiter bluten. Wermter weiß das. Also erzählt er die Geschichte der Auferstehung, nicht wie ein Kapitel aus dem missionarischen Bekehrungsbuch, sondern als Parabel über die Ungeheuerlichkeit, dass man sterben muss und dennoch leben kann. Nein, Jesus erspart Simbabwe nicht all die Zumutungen und Schrecken. Bewahrt Werm­ters Gemeinde nicht vor den Schlägern der Regierungspartei. Nicht vor Aids. Aber er bringt Frieden, den inneren zunächst, hoffentlich auch bald den äußeren. Werm­ter sagt: „Gott allein ist der Herr über Leben und Tod.“

Die Leuten sollen Gemüse für Notzeiten pflanzen

Die Verleugnung von Aids ist in Afrika eine starke Kraft. Man kann aus der europäischen Perspektive kritisieren – dass Afrika stirbt und es nicht wahrhaben will. Eine Sexualmoral hat, die dem Vorschub leistet. Der Kontinent ist gepflastert mit Plakaten, auf denen vor der Gefahr gewarnt, an Verantwortung appelliert wird. Immer im Namen irgendeiner Organisation. „Man denkt in Europa, wenn man nur genug predigt, dann ist geholfen“, sagt Wermter.

Eng stehen die Häuser in Mbare aneinander, dazwischen jeweils ein handtuchgroßes Stück Garten, seit der Pfarrer den Leuten sagt, sie sollen Gemüse für Notzeiten pflanzen. Vor seinem Kirchenbüro hat er ebenfalls einen Garten angelegt, nun kann er mit den Frauen Tipps austauschen, was am besten gedeiht. Die Township-Häuser haben meist nur ein Zimmer mit billigen Möbeln, manchmal hängt an der kargen Wand ein Poster von Maria mit überdimensioniertem Heiligenschein oder ein Gebet: „Herr, behüte dieses Haus.“

Wermter spricht das Shona der Einheimischen fließend, seine Gottesdienste hält er in dieser Sprache. Wenn ihn die Menschen fragen, wie es weitergehen soll mit ihrem Land, dann sagt er: „Der Weg zur Freiheit ist ein langer Weg. Es gibt keine Abkürzung. Wir müssen ihn Schritt für Schritt gehen.“ 

„Die Armut ist hier Größer, der Tod gnadenloser“

Nach der Gedächtnismesse fährt Wermter zum Totenmahl der Familie. Der Vater ist ein Händler. Vier Töchter hatte er, jetzt hat er nur noch eine. Das Haus ist ein wenig größer als die anderen, im Wohnzimmer steht das Imitat eines Barockschranks, darin Nippes. Die Gäste sitzen im Garten, für Werm­ter ist das Sofa reserviert, tief hängt der Priester im Polster. Auf den Oberschenkeln balanciert er seinen Teller, darauf Hühnerbeine, Sadza, das sim­babwische Nationalgericht aus Maisbrei, dazu Kohlsalat, Erdnusssoße, Reis, alles zu einem Berg angehäuft. Eine Flasche Cola klemmt er zwischen die Knie. Auf der anderen Seite des Tisches sitzen der Vater, die Mutter. Die weint: „Warum denn auch noch die dritte Tochter?“ Wermter knabbert am Hühnerbein, wischt sich den Mund und sagt: „Ja, warum? Das ist eine schwere Frage.“ – „Iss doch, Baba“, sagt der Vater zu Wermter. „Heute haben wir für alle mehr als genug.“ 

Dem Trost steht in Mbare vieles im Weg. „Ich habe immer den Eindruck, dass in Mbare alles schlimmer ist als anderswo. Die Armut ist hier größer, der Tod gnadenloser, die Menschen sind hoffnungsloser“, resümiert Wermter. „Da kann man nicht sagen, Gott wird es schon richten. Der Einzelne ist Opfer der Politik, und wenn ich die Politik nicht ändere, ändert sich nichts für die Menschen. Es reicht nicht zu ­beten.“

Gegner der Regierung sterben bei Autounfällen

Der letzte Termin eines langen­ ­Tages. Eine Frau aus der Gemeinde hat Wermter gebeten, ihr in ihrem Haus das Abendmahl zu reichen. Ihr Mann ist kürzlich gestorben, und sie hat Wermter gestanden, dass es Aids war. „Lass dich testen“, hat dieser gesagt, „es gibt Medikamente, wenn du früh genug gehst, kannst du noch lange leben.“ Nun wartet die Frau auf ihre Ergebnisse. „Sie hat Angst. Wer hätte die nicht.“ 

Als Wermter zu dem Haus kommt, sitzen in dem einzigen Raum schon die Freundinnen. Sieben Frauen, die vorgeben, Beistand zu sein, doch wohl vor allem hoffen, der Segen des Pfarrers falle auch auf sie. Einige Gesichter sind vom Virus gezeichnet, der Tod kündigt sich mit grauer Haut und stumpfen Augen an. Wermter sitzt dicht neben der Frau, seine Hände halten ihre, einmal streicht er ihr eine Fliege von der Wange. Es ist eine schlichte Zeremonie, viele Worte sind nicht zu machen. „Bleib doch, Baba“, sagen die Freundinnen, „willst du was essen?“ „Nein, lasst mich jetzt gehen, der Tag war lang“, sagt der Priester.

Früher hat Wermter die Medienarbeit der katholischen Bischofskonferenz in Simbabwe gemacht, Ansprechpartner für die ­Medien und Journalist ist er noch immer. Seine Artikel sind so engagiert wie seine Gemeindearbeit. Er prangert die gesellschaftlichen Probleme an, die schlechte Schulbildung, die vernachlässig­ten Kinder, die von der Politik instrumentalisierte Jugend: „Zu was zieht man unsere Jugend heran? Zu Bürgern eines demokratischen, toleranten Simbabwes oder zu gehirnlosen Parteikadern im Dienst skrupelloser Politiker?“

„Für Furcht bin ich zu alt"

Hat er keine Angst? Gegner der Regierung sterben in diesem Land bei vermeintlichen Autounfällen, sie verschwinden in Gefängnissen, erleiden Schläge und Folter. „Für Furcht bin ich zu alt. Was wäre das für ein Gottesdienst, wenn ich nicht sage, dass hier Unrecht geschieht und Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Ich nehme den Namen Mugabe nicht in den Mund, aber die Leute wissen doch, wen ich meine. Die Gewalt ist ein Krieg, den die Regierung gegen die Menschen führt, gegen unbewaffnete Männer, Frauen und Kinder. Wenn wir als Kirche da schwiegen, was wären wir dann noch für eine Kirche? Eines Tages ist die Diktatur vorbei, und dann wollen wir auch noch mit Anstand dastehen.“ 

Für die Medienarbeit hat Wermter ein eigenes Büro in Harare. Während das nüchterne Kirchenbüro in Mbare, ausgestattet mit kaum mehr als Stühlen und Schreibtisch, den Priester repräsentiert, zeigt das Medienbüro etwas vom Menschen: Pappkartons mit Dokumenten, ein überquellender Schreibtisch, Möbel im Zustand der Auflösung. Und Jesusbilder, auf denen der Sohn Gottes schwarz ist, und Maria ist es auch. Auf einem Bild hält sie den gestorbenen Sohn im Arm, doch von der Leidenshaltung der weißen Madonnenfiguren keine Spur. Diese Maria beugt sich weder Schmerz noch Tod, diese Maria ist eine wahre Mbarerin.

Noch zwei Jahre, dann will Wermter in den Ruhestand gehen. Jüngere Priester sollen die Jugend in ein besseres Simbabwe führen. Vor gut 30 Jahren übernahmen Schwarzafrikaner die Regierungsgewalt in dem Land, nun geben auch die weißen Missionare das Wort Gottes zurück in schwarze Hände. Wermter wird in Simbabwe bleiben. „Es ist nun mal meine Heimat. Eine andere habe ich nicht mehr.“

Information

Simbabwe

Ob die für März geplante Präsidentschaftswahl in Simbabwe stattfindet, ist fraglich. Unter den Kandidaten: Diktator Robert Mugabe und Oppositionsführer Morgan Tsvangirai. 2008 stand das Land wegen Hyperinflation, Devisenknappheit und Handels­restriktionen vorm Kollaps. Mugabe verlor die Wahl, blieb aber Präsident in Zwangskoalition mit Wahl­sieger Tsvangirai. 2013 könnte Mugabe erneut versuchen, einen Wahlsieg gewaltsam zu erzwingen.

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