Man gewöhnt sich an die Angst

Foto: Privat

Als freiwiliger Helfer in Syrien - Abdullah Alloui berichtet von seinem Grünhelm-Einsatz nahe der türkischen Grenze

Harem ist eine Kleinstadt im Norden Syriens: verwinkelte Gassen, kleine Häuschen, Wasserläufe, viel Grün. Die Freie Syrische Armee hat die Stadt vor drei Monaten er­obert, jetzt kehrt hier langsam das normale Leben zurück. Seit kurzem gibt es einen demokratisch gewählten Bürgermeister. Im Rathaus werden Hilfsgüter und Nahrung an Bedürftige verteilt. Die Leute, die es sich leisten können, bauen ihre zerstörten Häuser oder Läden wieder auf. 
Während des Gefechts zwischen der Freien Syrischen Armee und den Truppen Assads war Harem ein Schlachtfeld. Die Soldaten des Regimes hatten sich in den großen Einrichtungen der Stadt niedergelassen: im Gymnasium, im Studentenwohnheim und in einer jahrhundertealten Burg. All diese Gebäude haben massive Schäden und sind von Einschusslöchern zersiebt.

Wir sind ein Team der Hilfsor­ga­nisation „Grünhelme“ und arbeiten am Wiederaufbau eines Kindergartens. Er liegt direkt gegenüber der Burg und stand daher auch unter heftigem Beschuss. Durch drei nahe Bombeneinschläge wurde das Gebäude zusätzlich destabilisiert. Viele Anwohner sind beim Aufbau dabei. Andere sind gegangen. Ein Baumeister etwa hat wie viele seine ganze Familie über ­die fünf Kilometer entfernte Grenze in die Türkei gebracht – in Sicherheit vor möglichen Raketenangriffen. Assads Luftwaffe bombardiert weiter völlig willkürlich. Vor drei Tagen traf es einen Ort 20 Kilometer von hier. Der Baumeister selbst weigert sich, Harem zu verlassen.  Er sagt: „Assad will das eigene Volk rausekeln mit seinen Bombardements. Das soll er nicht schaffen.“
Dieses Gebiet, das weitgehend von den Rebellen erobert ist, ist noch eine Art ­Niemandsland. Im Nachbarort wurden vor kurzem zwei Mitarbeiter einer Hilfsorganisation gekidnappt. Vermutlich von Banditen, die Lösegeld wollen. Klar, das macht schon manchmal Angst. Aber komischerweise gewöhnt man sich an dieses Gefühl. 

 

Abdullah Allaoui

Abdullah Allaoui machte in Aachen Abitur und ging danach, im Frühjahr 2013, als freiwilliger Helfer der Hilfsorganisation Grünhelme e. V. für einige Monate nach Syrien. Da seine Mutter aus Syrien kommt, spricht er fließend Arabisch und übernahm häufig Übersetzerdienste. Foto: privat

Information

E-Mail aus Syrien

Wer in einem anderen Land lebt, sieht hinter die Kulissen. In der Rubrik "E- Mail aus..." berichten Menschen aus ihrer fremden Heimat.
 

Leseempfehlung

Zerstörte Krankenhäuser, gut organisierte Menschen. Rupert Neudeck aus dem kriegsversehrten Land

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.