Kirchentag 2013 in Hamburg

Heiter bis wolkig – und mutig

Anika Kempf

Auf dem Kirchentag in Hamburg gab es viel Harmonie, aber die großen Streitfragen kamen auch auf den Tisch. Die Antworten? Ein paar Aufgaben für Politik und Kirche

Illegale Rüstungsexporte soll es nach Aussage der Waffenbranche eigentlich gar nicht geben. Zu streng seien die Kontrollen. Doch kaum ist der Deutsche Evangelische Kirchentag in Hamburg vorbei, da ist über die schwäbische Waffen-schmiede Heckler & Koch zu lesen, sie habe illegal Sturmgewehre nach Mexiko geliefert. Unerlaubter Waffenhandel wie auch die Geheimniskrämerei des Bundessicherheitsrates, der für Exportgenehmigungen zuständig ist, gerieten beim Hamburger Kirchentag in die Kritik. Die Themen Frieden und Gewaltverzicht gehören seit jeher ins Zentrum der Kirchentage, aber nun kommt eine neue Schärfe auf. Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider forderte, die undurchsichtige Genehmigungspraxis des Bundessicherheitsrates zu beenden und Exportfragen nur noch öffentlich im Bundestag zu beraten. Der Hintergrund: Jeder Rüstungsdollar fehlt für Bildung, Wohlfahrt, Ernährung, Medizin – in den armen Ländern noch mehr als in den reichen. Auf jeden der sieben Milliarden Erdenbürger entfallen 250 Dollar für Waffenkäufe im Jahr, wie auf dem Kirchentag vorgerechnet wurde. Waffen können Kriege verhindern, aber sie töten auch ohne Krieg. Die Kirche will konsequent am Thema Transparenz bleiben. Respekt!

Bankenkontrolle

Die Spekulationsblase ist wieder da. Nach dem Crash vor fünf Jahren sind die Banken zu ihren alten Praktiken zurückgekehrt. In der Hamburger Hauptkirche St. Michaelis, dem „Michel“, machte sich der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück stark für eine bessere Bankenkontrolle, für ein Verbot ungedeckter Leerverkäufe und jeder Spekulation mit Rohstoffen, vor allem mit Nahrungsmitteln. Er hält es für die „entscheidende ordnungspolitische Frage“, wer das Sagen habe, die entgrenzten, globalisierten Märkte oder demokratisch legitimierte Institutionen? Er wünscht sich als Politiker natürlich das Zweite. Und er wirbt um Respekt für die Nöte der Griechen. Die hohe Jugendarbeitslosigkeit in südeuropäischen Ländern – die Rede ist von bis zu 50 Prozent – sei „nackter Sprengstoff“. Steinbrück nimmt damit ein Thema auf, das die evangelische Kirche auf Platz eins ihrer Sorgenliste geschrieben hat: die Verarmung ganzer Weltregionen. Parteifreund Frank-Walter Steinmeier, Fraktionsvorsitzender im Bundestag, warnt vor dem Versuch Europas, das hoch verschuldete Griechenland „abzusprengen“. Bereitschaft zum Verzicht: Das war eines der Kernanliegen des Kirchentags. Es resultierte auch aus dem Kirchentagsmotto „Soviel du brauchst“. Ja, das bleibt – der Auftrag zu einer ernsthaften Diskussion in der Breite der Gesellschaft: Wie machen wir das mit dem Verzicht?

Kirchentarife

Beim „Dritten Weg“, dem Tarifmodell der Kirche, läuft die Entwicklung ziemlich sicher auf einen weiteren Rechtsstreit zu. Wie ist das mit dem Streikverbot? Der Chef der Gewerkschaft ­V­er.di, Frank Bsirske, kündigte an, bis vor den Europäischen Gerichtshof zu ziehen, um den kirchlichen Sonderweg zu beenden. Die evangelische Kirche gibt sich gelassen. EKD-Spitze und Gewerkschaftsführer trafen sich während des Kirchentags zu einem vertraulichen Gespräch. Der um Deeskalation bemühte EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider erklärte danach: „Wir bewegen uns kräftig auf Ver.di zu und wollen es noch weiter tun.“ Und dann fällt der Satz: „Vielleicht helfen uns solche Verfahren auch, die Lage besser einzuschätzen.“

Wie viel Religion verträgt der Staat?

Die Einführung von Humanismus-Lehrstühlen forderte Michael Bauer, Vorstand des Humanistischen Verbandes Bayern, „um endlich eine tatsächliche Parität aller Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften und dem Staat“ herzustellen. Überraschenderweise hielt auch der Leiter des Kirchenrechtlichen Instituts Göttingen, Hans Michael Heinig, dies für denkbar. Fragt sich nur, wer alles zu den atheis­ti-schen Humanisten gehört: Der Staat brauche den Nachweis einer Mitgliedschaft bei einer Organisation oder einem Verein. Atheisten seien jedoch nicht einheitlich organisiert, die meisten gehören gar keinem weltanschaulichen Verein an. Heiß diskutiert wurde bei dieser Veranstaltung im Rauhen Haus auch, ob Religion Unterrichtsfach an staatlichen Schulen bleiben solle. „Mission ist nicht Aufgabe des Staates“, sagte der Humanist Bauer. Heinig hielt dagegen, der Staat sei aber dafür zuständig, den „gewaltsamen Überschuss, den alle Religionen in sich tragen, in richtige Bahnen zu lenken“. Auch verfolge der Religionsunterricht Bildungsziele: „Wer von Religion keine Ahnung hat, der glaubt am Ende alles“, sagte Heinig.

 Besucherinnen des Kirchentags bei einem Konzert der Kölner A-capella-Band Wise Guys - Foto: IMAGO/epd-bild

Interreligiöser Religionsunterricht

An öffentlichen Schulen in Hamburg befragen jüdische, muslimische und christliche Schüler einander, woran sie glauben. In ­allen anderen Bundesländern sortiert man die Schüler nach Konfessionen – und muss dann mühsam das Interesse am Fach wecken. In Hamburg fordert nicht selten die fromme Muslima den traditionsvergessenen evangelischen Mitschüler heraus. Multikulti an der Schule – „ein Modell für ganz Deutschland?“ Zur Veranstaltung, die im Kirchentagsprogramm mit dieser Frage angekündigt war, kamen Religionspädagogen aus ganz Deutschland. In der vollen Kirche von St. Georg priesen evangelische und muslimische Organi­satoren das Hamburger Modell. Sie hatten leichtes Spiel, niemand stellte es prinzi­piell infrage. Abmeldungen vom Religionsunterricht? Fast nur von Zeugen Jehovas. Die katholische Kirche stieg vor fünf Jahren aus dem gemeinsamen Unterricht aus. Aber stadtweit nur 62 katholische Schüler ziehen derzeit konfessionell katholischen Unterricht dem interreligiösen vor. Bald verantworten nicht mehr nur Evangelen den Multikulti-Unterricht. Auch Muslime und Juden wollen eigene Lehrer stellen. Die Nordkirche macht Platz für andere, ein mutiger Schritt. Das religionspädagogisch gebildete Publikum war fasziniert.

Kirche und Stadt:

Hamburg, Stadt der Singles und Stadt der Kirchenfernen. „Auch wenn man sonst mit Kirche wenig anfangen kann“, fremdelt der Chefredakteur des Abendblatts, „kann die Metropole der Indivualisten vom Kirchentag lernen, wie gut es ist, eine Gemeinschaft zu sein.“ Aber wenn all die bunten Rucksäcke und Tücher wieder abgereist sind – was ist dann die Aufgabe von Kirche in der Stadt? „Für mich sind das erst mal nur Gebäude“, sagte Michael Sachs, der Hamburger Staatsrat für Stadtentwicklung in der Hauptkirche St. Katharinen, „ich gehöre Ihrer Glaubensgemeinschaft ja nicht an.“ Das saß. Wie kriegen wir Menschen wie Herrn Sachs in die Kirche? Mit Erinnerungskultur, schlug Landesbischof Ralf Meister vor. Mit Poesie, bewies der wortgewaltige Matthias Politycki mit seinen Hamburg-Gedichten in Katharinen. Mit Sinnlichkeit, schwärmte der englische Stadtforscher Charles Landry in St. Petri. Bienenkultur auf dem Kirchendach, die Stadt als lebendiges Kunstwerk,  „urbane Akupunktur“ mit Malerei im Tunnel. Landry prägte das Schlagwort von der „civic urbanity“, der staatsbürgerlichen Urbanität. Wo Kirche da ihren Platz hat, wird noch einige Kirchentage beschäftigen.

In eigener Sache:

Chefredakteur Arnd Brummer und Jürgen Mathuis (Pax Bruder­hilfe) zeichneten die Sieger des chrismon-Gemeindewettbewerbs aus. Den ers­ten Preis teilten sich die St.-Matthäus-Gemeinde, Bremen, und die Apostelkirche in Neuburg an der Donau. Schriftführer Renke Brahms (Bremische Kirche) betonte, Ehrenamtliche seien nicht bloß Helfer, sondern sollten mitbestimmen können.

„Wie viel Religion steckt in der Wirtschaft?“, fragten Arnd Brummer und Ekkehard Thiesler (Bank für Kirche und Dia­konie) im chrismon-Salon auf dem Museumsschiff Rickmer Rickmers, Landungsbrücken. Auf dem Podium: Vertreter aus Kirche, Wirtschaft und Kultur. Heinrich Bedford-Strohm, bay­erischer Landesbischof, forderte „mehr Beziehungswohlstand“ anstelle von materiellem Reichtum.

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