Windreiter unterm Gewölbe

Tinka und Frank Dietz/Tinka und Frank Dietz

Ein kleiner runder Zeppelin schwebt durch die St.-Marien-Kirche im mecklenburgischen Plau am See. Mit seiner Hilfe haben Studenten aus dem Rheinland für einen Film gedreht, der die alte Kirche aus ungewohnten Blickwinkeln zeigt

Ganz am Ende hält er es dann doch nicht mehr aus: „Darf ich auch mal?“, fragt Pastor Stephan Poppe. Natürlich darf er. Andreas Burkart drückt ihm das schwarze Steuerungsgerät mit den kleinen Knüppeln und Drehscheiben in die Hand und los geht’s: Erneut erhebt sich das silberfarbene Ungetüm in den Kirchenhimmel und schwebt wie von Geisterhand gelenkt über die Bänke hinweg bis hoch zur Orgel.

Zweieinhalb spannende Stunden liegen zu diesem Zeitpunkt schon hinter den „Kirchenfliegern“ und Pastor Poppe mit seinem Kirchenteam. Zu diesem besonderen Event im beschaulichen Plau am See sind an diesem sonnigen Tag alle gekommen, die seit Jahren mit voller Kraft für den Erhalt der St.-Marien-Kirche mit ihrem massiven Turm kämpfen: Pastor Poppe und Ehefrau Hannah, Axel Tohtz vom Förderverein, Dieter Ehrke und Gerhard Unger vom Kirchengemeinderat, Küster Bernd Ruchhöft, Katechetin Eva-Maria Schweinert. Heute dürfen sie einfach nur zuschauen und sich begeistern – oder wie Stephan Poppe auch einmal selbst aktiv werden.

"Dass unsere Kirche sooo schön ist..."

„Windreiter“ nennt sich das insgesamt zehnköpfige Studententeam aus dem Rheinland. Heute sind sie zu zweit angereist: Andreas Burkart, Kopf der Gruppe, und Kommilitonin Imke Jensen. Mit im Gepäck haben sie einen selbst gebauten, federleichten Zeppelin, unten hängt eine winzige schwarze Video­kamera daran. Aus den Bildern, die während des Fluges aufgenommen werden, schneiden die Studenten anschließend einen kleinen Film – wie sie es schon für viele Kirchen vor allem in Düsseldorf und Umgebung gemacht haben.

„Dass unsere Kirche so schön ist, das haben wir nie gewusst“ – diesen Satz hören Andreas Burkart und seine neun Mitstreiter und Mitstreiterinnen immer wieder. 26 Jahre ist er jung, gerade hat er sein Biologie-Examen abgelegt und schreibt an seiner Doktorarbeit. 2007 war es, da hat er mit einigen Kommilitonen einen Film über den Grafen Zeppelin gesehen: „Das hat uns total fasziniert, wir fanden Zeppeline cool und haben angefangen, sie nachzubauen.“ Zu Hause am heimischen Küchentisch entstand abends das erste Luftschiff: Aluminiumbedampfte Folie (sie wird beispielsweise zum Verbinden von Brandwunden verwendet); federleichte Kohlefaserstäbe, selbst gebaute Holzwinkel, ein Mikrocontroller für die Fernsteuerung, eine Gaspatrone mit nicht brennbarem Helium, fertig. Beim ersten Mal ließ man das Flugwerkzeug im Hörsaal steigen, zur Gaudi der versammelten Studentenschaft; sogar der Professor hat geschmunzelt.

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St. Marien in Plau im See "im Fluge"

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Die Idee, in Kirchen zu fliegen und eine Kamera an den Zeppelin zu basteln, kam dann einem Mitstudenten aus der Gruppe – dem Sohn eines Pastors. Seine Kommilitonen waren gleich begeistert. Aus dem Hobby ist längst eine Passion geworden. An die 40 Kirchen haben Andreas Burkart und seine Mitstudenten beflogen – und in den Jahren viel dazugelernt. Anfangs haben die Schiffe geschaukelt, sie waren zu schwer oder zu klein. Mittlerweile haben die Zeppeline einen Umfang von 1,40 mal 1,40 Meter. Eine ausgeklügelte Elektronik sorgt für ruhigen Flug, das Gewicht liegt immer noch bei nur 500 Gramm. Ein kleines Wunderwerk der Technik.

Touristen kommen und bleiben

Zirka zwei bis drei Stunden dauert ein Flug in der Regel. Zunächst wird der „Zeppelin“ – ein bisschen anders als der Klassiker aus den zwanziger Jahren sieht er ja schon aus – zusammengebaut und mit Helium gefüllt, dann geht es Luftmeter für Luftmeter durch die Kirche. Eine Mindestgröße muss der Raum haben. St. Marien mit ihrem rund 15 Meter hohen Kirchenschiff bietet ideale Bedingungen. Draußen scheint die warme Frühlingssonne auf den Kirchvorplatz, drinnen ist es kühl, fast kalt. Touristen kommen herein und bleiben.

Gegen die hohen ehrwürdigen Ziegelmauern nimmt sich der silberfarbene Ballon wie ein UFO aus einer anderen Welt aus. Begleitet vom Fiepton der Kamera schwebt er durch den Raum. Und als gäbe es für die Kirche an diesem Morgen nicht schon genug Spektakel, findet sich unter den Touristen auch noch ein passionierter Orgelspieler. Lange unterhält er sich mit Katechetin Eva-Maria Schweinert über das Instrument, weiß alle Kleinigkeiten des Baus und darf zur Belohnung die Orgel spielen. Für die nächsten 30 Minuten wird der Flug des Zeppelins von kräftigen Orgelklängen begleitet. Die Touristen wollen gar nicht mehr gehen.

Irgendwann löst Imke Jensen ihren Kollegen am Steuerpult ab. Die 23-Jährige studiert Maschinenbau und Gießerei­technik in Duisburg und hat sich ebenfalls mit Leib und Seele der Zeppelinfliegerei verschrieben. Einmal kommt sie den brennenden Kerzen am Altarleuchter gefährlich nahe, einige Zuschauer rufen „Achtung“, doch die Profifliegerin bleibt gelassen.

Sie weiß längst, dass es aus der Ferne oft aussieht, als streife das fra­gile Fluggerät eine Mauer, tatsächlich ist immer genügend Abstand da. Mit einer eleganten Schwenkbewegung schraubt sich der Zeppelin auch diesmal aus der Gefahrenzone. Noch nie sei ein Unglück passiert, berichten die Studenten nicht ohne Stolz. Der im Gepäck verstaute Reserveflieger kommt auch dieses Mal nicht zum Einsatz.

800.000 Euro kostet die Sanierung

Für die Kirchengemeinde in Plau ist nicht nur der Flug selbst ein Erlebnis, vor allem ist man gespannt auf das Ergebnis: „Das wird uns bestimmt bei der Ausmalung des Innenraums helfen“, freut sich Axel Tohtz. 73 Jahre ist er alt, hat über Jahrzehnte hinweg in der Region der Mecklenburgischen Seenplatte als Tierarzt gearbeitet. Der Kirchengemeinde war er immer verbunden und hat 2007 mit 25 anderen Plauer Bürgern den Förderverein gegründet. 157 Mitglieder hat der Verein heute, viele von ihnen leben längst nicht mehr in Mecklenburg-Vorpommern, sondern sind auf der Suche nach einem Arbeitsplatz weggezogen. Ihrer Kirche jedoch fühlen sie sich weiter verpflichtet und spenden regelmäßig. Fast 800.000 Euro wird die jahrelange Sanierung am Ende kosten, auch die Stiftung KiBa ist schon lange als Förderin dabei.

Pastor Stephan Poppe, 40, ist erst seit 2007 mit seiner Frau Hannah, auch sie Pastorin, in Plau. Das Paar teilt sich die 1,5 Pfarrstellen, zurzeit jedoch ist Stephan Poppe allein auf dem Posten. Das Paar bekam vor fünf Monaten das erste Kind, Hannah Poppe ist in Elternzeit. An die 1600 Mitglieder umfasst die Gemeinde in Plau, hinzu kommen noch zwei kleinere Gemeinden in Brook und Barkow – über Langeweile kann sich der Familienvater also nicht beklagen. Auch er freut sich auf den Film, weiß er doch, wie wichtig so ein Dokument für die noch anstehenden Renovierungsarbeiten sein kann. Über das Internet könne man so noch weitere Freunde und Spender für die Plauer Kirche anwerben, hofft Poppe.

Da wird der Pastor selbst ein bisschen zum Jungen

Die Instandsetzungsarbeiten fordern den Pastor voll und ganz, trotzdem ist es ihm ein Anliegen, seinen christlichen Auftrag als Seelsorger wahrzunehmen. Zusammen mit seiner Frau besucht er regelmäßig die drei Pflege- und Altenheime des Ortes. „Kirche“, so sagt er, „muss ein freundliches Ansehen haben.“ Hilfe bei Tod, Krankheit und Not gehören da ebenso selbstverständlich dazu wie die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.

An diesem Vormittag wird der Pastor dann selber wieder ein bisschen zum Jungen und greift beherzt zum Steuerungsgerät des Zeppelins. Aufgewachsen zu DDR-Zeiten im nahe gelegenen Bad Kleinen hatte Stephan Poppe noch nie eine Fernsteuerung in der Hand. „So etwas“, erinnert sich auch Küs­ter Bernd Ruchhöft, „hat es bei uns für Kinder nicht gegeben.“ Mit Begeisterung steuert Pastor Poppe das Fluggerät durch seine Kirche. In der Tat – Zeppelinfliegen ist cool!


 

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