Vom Hören - zum Reden - zum Glauben

Wenn im Jahr 2017 in den evangelischen Kirchen 500 Jahre Reformation gefeiert werden, kann die evangelische Kirchengemeinde Idstein noch ein zusätzliches Jubiläum begehen. Dann sind es 200 Jahre her, dass König Friedrich Wilhelm III. in Preußen die Union zwischen lutherischen und reformierten Kirchen anordnete. Der heutige Name der Mitte des 14. Jahrhunderts entstandenen Stadtkirche zu Idstein erinnert daran: Unionskirche

Zwar sind es noch fünf Jahre bis dahin, doch große Ereignisse müssen von langer Hand vorbereitet werden. Und nichts liegt näher in dieser Gemeinde, als das Ereignis musikalisch zu begehen. Denn Musik spielt eine große Rolle in Idstein, sind doch um die 200 Menschen in den verschiedenen Chören und Musikgruppen der Gemeinde aktiv. Für ihre umfangreiche musikalische Arbeit erhielt die Gemeinde auch beim chrismon-Wettbewerb einen Sonderpreis Musik.

Da ist zum einen die Kantorei, die Sänger aus dem ganzen Dekanat anzieht und rund 85 Mitglieder umfasst. Große Werke standen da schon auf dem Programm wie etwa Verdis Requiem, Orffs Carmina Burana oder Bachs Weihnachtsoratorium. Das nächste große Werk wird Beethovens 9. Sinfonie, die Ode an die Freude sein. Am 9. September wird sie im Rahmen einer Jubiläumswoche aufgeführt. Anlass sind das 40-jährige Bestehen der Kantorei und der 100. Geburtstag der historischen Walcker-Orgel in der Unionskirche. Die Orgel wird in der Festwoche öfter zu hören sein, unter anderem mit einem Kinderkonzert und einem Konzert mit Orgelvorstellung durch Thomas Wilhelm, den Orgelsachverständigen der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

Kinderchor mit Musical „auf Tournee“

Musikalischer Motor dahinter ist Dekanatskantor Carsten Koch, der mit Stellenanteilen in Idstein tätig ist. Er leitet auch die Kinder- und Jugendkantorei, die schon Vor- und Grundschulkinder zum Singen bringt. Über 40 Jungen und Mädchen finden sich Woche für Woche zur Probe ein, um zum Beispiel – wie vor einigen Jahren – ein Kindermusical einzustudieren. Der Erfolg der Aufführung in der Gemeinde beflügelte die jungen Leute, so dass sie schließlich sogar „auf Tournee“ gingen und das Werk bei drei Konzerten dekanatsweit zur Aufführung brachten. Ein teil des beim chrismon-Wettbewerb gewonnenen Geldes wird in diese Arbeit fließen.

„Es sind inzwischen so viele Kinder, dass wir mit dem neuen Schuljahr den Kinderchor teilen können“, freut sich Pfarrerin Daniela Opel. Dann gibt es Proben für die ganz Kleinen und für die etwas Größeren. Der Jugendchor, der „hochkarätige Musik“ macht, so die Pfarrerin, widmet sich vor allem neuerer Musik. Darunter ist zum Beispiel eine Pop-Messe, die im Gottesdienst gesungen wurde. Auch Rockmusik und neue geistliche Lieder gehören zum Repertoire.

 

Der Gospelchor dagegen singt die christliche Musik der afroamerikanischen Gemeinden und kann auf 45 Mitglieder zählen. „Da überschneidet sich manches“, weiß Daniela Opel, die auch in der Kantorei singt. So singt der Leiter des Gospelchors auch in der Kantorei.

Ein Bläserkreis mit 20 Mitgliedern und die Mitglieder des Flötenensembles, die vier- bis achtstimmige Stücke spielen, ergänzen das breite musikalische Angebot der Kirchengemeinde.

Und alle kommen zu Wort, oder sollte man besser sagen „zu Ton“? Zwei große Konzerte im Jahr, dazu mindestens zwei Kantatenaufführungen und kleinere Auftritte wie etwa Musik beim Kerzenschein der Weihnachtszeit sind die Regel in Idstein. Die gemeindlichen Aufgaben wie Gottesdienstgestaltung oder Auftritte bei den Festen oder beim Weihnachtsmarkt werden gut verteilt von allen musikalischen Akteuren wahrgenommen.

Geistlich sprachfähig machen nicht nur mit Musik

Die 4.400 Mitglieder umfassende Gemeinde will aber die Menschen geistlich sprachfähig machen, die sich nicht so sehr von Musik angesprochen fühlen. Ein Kurs an fünf Abenden etwa wird sich damit befassen, wie man vom Hören zum Reden über den eigenen Glauben kommt, oder wie man den Glauben im Alltag leben kann. Zu den Dämmerschoppen“, die Tradition in der Gemeinde haben, werden Fachleute zu gesellschaftlich diskutierten Themen eingeladen, wie etwa Präimplantationsdiagnostik oder Geld und Kirche.

Für Menschen, die neue und andere Gottesdienstformen erproben wollen, wurde der „Second Service“ geschaffen, zu dem einmal im Vierteljahr an einem Sonntagabend eingeladen wird. Ohne Orgel, klassische Liturgie und Talar, stattdessen mit moderner Musik und dialogischer Gestaltung, aber mit Gebeten und Segen finden hier Menschen ein Angebot, denen der klassische Gottesdienst zu distanziert, zu altmodisch ist. „Es ist wichtig, den Menschen entgegenzukommen, aber auch Formen zu bewahren, die sich bewährt haben und die den Menschen lieb sind“, beschreibt Daniela Opel die Gottesdienstgestaltung in ihrer Gemeinde.

Herausforderung Kirchenrenovierung

Vieles, was die Kantorei auf die Beine stellt, ist auch dank des großen finanziellen Engagements der Gemeinde möglich geworden, die dazu eigens einen Förderverein hat. In den nächsten Jahren nun steht die Gemeinde vor einer weiteren Herausforderung. Zum Jubiläum 2017 soll auch die Kirche frisch renoviert dastehen. Die Sanierung ist dringend nötig und wird insgesamt an die zwei Millionen Euro kosten. 500.000 davon muss die Gemeinde selbst aufbringen. Ist das zu schaffen? Daniela Opel ist zuversichtlich: „Unsere Jubiläumswoche wird auch der Auftakt sein, um Spenden und um Unterstützung zu werben“, sagt sie. Hier wird ein Teil des chrismon-Preisgeldes einen ersten kleinen Grundstock bilden.

Ein weitere Herausforderung musikalischer Art hat sie sich gemeinsam mit Kantor Carsten Koch selbst gestellt. Zum Jubiläum in fünf Jahren sollen möglichst alle musikalischen Akteure gemeinsam auf der Bühne stehen. Dann soll nämlich ein Musical über den Herzog Johannes aufgeführt werden, der zwar die Union möglich machte, aber auch als Hexenverfolger in Erscheinung trat. Und dies wird ein „eigenes“ Musical sein: Die Musik schreibt der Kantor, den Text die Pfarrerin. Man darf gespannt sein.
 

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.