Unfall statt Urlaub in der Ukraine

Antonius Walterskötter

Sie hat einen Mann angefahren, nachts. Sie konnte nichts dafür. Aber sie fühlt sich verantwortlich

Silvana Wedemann:

Wir fuhren mit dem Auto durch die Ukraine Richtung Krim, freuten uns auf einen Badeurlaub, fühlten uns sorglos. Gerade hatten wir zu Abend gegessen, nun wollten wir ein Hotel suchen, die Stimmung war gut. Ich fuhr, mein Freund hing seinen Ge­danken nach, unsere Tochter schlief hinten im Kindersitz. Es war schon dunkel, nur hin und wieder die Scheinwerfer vorbeifahrender Lkws. Wir fuhren auf einer Landstraße durch ein Dorf, mit 50 km/h, wie erlaubt. Da sah ich eine Silhouette, ein kleiner, schmächtiger Mann, der ein Fahrrad schob, ich machte eine Vollbremsung, aber der Mann blieb nicht stehen, sondern lief mir direkt ins Auto. Er prallte mit dem Kopf gegen die Vorderscheibe.

Der Mann lag wie tot im Straßengraben

Dann lag er wie tot im Straßengraben. Ich konnte erst gar nicht hinsehen, ich war in einer Schockstarre. Ein Priester, der zufällig in der Nähe war, leistete Erste Hilfe. Dorfbewohner kamen an­gerannt und gafften. Sirenen heulten. Meine Tochter wachte auf und rief: „Mama! Auto kaputt, Mann aua!“ Da wurde ich aus meiner Fassungslosigkeit erlöst, und ich sah näher hin: Der Mann röchelte, Gott sei Dank, er lebte! Aber er war wohl schwer verletzt.

Nachdem der Mann ins Krankenhaus gebracht worden war, untersuchte die Polizei mehrere Stunden lang den Unfallort, machte Skizzen und Fotos, befragte Zeugen. Ich unterschrieb das Unfallprotokoll, ich kann ja Russisch. Die Polizei beschlagnahmte das Auto und meinen Pass und quartierte uns in der nahe ge­legenen Industriestadt ein, in einen tristen Hotelkasten aus der Sowjetzeit. Und es hieß, wir dürften das Land bis auf weiteres nicht verlassen.

Da verbrachten wir dann unseren ganzen Urlaub. Drei ­Wochen, in denen wir vor allem warteten: auf weitere Verhöre, auf das Nachstellen des Unfalls, auf das reparierte Auto, unsere Papiere und die Erlaubnis, nach Hause zu fahren. Statt im Schwarzen Meer zu baden, mussten wir tatenlos ausharren, mit Blick auf qualmende Schornsteine. Das Kind quengelte, und wir Erwachsenen stritten uns täglich – obwohl man doch gerade jetzt zusammenhalten sollte. Mein Freund war bald böse auf das ganze Land. Erst recht, als ich einem angeblichen „Anwalt“ 700 Euro zahlen musste und darüber schweigen sollte. Man hatte mir angedeutet, dass ich sonst in die ukrainische Gerichtsmühle käme, das würde sehr lange dauern und sehr teuer werden; für die Dauer des Prozesses müsste ich in der Ukraine bleiben oder für jeden Gerichtstermin anreisen.

Ich war nicht schuld, aber ich fühlte mich schuldig

Ich selbst, mein Freund, die Zeugen, der Ermittler – wir alle kamen immer wieder zu demselben Schluss: dass ich unschuldig bin. In der Unfallakte stand, der Mann sei schuld – er hatte die Straße nicht auf dem Zebrastreifen 30 Meter weiter überquert, sein Fahrrad war unbeleuchtet, er hatte Alkohol im Blut. Doch meine Schuldgefühle blieben, und ich hatte schreckliche Angst, dass der Mann sterben könnte. Denn von einer Verkäuferin aus dem Unglücksort erfuhr ich, dass sein Zustand kritisch sei.
Nach einer Woche durfte ich ihn endlich besuchen, Wladimir heißt er, er ist 29. Endlich war er außer Lebensgefahr. Aber es würde noch einige Wochen dauern, bis sein Beckenbruch aus­geheilt sein würde. Er sagte, er habe mich, das Auto einfach nicht gesehen, ich könne nichts dafür, wir hätten beide Pech gehabt.

Wladimir verdient mit Schweinehüten gerade so viel, dass es fürs Essen reicht. Er wohnt sehr ärmlich bei seiner Oma; seine Mutter starb früh an Krebs, sein Vater trinkt. Wäre er in ein ­ukrainisches oder in ein russisches Auto gelaufen, er würde den Rest seines Lebens höchstwahrscheinlich als rechtloser Krüppel verbringen.

Juristisch bin ich schuldlos. Und hätte Wladimir aufgepasst, wäre er nicht einfach weitergelaufen, hätten wir einen schönen Urlaub gehabt. Aber ich habe trotzdem ein Gefühl von Schuld. Ich fühle mich jetzt für diesen Mann in diesem Land verantwort­lich. Wenn ich nicht helfe, tut das kein anderer. Deshalb habe ich seine hohen Krankenhauskosten übernommen – die Kranken­kasse zahlt das nicht – und ihm jetzt auch ein verkehrssicheres neues Fahrrad samt Warnweste geschenkt. Wir telefonieren ­regelmäßig, und nächsten Sommer fahre ich wieder hin und ­werde nach dem Rechten schauen.

Protokoll: Stefan Kempfen

 

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