Tschüß, Mafia

Roger Wehrli

Das Schutzgeld zu verweigern oder sich öffentlich gegen die Cosa Nostra zu stellen – das kam in Palermo noch vor wenigen Jahren einem Todesurteil gleich. Seit es das Netzwerk Addio Pizzo gibt, haben sich die Dinge zum Besseren gewendet. Vorkämpfer wie Fabio Conticello und sein Bruder Vincenzo aber zahlen einen hohen Preis für ihren Mut


Fabio und Vincenzo Conticello wollten nie Helden sein. Eigentlich wären sie damit zufrieden gewesen, Inhaber der Focacceria San Francesco zu sein, eines Familienbetriebs in fünfter Generation. Kein Großunternehmen, bewahre, nur einer der vielen hunderttausend kleinen Betriebe, die für die italienische Wirtschaft so typisch sind. Aber nun sind sie berühmt, berühmter vielleicht, als ihnen lieb ist.

Vincenzo mehr noch als Fabio, weil er vor ein paar Jahren mehrere Mitglieder eines Clans der Cosa Nostra für viele Jahre ins Gefängnis gebracht hat. Vincenzo musste dafür Sizilien verlassen. Er kümmert sich heute um die Geschäfte der Familie in Nord­italien. Doch auch dort wird er wohl für den Rest seines Lebens von einer mehrköpfigen Polizeieskorte geschützt werden müssen. Sein Bruder Fabio führt seither das Geschäft in Palermo. „Es ist alles ruhig im Moment“, sagt er. „Aber in Sizilien muss das nicht unbedingt ein gutes Zeichen sein. Es kann Jahrzehnte dauern, bis die sich rächen.“

Die Kalsa, zwischen der oberen Via Roma und dem Meer gelegen, ist ein ehemals heruntergekommenes Viertel Palermos, in dem inzwischen viele alte Palazzi restauriert wurden; neue Läden, Bars und Restaurants beleben das Quartier, abends und nachts sind die Straßen voller unternehmungslustiger junger Leute. Hier verkauft die Antica Focacceria San Francesco einfache Mahlzeiten: Arancine, frittierte Reiskugeln, oder Pan ca’ Meusa, Brötchen mit gebratener Milz; schräg gegenüber hat die Familie ein Restaurant eröffnet. Verschwunden ist auch der Kastenwagen der Carabinieri, der jahrelang vor dem Lokal stand und schon beinahe zur touristischen Attraktion wurde. Fabio Conticello legt Wert auf die Feststellung, dass seine Firma noch nie eine Lira an die Mafia abgegeben habe. Ihre Angestellten seien „in regola“, er habe immer Steuern und Sozialabgaben gezahlt, was in Sizilien eher die Ausnahme als die Regel ist.

 

Wer anfängt zu zahlen, wird immer zahlen. Und immer mehr

 

2004 aber hatte die Cosa Nostra begonnen, die Daumenschrauben anzuziehen. Ein Unbekannter tauchte auf und begann eines dieser ziellosen Gespräche, lobte den erfolgreichen Betrieb und deutete an, was doch alles geschehen könnte, wenn man keine Freunde habe. Schließlich folgte eine Geldforderung – der Pizzo.

Weil die Conticellos wussten, dass, wer anfängt zu zahlen, immer zahlen wird und immer mehr zahlen wird, kontaktierten sie ­diskret die Carabinieri. Einige Wochen lang geschah nichts – ­außer dass die Drohung die Nerven blanklegte. Dann wurde der Geschäftsführer angewiesen, eine bestimmte Person in seinem Restaurant anzustellen. Die Carabinieri nahmen daraufhin die Mitarbeiter genau unter die Lupe, verwanzten Wohnungen, hörten Telefone ab, aber die Mafia machte weiter Druck. Die Autos von Mitarbeitern und Familienangehörigen wurden zertrümmert und ausgeraubt, Gäste belästigt, Lieferanten herausgedrängt. Die Scheiben der Focacceria wurden eingeworfen, die Hunde und Katzen der Familie vergiftet. Als die Carabinieri sicher wussten, dass alle Mitarbeiter sauber waren, gab Vincenzo Conticello scheinbar nach und traf sich mit den Erpressern. Am Nebentisch saßen Carabinieri in Zivil. Kurz darauf schnappte die Falle zu.

Im Sommer 2004, ungefähr zu der Zeit, als das erste Mal ein „Freund“ bei Fabio Conticello auftauchte, erlebte Palermo aber auch eine ungeheure Provokation. Über Nacht waren die Mauern der Stadt tapeziert mit Aufklebern. Darauf stand: „Ein ganzes Volk, das Schutzgeld zahlt, ist ein Volk ohne Würde.“ Sofort schossen die Vermutungen ins Kraut, wer hinter der Aktion stehen könnte. Radikale Kommunisten? Frustrierte Ladenbe­sitzer? Rivalisierende Mafiaclans? Gleichgültig ließ die Sache niemanden, der Satz traf die stolzen Sizilianer an einem empfindlichen Punkt. Keiner hatte bis dahin öffentlich zu sagen gewagt, dass es auch einen gesellschaftlichen Konsens braucht, damit die Mafia ihre Macht ausüben kann. Schließlich bekannte sich eine Gruppe junger Leute aus dem Umfeld der Universität Palermo zu der Aktion, die sie „Addio Pizzo“ nannten, tschüss, Schutzgeld.

Die Idee dahinter: Dadurch, dass Geschäftsinhaber, Wirte, ­Hoteliers erklären, kein Schutzgeld zu zahlen, lassen sie dem ­Konsumenten die Wahl. Bisher hatte noch niemand wirklich zugegeben, dass die Schutzgeldzahlungen an die Mafia auf der Wirtschaft Siziliens schwer wie Blei lasten. Natürlich wurden auch die Conticellos mit ihrer Focacceria Mitglied bei Addio Pizzo.

Anfangs sah es so aus, als bliebe Addio Pizzo eine Sache für ein paar wenige Gutmenschen, doch die Idee setzte sich langsam durch. Der Durchbruch kam im November 2011, als die Vereinigung mit dem Handelsverband der Stadt Palermo einen Vertrag unterzeichnete. Jetzt folgten auch die großen Firmen und Ladenketten wie Sisley und Benetton. Aus einer Graswurzelbewegung ist eine Massenaktion geworden, der weit mehr als tausend Betriebe in und um Palermo angehören. Trotzdem wird geschätzt, dass immer noch 80 Prozent aller Unternehmen in Palermo ihren Pizzo entrichten, sei es aus Angst, sei es aus alter Gewohnheit, wie beim Besitzer der größten Supermarktkette der Stadt, von dem erzählt wird, er habe, nachdem seine alten Schutzherren verhaftet wurden, verzweifelt nach einem neuen Clan gesucht, um sein Geld abzuliefern.

„So wie jeder Amerikaner in einem gewissen Alter noch weiß, was er gerade tat, als er von der Ermordung John F. Kennedys erfuhr, weiß jeder Palermitaner, wie ihn die Nachricht vom Attentat auf Richter Giovanni Falcone erreichte. Es war eine Zäsur“, sagt Pietro Adragna, der unweit des Teatro Politeama einen trendigen T-Shirt-Laden betreibt. Adragna würde mit seinem feinen Schnauzbart gut in einen französischen Film aus den Fünfzigern passen. Er schaut wach und mit einem Zug Ironie in die Welt. Er ist ein Dandy mit Prinzipien. Ob er Addio Pizzo aus finanziellen oder ideellen Gründen beigetreten sei? „Definitiv aus ideologischen!“, sagt Adragna. Er wolle sich vor seinem kleinen Neffen nicht schämen, denn in den Schulen werde heute ein Bewusstsein für Legalität vermittelt. „Die Kinder stellen Fragen, und sie wollen ehrliche Antworten von uns hören. Es ist Zeit, dass wir sie ihnen geben.“

Adragna erzählt, dass in den Schulen Siziliens das Thema ­Mafia fast zum Pflichtfach geworden sei und dass die ermordeten Richter Falcone und Paolo Borsellino zu Helden einer ganzen ­Kindergeneration avancierten. Aber mit dem Kampf gegen die Mafia sei es nicht getan; vielmehr gehe es darum, überhaupt erst eine Zivilgesellschaft zu schaffen. Als wollten sie zeigen, was er damit meint, betreten in diesem Moment zwei ärmlich gekleidete Südasiaten den Laden, vielleicht aus Bangladesch. Obwohl die Preise ganz offensichtlich über ihrem Budget liegen, fragt Adragna höflich und in gutem Englisch, ob er ihnen helfen könne. Nichts ist von der Herablassung zu spüren, mit der gutgestellte Sizilianer sonst gern auf ihre glücklosen Mitmenschen hinabschauen. Die beiden lächeln, schütteln den Kopf und machen sich davon.

Im Laden nebenan, einer alteingesessenen Heimtextilhandlung, hängt ein Zettel im Schaufenster: Ausverkauf wegen Geschäftsaufgabe. Auch hier, in unmittelbarer Nähe zur teuren Via Libertà, macht sich die Krise bemerkbar. Wird es das neue Bürgerbewusstsein aushalten, wenn die Wirtschaft weiter bergab geht?

Eine überwältigende Mehrheit der Italiener ist katholisch, und doch spielt die protestantische Kirche politisch und wirtschaftlich eine bedeutende Rolle. Bei der Gründung des italienischen Einheitsstaates 1861 waren 93 Prozent der Einwohner Analphabeten – und die katholische Kirche legte damals keinen Wert darauf, dass sich daran grundsätzlich etwas änderte. Die Waldenser hingegen, die evangelische Bewegung in Italien, verfolgten in ihren Schulen energisch das Ideal eines selbstverantwortlichen freien Bürgers. Natürlich ist der Gegensatz zwischen katholischer Kirche und Waldensern heute weit weniger scharf; vielfach arbeiten beide Konfessionen eng zusammen.

„Die Menschen verstehen sich hier oft noch als Untertanen, nicht als mündige Bürger. Zunächst ging es darum, überhaupt zuzugeben, dass es die Mafia gab“, sagt der Pastor der Chiesa Valdese di Palermo, Giuseppe Ficara. „Erst 1993 sprach Papst Johannes Paul II. den Namen Mafia öffentlich aus. Immerhin, seither hat sich etwas verändert.“ Das Problem liegt aber tiefer, und die Mafia ist nur eine seiner Erscheinungsformen. Bewundert wird nicht der Ehrliche, sondern der „furbo“, der Schlaumeier, der auf Regeln und Gesetze pfeift, um seine Interessen zu ver­folgen. Leute wie Silvio Berlusconi eben. Legalität ist nicht per se ein Wert.

Addio Pizzo ist für Ficara ein Schritt hin zu einem bürgerlichen Bewusstsein. Ein Anfang – denn es gebe zahllose weitere Felder zu bestellen. Wenn etwa einer Arbeit sucht, dann sendet er seine Bewerbung nicht an eine Firma, sondern er sucht einen „Freund“, der ihn empfiehlt. Ein Rentner pocht nicht auf sein Recht auf eine Rente, sondern sucht jemanden in der Verwaltung, der die Sache für ihn in Gang bringt.
 

Vielleicht ist die Mafia längst ein U-Boot. Unsichtbar, allgegenwärtig


Bis in die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts galt die Mafia eher als folkloristische Vereinigung von ehrbaren Männern und gläubigen Katholiken. Wer etwas anderes behauptete, war entweder Kommunist oder ein Fremder. In den achtziger und neunziger Jahren griff die Mafia den italienischen Staat frontal an und forderte ihn so heraus, dass dem Staat gar keine Wahl blieb, als hart zurückzuschlagen. Es hagelte Gesetze: Mafiosi, die vorher vom Gefängnis aus ihre Clans wie aus dem Büro geleitet hatten, wurden in Hochsicherheitsgefängnisse auf abgelegenen Inseln verlegt. Durch die Kronzeugenregelung entstand ein mächtiges Werkzeug, auch wenn die sogenannten „Reumütigen“ oft selber Mörder und Dealer waren.

Vor allem aber wurde das Gesetz des Schweigens gebrochen: die „Omertà“. Die Bevölkerung Palermos lehnte sich endlich auf gegen die Gewalt, die Anmaßung und den falschen Ehrbegriff der Mafia. Addio Pizzo ist eines der sichtbarsten Symbole des Wandels. Eine Stadt nimmt wieder Besitz von sich selbst. Und das Netzwerk ist auch ein Zeichen nach außen, nicht zuletzt von touristischer Bedeutung. Es gibt pizzofreie Reisen und Stadt­führungen, die Focacceria hat schon Berühmtheit erlangt als Zentrum des Unternehmerwiderstands, und die deutsche Botschaft hat einen Addio-Pizzo-Stadtplan mitfinanziert. Aber ob das alles wirklich hilft?

Maurizio Francaforte, seit vier Jahren katholischer Pfarrer in der Gemeinde San Gaetano, ist skeptisch. „Die Mafia ist heute weniger sichtbar, aber immer noch stark verwurzelt. Es gibt hier keine Industrie, die Landwirtschaft ist zerstört, welche Wahl haben die jungen Menschen schon? Wenn sie nicht aus einer Familie mit einer ­Kultur der Legalität entstammen, rutschen sie unweigerlich in die Kriminalität ab.“

Mit einer Handbewegung umfasst er das Panorama des ärmlichen Viertels, in dem er lebt: Brancaccio. Schäbige Hochhäuser vor kahlen Berghängen, von der nahen Umgehungsstraße ist ein stetiges Dröhnen zu hören. Er wolle die Realität keineswegs beschönigen. Doch die wahre Mafia sei längst globalisiert. Vielleicht sei die Wirtschaftskrise gar eine Chance, denn es gehe vielen kleinen Ladenbesitzern so schlecht, dass sie auch die 200 oder 300 Euro jährlich für den Pizzo nicht mehr aufbringen können.

Der Pizzo war hier ohnehin immer symbolisch, ein Zeichen der Territorialkontrolle. Natürlich begrüßt es Francaforte, wenn sich die Leute auflehnen. Die Frage sei allerdings, ob dahinter Überzeugung stehe oder Opportunismus. Auffällig ist das Desinteresse des Staates an Vierteln wie Brancaccio. Während es um die Via Libertà von Streifenwagen wimmelt, sieht man hier, wo die Kriminalität endemisch ist, von der Staatsmacht so gut wie nichts. Im Vakuum gedeiht die Mafia. Vielleicht ist sie längst das riesige U-Boot, zu dem sie der ehemalige „Boss aller Bosse“, Bernardo Provenzano, verwandeln wollte. Unsichtbar und allgegenwärtig.

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