chrismon Gemeinde 2012

St. Sixti in Northeim: Die chrismon-Siegergemeinde im Porträt

Patrice Kunte Fotografie

Eine wunderschöne Kirche und drei Pastoren, die was daraus machen. Die Northeimer St. Sixti Kirche hat noch mehr zu bieten als Veranstaltungen mit Kaufleuten, Handwerkern und Prominenten aus der Stadt - wofür sie im Wettbewerb chrismon-Gemeinde 2012 den ersten Preis bekam. Hier trifft sich die Jugend in der ehemaligen Büßerkammer. Hier entstehen finanziell gut ausgestattete Stiftungen. Hier boomt die Schwesternstation.

Eine Führung durch die Northeimer St. Sixti Kirche könnte ganz oben beginnen, im Giebel des hochragenden Dachstuhls direkt über dem Kirchenhauptschiff. Unter den 3 cm starken begehbaren Brettern in schwindelerregender Höhe, die man nur über etliche Leitern erreicht, geht es geschätzte 15 Meter in die Tiefe – runter bis aufs Deckengewölbe des Hauptschiffs, das man hier von oben betrachtet. Von dort dringen die Chorklänge empor – Händels Halleluja: Letzte Probe vor der Preisverleihung in der Gewinnergemeinde des Wettbewerbs chrismon-Gemeinde 2012 am 14. Juni.

Leitern und Planken im Dachstuhl stammen von der letzten Dachsanierung. Vor nicht ganz zehn Jahren hatte man das Dach neu eindecken lassen. Die Idee damals: Man ließ die mittelalterliche Ziegelform nachgießen. Eine teure Sanierung in Absprache mit dem Amt für Denkmalschutz. Wer Geld dafür spendete, konnte seinen Namen auf seine Ziegel schreiben.

Begeisternde Kirchengemeinde

Doch die Sanierung endete im Fiasko. Moderner Ton ist leichter als mittelalterlicher. Die Folge: Bei Sturm flogen Ziegel vom Dach. Die Konstruktion – einst als Symbol für die starke Northeimer Gemeinschaft gedacht – drohte, ein Sinnbild für Lebensgefahr zu werden, sagt der Pastor an St. Sixti, Mathis Burfien. Das Dach musste neu gedeckt werden. Kommenden Donnerstag, den 21. Juni 2012, können Spender ihre Ziegel bei einem Weinfest auf dem Kirchvorplatz wieder abholen.

Überhaupt: das Weinfest. Es ist eine von vielen Veranstaltungen aus der Reihe Sixti Acts, mit der die Northeimer als wachsende Stadtkirchengemeinde den ersten Preis beim chrismon-Wettbewerb Gemeinde 2012 gewonnen hat. Sixti Acts sind missionarische Veranstaltungen in Zusammenarbeit mit Northeimer Fachgeschäften und Fachleuten. So lud man zu Lesungen in der örtlichen Buchhandlung ein, man ließ örtliche Politiker auf einem Podium über gesellschaftliche Fragen diskutieren. Es gab historische Führungen, liturgische Wanderungen, Veranstaltungen mit dem örtlichen Teeladen und regionalen landwirtschaftlichen Betrieben. "Brot des Lebens" hieß ein großes Mahl, organisiert zusammen mit einem örtlichen Bäcker. Einladend will die Kirchengemeinde sein. Die Leute kämen zur Kirche, weil sie eingebunden werden und ihre Fachkenntnisse gefragt sind, heißt es. Die Jury chrismon-Gemeinde 2012 befand: absolut preiswürdig.

Von der Büßerkammer zum Garten Eden-Zimmer

Der Blick aus einer der Kirchdachluken geht auf die Hausdächer der schmucken Fachwerkaltstadt, die Stadt liegt dem gotischen Prachtbau zu Füßen. Als Kirche für die Stadt verstehe man sich auch, sagt Pastor Burfien. Der Kirchenvorplatz verschwindet unter dem schützenden Blattwerk eines wuchtigen Baums. Eine enge Wendeltreppe führt von hier hinab. Auf halber Höhe ein kleiner Balkon ins Kircheninnere, dahinter der Eingang zur Büßerkammer.

"Bis ich vom Gegenteil überzeugt werde, glaube ich, dass diese Büßerkammer in Deutschland einzigartig ist", sagt Pastor Burfien. Ein Fünfzack sichert das Hörloch ins Kircheninnere, damit das Böse nicht aus der Büßerkammer zum Rest der Gottesdienstgemeinde dringt. Weibliche Gestalten mit gespreizten Beinen deuten daraufhin, wer hier im Mittelalter möglicherweise büßte: Prostituierte, Ehebrecher, sexuell Freizügige.

Der Raum geriet zwischenzeitlich in Vergessenheit. Als Burfien vor fünf Jahren seine Stelle in Northeim antrat, war er eine Rumpelkammer. Zuvor hatte der Raum irgendwann einmal als Bibliothek gedient, daher ist er heute beheizbar. Aber er war zu feucht für die Bücher. Zusammen mit Jugendlichen richtete Burfien die Kammer neu ein – als Jugendraum. Das Motiv der Büßerkammer kehrten er und seine Teamer um – in Garten Eden Zimmer. Heute schmücken Blumenmosaike den Putz. Orangenfarbene Tücher hängen von der Wand. Ein riesiges Matratzenlager bedeckt das hintere Ende des Raums. "Über 1000 Arbeitsstunden" stecken hier drin, beziffert Burfien den hohen Einsatz der Jugendlichen. Säckeweise wurde alter Schutt die enge Wendeltreppe hinuntergeschafft, Bretter für ein Podest holte man per Aufzug über den Büßerbalkon hinauf.

Heute feiert die Jugend hier Andachten – etwa für Abiturienten, die zum Studium aus Northeim fortziehen. Oder Konfirmandeneinheiten zum Thema "Buße" am Reformationstag. Mit getrockneten Bohnen in den Schuhen steigen die jungen Vorkonfirmanden die enge Wendeltreppe zum Garten Eden-Zimmer hinauf. Oben angekommen befreien sie sich von der drückenden Pein im Schuhwerk, sprechen über Schuld und lesen gemeinsam Vergebungsgeschichten – wie Jesu Gleichnis vom Verlorenen Sohn.

Gotische Pracht: die Gottesdienstkirche

Die Wendeltreppe geht es weiter hinab bis ins Hauptschiff. Von dort ist die segnende Christusstatue überm Eingang zum Büßerturm zu sehen. Sie stürzte einmal, als man nach Weihnachten den Christbaum entfernte, vom Sockel und zerbarst. Irgendwie auch ein Glücksfall: Die Holzfigur ging zum Restaurator, und der fand in ihr einen Knochen – Reste einer Reliquie der thebanischen Legion. Der Legende nach bestand die Militäreinheit aus Christen, die einen Einsatz gegen gallische Christen verweigerten und daraufhin selbst sterben mussten. Christlich-antike Kriegsdienstverweigerer sozusagen.

Auch sonst besticht das Kircheninnere durch gotische Pracht. Der Hochaltar, ein gotisches Werk, zeigt die Krönung Mariens und zwei Ortsheilige – Sixtus und Blasius – unmittelbar daneben, näher noch an der Szene als die biblischen Heiligen, der Täufer und der Evangelist Johannes. Ein Wunder, dass der (lange Zeit für künstlerisch minderwertig eingestufte) Altar nicht nur die Bilderstürme der Reformation überstand, sondern auch die bürgerlichen Zeiten danach.

Wenn die Northeimer nach St. Sixti zu den Filmgottesdiensten strömen, erleben sie, wie die Filmleinwand vor dem Altar aufgebaut wird, und wie dann nach Ende der Vorführung wieder ihr mittelalterlicher Altar erscheint. Ein feierlicher Augenblick. Die Leute kommen in Scharen. "Sie bekommen auch einen Ermäßigungsschein für das örtliche Programmkino", sagt Pastor Burfien und schmunzelt.

Kinderkirche unterm Hieronymusaltar

Taufkapelle, so nennen die Northeimer die Apsis im rechten Seitenschiff. Bunte Kinderstühle stehen im gestreckten Halbkreis um das Altartryptichon mit dem gekreuzigten Christus in der Mitte. Hier feiert an jedem ersten Samstag im Monat die Kinderkirche unter Leitung von Pastorin Karin Gerken-Heise und einem Team von Jugendlichen und Müttern Gottesdienst.

Auf etwa 300 Ehrenamtliche schätzt Pastor Burfien die Zahl der Freiwilligen an St. Sixti, Gemeindebriefausträger eingerechnet. Hinzu kommen Spender, die sich der Kirchgemeinde verbunden fühlen: mittelständische Unternehmer und Handwerker, die auch vor den 1,8 Millionen, die nun für die Sanierung des Kirchinneren fällig werden, nicht zurückschrecken.

Spender wie diese helfen auch, die Gemeindearbeit in Schwung zu bringen. 400.000 Euro Stiftungskapital sichern, dass sich die Gemeinde zusammen mit den Kirchenmusikmitteln der Landeskirche eine A-Musiker-Stelle leisten kann. Der Kantor solle den musikalischen Nachwuchs in Northeim fördern, Kinder an die Musik heran führen – mit dieser positiven Begründung habe man auch die mittelständischen Unternehmer für die Stiftung begeistern können, sagt der Northeimer Superintendent Heinz Behrends. Hätte er geklagt, dass man ohne Stiftung die A-Stelle nicht halten könne, hätte er "niemanden hinterm Ofen hervorgelockt". Heute überzeugt St. Sixti das Publikum mit hochwertiger Kirchenmusik.

Schnell anwachsende Schwesternstation

Auf der Südseite der Kirche säumt eine Fachwerkhäuserreihe die gegenüberliegende Straßenseite. Hier standen einst Pfarrwitwen-, Kantoren- und Pfarrhaus. Einige Häuser hat die Kirche verkauft, geblieben sind der Kirche eine Schwesternstation, der Kreisjugenddienst und die Oase (eine diakonische Einrichtung für Obdachlose und Durchreisende westlich der Kirche hinterm Gemeindehaus).

Die Schwesternstation begann mit einer Gemeindeschwester. Nach Einführung der Pflegeversicherung wuchs der Bedarf an ambulanter Pflege. Die Sozialstation stellte Pflegekräfte ein. Inzwischen sind es 80, sie versorgen über 300 Haushalte. Die Station laufe so gut, dass sie ihren Pflegekräften mehr Lohn zahlen könne als sonst am Ort üblich, sagt Superintendent Behrends stolz.

Das Fachwerkhaus hinter der Schwesternstation sieht sehr baufällig aus. Noch findet sein Besitzer keinen Käufer. Zu kostspielig sind die Bauanforderungen des Denkmalschutzamtes. Wenn man sich da nur einig werden könnte – die Northeimer Diakonie könnte das Haus gut gebrauchen. Der Bedarf an Pflegekräften wächst, und mit ihr die Schwesternstation.

Sorgen wie die der Northeimer, die ihr Wachstum nur mit Anstrengungen bewältigen können – obwohl sie eigentlich in einer demografisch stark schrumpfenden Gegend leben, dürfte man sich andernorts in Deutschland geradezu herbeisehnen.

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