Landesbischof Johannes Friedrich über seine Arbeit als Pfarrer

"Ihr könnt auch mal klatschen, wenn es Euch gefallen hat!"

© epd-bild / Peter Roggenthin/Peter Roggenthin

Johannes Friedrich ist der erste ehemalige Landesbischof in Bayern, der nach Ablauf seiner Amtszeit bis zu seiner Pensionierung als Pfarrer in eine Gemeinde ging: das fränkischen Bertholdsdorf. Ein Gespräch über Applaus im Gottesdienst, Erdverbundenheit auf dem Land und alkoholfreies Bier statt Wein. Dieser Text wurde erstmals im Oktober 2012 veröffentlicht.

Herr Friedrich, gelten Sie in Bertholdsdorf als der "neue Gemeindepfarrer" oder eher als der "ehemalige Landesbischof"?

Johannes Friedrich: Als der neue Gemeindepfarrer, eindeutig. Die Menschen im Dorf sprechen mich entweder mit "Herr Pfarrer" oder "Herr Friedrich" an. Niemand sagt "Herr Landesbischof" zu mir. Wenn es sich anbietet, erzähle ich ab und zu von meinen Erfahrungen als Bischof, zum Beispiel von Reisen in Partnergemeinden. Etwa in Predigten oder im Konfirmandenunterricht. Dort habe ich einmal erzählt, dass in anderen Gegenden der Welt im Gottesdienst geklatscht wird, wenn den Menschen die Predigt gefällt. Da habe ich eigentlich mehr aus Spaß gesagt: "Ihr könnt auch mal klatschen, wenn ich gepredigt habe, und es Euch gefallen hat." Seit dem klatschen die Konfirmanden immer mal wieder, was die restliche Gemeinde etwas irritiert, glaube ich. Es gibt aber einige wenige, die mitklatschen.

Ihre Amtszeit als Landesbischof von Bayern endete am 31.10.2011. Wären Sie gerne weiter Landesbischof geblieben?

Amtsmüde war ich nicht. Ich habe mich sehr für die Amtszeitbeschränkung auf zwölf Jahre eingesetzt, noch nicht wissend, dass es mich betreffen wird. Jetzt, nach diesen zwölf Jahren, bin ich weiterhin der Meinung, dass der Zeitraum ideal ist. Es ist gut für die Kirche, wenn jemand Neues mit neuen Ideen kommt. Mein Nachfolger macht nicht alles anders als ich, aber hat natürlich neue Ideen, bei denen ich mir denke: "Mensch, toll, das ist gut und richtig, warum hast Du diesen Einfall nicht gehabt?" – ein wenig schleift es sich immer ein. Für mich war es wunderbar, dass ich zu einem Zeitpunkt aufhören konnte, zu dem ich mich weder ausgebrannt noch schlapp gefühlt habe. Es war absolut die richtige Entscheidung. Ich bin hier glücklich und bin zufrieden mit der Entscheidung, dass ich nicht in den Vorruhestand gegangen bin. Das wäre wirklich von Tempo zweihundert auf nahezu null gewesen, dazu habe ich mich nicht in der Lage gefühlt. Jetzt finde ich es gut, noch einmal neue Erfahrungen zu machen. In einem Bereich, wegen dem ich eigentlich Pfarrer geworden bin – wegen des normalen Gemeindepfarramts.
 

"Konfirmandenunterricht habe ich seit 23 Jahren nicht mehr gegeben"
 

Seit neun Monaten arbeiten Sie nun in Bertholdsdorf als Gemeindepfarrer. Wie haben Sie die Zeit bisher erlebt?

Es macht mir sehr viel Freude. Es ist eine Gemeinde, die im guten Sinne traditionell volkskirchlich geprägt ist. Die Menschen kommen zum Beispiel am Sonntag mit ihrem eigenen Gesangbuch in die Kirche. Das ist, glaube ich, ganz bezeichnend. Wir haben einen Gottesdienstbesuch – also schon vor meiner Zeit, nicht jetzt durch mich – von etwa zehn Prozent, was vergleichsweise hoch ist. Die größte Herausforderung in den letzten Monaten war für mich der Konfirmandenunterricht, den habe ich seit 23 Jahren nicht mehr gegeben. Zwölf Konfirmanden und Konfirmandinnen unterrichte ich jetzt.

Bevor Sie Ihre neue Stelle angetreten haben, äußerte der Kirchenvorstand Bedenken gegen Sie als den neuen Gemeindepfarrer. Warum?

Ich habe eine Fünfzig-Prozent-Stelle in Bertholdsdorf und in der restlichen Zeit nehme ich überregionale Aufgaben wahr. Der Kirchenvorstand befürchtete, dass ich kaum erreichbar und ständig unterwegs sein würde. Doch ich habe zum Beispiel im Gemeindebrief meine Handynummer veröffentlicht. Das heißt, die Bertholdsdorfer wissen, wenn sie mich anrufen, gar nicht, ob ich vor Ort bin. Die Menschen nutzen das, da gibt es keine Berührungsängste – die Befürchtungen haben sich also nicht bestätigt.

Wie unterscheiden sich die Gottesdienste, die Sie als Landesbischof gehalten haben von denen, die sie jetzt halten?

Jetzt besteht die Herausforderung darin, dass ich die Gottesdienste immer in derselben Gemeinde halte. Als Landesbischof habe ich ja auch jeden Sonntag gepredigt, aber eben jedes Mal zu einer Gemeinde, die ich nicht kannte, in der Regel bei Jubiläen. Dann hat in der Predigt natürlich dieser Anlass eine Rolle gespielt. Ich konnte auf nichts aufbauen, was ich früher schon einmal gesagt habe. Also insofern waren die Predigten schon signifikant anders. In Bertholdsdorf kenne ich nun die Menschen, weil viele nahezu jeden Sonntag kommen und ich auch viele Besuche mache. Jetzt achte ich darauf, dass ich die Predigten aufeinander beziehe, möglichst ohne ungewollte Wiederholungen.
 

"Ich lasse es jetzt bewusst etwas ruhiger angehen"
 

Und wie sieht ihr Tagesablauf aus, im Vergleich zu früher?

An normalen Tagen war ich als Landesbischof um halb acht im Büro. Nach der Hausandacht habe ich ab neun Uhr im Stundentakt Gespräche geführt – eigentlich bis abends. Meistens stand dann noch eine Abendveranstaltung an, gegen elf Uhr war ich in der Regel zuhause. Jetzt arbeite ich eigentlich immer noch relativ viel, aber deutlich weniger als zu Bischofszeiten. Und das war auch Sinn der Sache, dass ich ein wenig runterfahre. Jetzt lasse ich die Tage bewusst etwas ruhiger angehen, als ich das vorher gemacht habe. Zwar wache ich häufig sehr früh auf, aber dann mache meiner Frau und mir Kaffee und wir lesen erstmal in Ruhe Zeitung. Dann gehen wir häufig spazieren, und danach bereite ich vor, was an dem jeweiligen Tag ansteht: Konfirmandenunterricht, ein Hausabendmahl, oder den Bibelabend. Und nachmittags stehen dann die verschiedenen Termine an – so ist der Tag als Gemeindepfarrer ganz gut ausgefüllt.

Sie haben lange in der Stadt gewohnt. Wie ist es, jetzt in einer kleinen Gemeinde zu leben und zu arbeiten?

Es hat mich ein wenig überrascht, dass es hier in Westmittelfranken Landgemeinden gibt, die wirklich traditionell kirchlich sind. Es ist eine starke Verbundenheit zur Kirche vorhanden: Hier erwarten die Menschen, dass ab einem bestimmten Alter der Pfarrer zum Geburtstag kommt. Das ist in der Stadt nur noch selten der Fall. Und es gibt hier bei jeder Beerdigung eine Aussegnung. Meine erste Aussegnung war im Krankenhaus und es kamen fünfzig Menschen, weit über die Verwandtschaft hinausgehend. Wir sind dann mit einem großen Konvoi – der Leichenwagen voran – zum Friedhof gefahren, das waren ungefähr zwanzig Autos. Als wir durch den Ortsteil kamen, in dem die Verstorbene gelebt hat, haben dort die Feuerwehrglocken geläutet. Das wäre  in der Stadt undenkbar: Diese enge Verbundenheit zu den Nachbarn, man kennt sich. Ich habe auch als Bischof immer versucht, ansprechbar zu sein und mit den Menschen zu reden. Aber da war eine Scheu da, das habe ich deutlich gemerkt. Das war etwas ganz anderes, als wenn ich hier die Menschen besuche, die noch einen Bauernhof haben und auch im wahrsten Sinne des Wortes erdverbunden sind. Diese Nähe zu der Gemeinde und zu den Menschen hat mir früher schon ein wenig gefehlt.

Vermissen Sie etwas aus Ihrer Zeit als Landesbischof?

Nein, eigentlich nicht. Obwohl, wenn ich ganz ehrlich bin, fehlt mir doch eine Sache (lacht): Vor kurzem war ich bei einem früheren Kollegen zu einer netten Runde mit Kürbissuppe eingeladen. Die Einladung war dienstlich und zu meiner Zeit als Landesbischof hätte draußen ein Auto mit Fahrer für mich gestanden. Da konnte ich den guten Wein kosten. Jetzt hingegen habe ich alkoholfreies Bier und Wasser getrunken. Ein echtes Privileg war das früher, ich weiß. Als solches habe ich es auch empfunden. Jetzt geht es mir halt wie neunundneunzig Prozent der Bevölkerung, das ist schon in Ordnung. Aber das wäre unehrlich, wenn ich nicht sagen würde, dass mir das nicht fehlt. Ansonsten vermisse ich nichts – doch: meine netten Mitarbeiter!

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