Horst Köhn und der Dessauer Posaunenchor

Papa Blechbläser
Den Dessauer Posaunenchor hat Horst Köhn 1969 mitgegründet. Und wenn seine Familie zusammenkommt, sind jede Menge Trompeten, Hörner und Tuben dabei. Dem Vater der Kompanie geht es um viel mehr als Musik: dass sie alle zusammenhalten.

Neulich hat der Chor auf der Wiese vor dem Reichstags­gebäude in Berlin gespielt. Ganz spontan, weil sie ihre Instrumente nun mal dabeihatten. Es war kalt und feucht, aber egal. Ein Blechbläserchor kann Wasser vertragen, die Bläser sowieso, und Posaune, Trompete und Tuba eben auch.

Ein paar Dutzend Zuschauer blieben stehen, rückten ganz dicht heran, bildeten einen schweigenden Halbkreis. Und Horst Köhn, der schon seit fast sechzig Jahren die ­Posaune bläst, war glücklich. Kein Rummel, kein Würstchenbudengedränge wie auf den Weihnachtsmärkten, wo sie zu ­dieser Jahreszeit oft spielen. Was zählte, war allein das gemeinsame Musizieren, das fröhliche Verkünden: Hört her, ihr ­lieben Leute, so klingt es, wenn man den Herrn preist!

Die "mobile Orgeln" sind immer einsatzbereit

Es gehört ja gewissermaßen zum Wesen eines Posaunenchors, draußen zu spielen. Auf Pfingstfesten, bei Ostermärschen, zu Freiluftgottesdiensten. Als sich im 19. Jahrhundert die evangelischen Posaunenchöre durchsetzten, galten sie als „mobile Orgeln“, die man überall hinschicken und bei jedem Wetter einsetzen konnte. Und war eine Kirche zu klein, um alle Gottesdienstbe­sucher aufzunehmen, wich man eben ins Grüne aus.

Horst Köhn hat diese Freiheit, draußen zu spielen, lange nicht gekannt. Geboren 1935 nördlich von Berlin, wuchs er nach Kriegsende in der DDR auf. In den Jungen Gemeinden boomten die Posaunenchöre, boten sie doch die Möglichkeit, sich mit Gleichgesinnten zu treffen und zu musizieren. Doch sobald sie außerhalb der ­Kirche spielten, kam gleich die Volkspo­lizei, erzählt der 77-Jährige. Einmal, er­innert er sich, ist ihnen dennoch etwas schier Unmögliches gelungen. Da haben sie für die Gefangenen von Bautzen geblasen.

 

Die Mächtigen ärgern, mit Chorälen und Fanfaren

Köhn war damals ein junger Diakon und hatte sich mit ein paar Brüdern seiner Gemeinschaft auf der Straße versammelt, um der Gattin des Pfarrers ein Geburtstagsständchen zu blasen, was ihnen niemand verbieten wollte. Nun wohnte diese just in der Nachbarschaft des Gefängnisses für politische Häftlinge. Und als die Bläser fertig waren, bedankte sich nicht nur die Pfarrersfrau, sondern es klapperte auch aus den Zellen. Zu spät begriffen die Männer in den Ledermänteln, die alles beobachtet ­hatten, dass sie hier vielleicht ein bisschen ausgetrickst worden waren.

Horst Köhn liebt solche Geschichten. Sie erzählen von seiner Lust, die Mächtigen zu ärgern, und sei es nur durch Choräle und Fanfaren, denn ein Mann der großen Worte war er nie. Er sitzt am gedeckten Kaffeetisch in seinem Wohnzimmer. Ein weißhaariger munterer Herr in schwarzer Jeans und Sportschuhen.

Die Posaune umschlingt ein Kreuz

Seit vielen Jahren ist er schon Witwer. Den Prasselkuchen aus der Bäckerei hat er vorher selbst besorgt. Später setzt sich sein jüngster Enkel, der nach der Schule oft vorbeikommt, zum Kuchenessen dazu. Dreizehn Jahre alt und natürlich auch Mitglied in einem Posaunenchor, wie auch seine Schwester und Eltern und Onkel und Tanten. „Alles, was Köhn heißt, bläst“, sagt Horst Köhn. Wenn sie alle zusammen­kommen, sind sie 13 Blechbläser.
 

###a-1###

Mit zwei von ihnen wohnt er gemeinsam in einem Haus in Dessau. Andreas Köhn, der älteste Sohn, mit seiner Frau oben, der Vater unten. Zwei Enkel sind schon ausgezogen. Schon an der Haustür wird der Besucher dezent darauf hinge­wiesen, dass hier eine christliche Musikerfamilie lebt: Das Glasmosaik in der Tür zeigt ein Kreuz, das von einer Posaune umschlungen wird – Emblem des Posaunenchors Dessau, den Horst Köhn 1969 gegründet hat. Für einen richtigen Musiker hält er sich eigentlich nicht. Er hat in ­seinem Leben zwar oft den Wohnsitz und fast genauso oft den Beruf gewechselt, war erst Tischler, dann Leiter eines Kinderheims, zuletzt Krankenpfleger, doch seit er 16 war, hat er stets in einem Posaunenchor geblasen.

Ein Diakon muss die Posaune blasen können

Als er mit 14 von der Schule abging, ­hatte er von Noten keine Ahnung, erzählt er. Der Musikunterricht? Ein Witz. Sie mussten sich hinter den Tischen aufstellen und singen. Dann ging der Lehrer durch die Reihen, und es hieß: Wer brummt, muss raus. Horst Köhn musste immer mit raus. Erst als er eine Ausbildung zum Diakon im Martinshof in Rothenburg machte, bekam er sein erstes Instrument in die Hand. „Man hatte mir gesagt, wenn du ­Diakon werden willst, musst du auch ­blasen können“, sagt er.

Tagsüber kümmerte er sich um die ­Behinderten, die in dem Diakoniewerk lebten, abends blies er im Gemeinschaftsraum der Bruderschaft, wo allerlei Instrumente herumlagen. Erst Flügelhorn, dann Waldhorn, Tuba, Trompete; zuletzt blieb er bei der Posaune. Unterricht hatte er nie. Die Brüder halfen sich gegenseitig, erzählt er. Köhn steht vom Tisch auf und kramt im Sekretär nach alten Fotos.

 

Die Posaune erfüllt einen Zweck

Dabei summt er leise ein Lied. Eins der Fotos zeigt ihn als 19-Jährigen mit funkelnder Posaune neben vier anderen jungen Blechbläsern in einem Garten. Ein wendiger Mann im Anzug, mit wehendem blondem Haar unter blühenden Bäumen. Ein Bild, das vor Leben und guter Laune strotzt. Horst Köhn legt das Foto schnell weg, bevor er wehmütig wird.

Warum er bei der Posaune blieb? „Weil sie so beweglich ist. Ich ziehe einfach gern“, sagt er und simuliert mit der rechten Hand die typische Bewegung des Posaunisten. Mehr Liebesworte kann man ihm über das schlanke Blechinstrument nicht entlocken. Seine Beziehung zur Posaune ist eher pragmatisch. Sie erfüllt einen Zweck, nämlich den, mit anderen Bläsern zusammenzukommen. „Das Blasen“, sagt er, „war nie das Wichtigste, sondern der Zusammenhalt in der Gruppe, das Gemeinschaftsgefühl.“ Nirgendwo sonst habe er so etwas erlebt.

Das ist wie ein Clan - das schweißt zusammen

„Man hilft sich untereinander, ganz selbstverständlich, ohne groß fragen zu müssen.“ Er sucht nach Worten. „Das ist wie ein Clan, das schweißt zusammen.“ Und das habe er nicht nur in Dessau erlebt, sondern auch woanders. Einmal, erzählt er, es muss nach der Wende gewesen sein, gab es in der Stadt ein Kreisposaunenfest. Auch ein Posaunenchor aus Norddeutschland kam zu Besuch. Und hinterher luden die Bläser aus Bomlitz-Bommelsen die Bläser aus Dessau ein, sie zu besuchen. So kam es, dass der Posaunenchor Dessau mit damals 29 Leuten zum Posaunenchor Bommelsen fuhr. Keiner musste im Hotel schlafen, sie fanden alle Unterkunft bei den Bläsern. Eine richtige Freundschaft sei das geworden.
 

###a-2###

Warum dieser Zusammenhalt gerade im Posaunenchor so stark ist, kann Horst Köhn nicht erklären. Vielleicht liegt es ja an der Tradition des Nach-draußen-Gehens. Wer sich bei Wind und Wetter in das Getümmel auf Märkten stellt, der muss vielleicht nach innen eine besonders feste Gemeinschaft bilden? Ja, das kann sein, sagt er, „und dann stehen da sechs Hansel auch noch mit Weihnachtsmannmützen auf dem Kopf, und drumherum die ganze Meute“. Er zieht ein Foto aus dem Stapel, das ihn mit fünf anderen ­Bläsern vor einem Tannenbaum zeigt. Hinterher können sie gemeinsam über diese Aufmachung lachen.

Den Sohn hält Horst Köhn für den besseren Musiker

Es klopft an der Wohnzimmertür. Andreas Köhn kommt herein und drängt zum Aufbruch. Wie jeden Dienstagabend ist gleich Posaunenchorprobe. Der Sohn ist größer und kräftiger als der Vater. Und seit seinem 16. Lebensjahr Leiter des Chors. Horst Köhn hält ihn für den besseren ­Musiker. Der Sohn widerspricht nicht. Vielleicht hätte der gelernte Elektriker das Trompetespielen zum Beruf gemacht, wenn sie zu DDR-Zeiten Geld für richtigen Unterricht gehabt hätten.

 

 

 

Geprobt wird im zitronengelb gestriche­nen Gemeindesaal der Auferstehungs­kirche, die nicht weit von dem legendären Bauhausgebäude im Westen Dessaus liegt. Sechs Frauen und vierzehn Männer trudeln nach und nach ein, das ist nur die Hälfte des Chors, aber immerhin sind alle Instrumente besetzt. Dass der Chor Nachwuchsprobleme hat, sieht man ihm nicht an. Der jüngste Bläser an diesem Abend ist 18, viele sind um die 50, die ältesten über 70. Sie alle sind Laienmusiker. Und das ist auch so gewollt.

Die Stärkeren tragen die Schwächeren mit

Posaunenchorbläser sind keine Solisten, jeder ist nur eine Stimme unter vielen. Wenn einer zu gut ist, kann das die Bal­ance stören. Der Sinn sei ja, sagt Horst Köhn, dass die Stärkeren in der Gruppe die Schwächeren tragen. So wie die jüngere Dame an der Posaune neben ihm. Wenn sie nicht da ist, ist er unsicher. Er kann inzwischen keine Stimme mehr allein blasen. Nach zwei Herzinfarkten geht ihm schneller die Luft aus. Dann beruhigt es ihn, wenn die Posaune neben ihm weiterspielt.

 


Die Probe beginnt mit Tonleitern. Horst Köhn ist aufgekratzt. „Ich brauche einen Helm“, scherzt er, weil die Fagottspielerin zu dicht neben seinem Kopf herumfuchtelt. Sein Sohn Andreas bleibt ernst. Flott zieht der Chorleiter sein Programm durch. Die meisten Spieler kommen gerade von der Arbeit, sind müde, hungrig.

 

 

Ein Mann mit einem funkelnden Instrument

Der nächste Auftritt ist in zwei Wochen, und viele Stücke wackeln noch. Anderthalb Stunden lang legen sich alle ins Zeug. Es ist so laut, dass die zur Seite geschobenen Tische vibrieren. Es tropft aus den Rohren der Instrumente auf das Holzparkett. Zwischen den Notenständern bilden sich kleine Pfützen. Am Ende liest Andreas Köhn noch einen Vers aus der Bibel vor. Dann werden die Instrumente geputzt, wieder eingepackt, und schon sind alle wieder weg.

 

Horst Köhn wird an diesem Abend vielleicht seine Posaune noch mal rausholen. Manchmal macht er das nach den Proben. Durch das Fenster kann man ihn dann unter der Wohnzimmerlampe sehen. Ein kleiner Mann mit einem funkelnden Instrument, der „Im tiefen Keller sitz’ ich hier bei einem Fass voll Reben“ spielt. Es ist sein Lieblingslied. Wenn es ihm schlecht geht, baut es ihn auf. Und wenn es ihm gutgeht, dann tanzt er, innerlich.

Leseempfehlung

Albrecht Bönisch hat schon alle 322 Orgeln der Niederlausitz besucht. Wann immer es geht, kommt der Vater mit
Kirchenmusik In diesem Jahr wird es ungezählte Liebeserklärungen geben – an die Musik. Und damit an die gute Schöpfung Gottes
Jetzt ist die CD mit den schönsten Chorälen des Evangelischen Gesangbuchs erhältlich

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen

Ja, so haben wir Horst Köhn kennen und lieben gelernt, als der Posaunenchor Dessau Anfang der 90er Jahre bei uns zu Besuch war. Die Freundschaft mit den Bläserinnen und Bläsern aus Dessau besteht immer noch. Danke für diesen netten Artikel.

Lieber Andreas, lieber Horst,
habe Euren Beitrag gelesen und will Euch jetzt auf diesem Weg österlich grüßen:

"Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden! Halleluja"

Blast weiterhin mit Mut und Freude in der Öffentlichkeit die gute Botschaft von unserem lebendigen HErrn!
Euer Bernd-Johannes