Junge Prostituierte im Ostkongo

Hauptsache Überleben
Gleich kommen die ersten Kunden. Seit sie zwölf sind, arbeiten Caroline (rechts) und die beiden anderen Mädchen als Prostituierte. Auch Kinder wie sie gehören zu den Opfern des Bürgerkriegs im Ostkongo

Im letzten Licht eines afrikanischen Tages wartet sie auf der Holzbank in der Hütte auf die ersten Kunden. Von den Plastikcontainern mit dem Kaiko, Hirsebier, hat sie bereits die Deckel genommen. Es gibt keine Gläser. Wer hier einkehrt, der trinkt aus bunten Schalen. Ungelenke Schrift auf einem Stück Pappe zeigt den Preis für eine Portion: 1000 CFR. Das sind 80 Cent. Für manchen ist es der Tagesverdienst.

Vor einem Monat wurde sie 16 Jahre. Das ist das Alter für Träume und romantische Sehnsüchte. Wenn man hübsch ist wie sie, darf man auf Erfüllung hoffen.  Sie sieht aus wie ein Gemälde von Jan ­Vermeer. Doch wer das ist, wird man ihr nie erklären können.

Gleich kommen die ersten Kunden, und sie werden von dem Bier trinken, bis sie aus dem Mund stinken, ihre Augen blut­unterlaufen sind und ihre Stimme laut. Sie werden auf dem Boden vor der Hütte sitzen, und die Nachbarinnen werden ihre Kinder reinholen und ihr zurufen, sie solle für ein wenig Ruhe sorgen. Wenn es dunkel ist, wird immer einer mit ihr in die Hütte gehen, nicht in den Raum, in dem die Holzbank und das Bier stehen, sondern in den dahinter. Der ist gerade groß genug für die fleckige Matratze.

An manchen Nächten hat sie keinen Kunden, weil ihr Ekel so groß ist

An einer Wand hängt ein Poster, eine Collage aus Fotos bekannter Rapstars. Sie möchte ein Foto von sich, dafür zieht sie ihr schönstes Oberteil an. Glänzender Satin und Blumendruck, eine Passe mit Schleife, die hängt viel zu hoch und schmückt sie wie ein Präsent.

 

Umgerechnet fünf Euro für ein Mal. Weiter unten im Süden, in den Bordellen der Provinzhauptstadt Goma, kostet es einen Euro mehr. Das ist der Preis, doch selten zahlt ein Mann so viel. Die meisten werfen ihr einen 1000-Franc-Schein hin, manchmal zwei. Ihr Körper für den Preis von einem oder zwei Bier. 

Manchmal protestiert sie. Den Protest hat sie schon teuer bezahlt. Die Männer schlagen immer hart zu, sagt sie. In guten Nächten hat sie fünf Kunden. In anderen keinen, weil ihr Ekel zu groß ist. „Ich kann das nicht jede Nacht.“

In der Vergewaltigungsstatistik tauchen auch Zweijährige auf

Man muss genau hinhören. Ihre Sätze sind nur ein Flüstern, eine Mischung aus ihrer einheimischen Sprache Suaheli und ein paar Brocken Französisch, das sie behielt aus den Jahren, als ihr Vater noch lebte und sie zur Schule ging. Ihr Blick weicht immer aus, nur wenn sie keine Antwort weiß, starrt sie voller Angst in das Gesicht ihres Gegenübers. 

Sie soll Caroline heißen, ein Name weit entfernt von ihrem richtigen. Sie hatte gesagt, sie wolle ihre Geschichte erzählen, doch dann würgt sie an den Worten, und ihre rechte Hand hält die linke umklammert. Seit sie zwölf Jahre alt ist, arbeitet sie in Bierkneipen, die zugleich Bordelle sind. Mal hier, mal dort, sagt sie, Ortsnamen sind ihr entfallen, immer wieder gab es Gründe zu gehen, oder man jagte sie fort. Sie sei den Männern nicht in allem zu Diensten, sagt sie.

Seit einigen Wochen hat sie eine Hütte für sich, zwei kleine Räume und sieben gelbe Plastikcontainer für das Bier. Zwölf Jahre ist das Einstiegs­alter für die meisten Prostituierten in dieser Gegend. Mag der Körper auch noch knabenhaft sein, über Zwölfjährige steigen die Männer hier ungehemmt her. In der Vergewaltigungsstatistik der Kranken­häuser und Polizeistationen tauchen auch Zweijährige auf.

Kriege und Katas­trophen Familien und Gesellschaft zerstört

Die Stadt Beni, in der Caroline lebt,  liegt achtzig Kilometer von der Grenze zu Uganda, dreihundert Kilometer von Goma entfernt, eine lang­gezogene Kleinstadt in grüner sub­tropischer Landschaft, mit einem lebhaf­ten Markt und einem schwunghaften Mi­neralienhandel.

Anders als Goma, wo Müll die Straßen säumt und ­­die ­Flä­­che der Asphalt­löcher grö­ßer ist als die Flä­che des Asphalts, sieht Beni ziemlich propper aus. Verputzte Häus­chen stehen unter Palmen, kaum jemand hier fährt ein Auto, dafür knattern Mopeds durch die Straßen. Bunte Matratzen vor Läden, Moped- und Fahrradverleiher, Fischverkäuferinnen, Tischler mit drei Möbelstücken im Angebot.

Die Gegend gilt als Aktionsgebiet verschiedener Rebellengruppen, der Mai-Mai, die den Kongo von Ausländern frei halten wollen, und der proislamischen, multina­tionalen ADF (Allied Democratic Forces), der man Verbindungen zu Al-Kaida nachsagt. Beide Gruppen agieren in den Wäldern des nahe liegenden Rwenzori-Ge­birges und fallen von dort aus über Dörfer her. Ihre politische Agenda mag klein sein, die Gewalt, die sie ausüben, und das Leid, das sie über die Zivilbevölkerung bringen, sind groß.

Manche dieser Gruppen bestehen nur aus einer Handvoll Soldaten, ab­gerissene und hungrige Gestalten, die Kinder rauben, zu Sex, zum Töten und zum Plündern zwingen. Wenn sie in die Dörfer kommen, brennen sie Hütten nieder, vergewaltigen Frauen und Männer, demütigen, zerschlagen, töten, foltern. Im Ostkongo haben viele Kriege und Katas­trophen die Familienstrukturen und soziale Gefüge zerstört, die Traumatisierungen sind schwer, Mitleid und Fürsorge selten anzutreffen.

 

Die Bordelle ruinierten Benis Ruf

In seinem Büro in der Stadtverwaltung von Beni sitzt Bürgermeister Jean de Dieu Paluku Kisaka und klagt über den Mangel an Unterstützung aus Kinshasa. Kisaka ist ein bulliger Mann, der wenig Lust auf ausländische Journalisten und schon gar keine auf Rechtfertigung hat. Einem Besuch stimmt er dennoch zu, weil er um Geld bitten möchte. Angeblich für ein Jugendprojekt. 10 000 Dollar erbittet er zunächst, als die Reaktion ablehnend ist, sagt er, 2000 täten es auch schon.

Kisaka ist in Beni als Hardliner bekannt, der Straßenkinder mit Prügeln fortjagen lässt und wenig Mitleid mit den minderjährigen Prosti­tuierten hat. „Jeden Tag werden es mehr“, donnert er. Bis 2010 gab es Auffangzentren für von den Rebellen entführte Kinder, die fliehen konnten oder von der Armee befreit wurden. Diese ließ die kongolesische Regierung schließen.

Offiziell sind die Kivu-Provinzen befriedet, da machen sich traumatisierte Kindersoldaten schlecht. Die Kinder sollen in Gastfamilien unterkommen, hieß es. Doch wer selber Not leidet, füttert kein fremdes Kind durch. Zudem sind die Mädchen stigma­tisiert, sie haben getötet, sie wurden zum Sex gezwungen.

Vor einigen Monaten ließ Kisaka pro­beweise einige Bordelle schließen. Weil er nicht wusste, wohin mit den Mädchen, warf er sie ins Gefängnis. „Warum regen sich westliche Hilfsorganisationen darüber auf? Dann sollen sie doch lieber etwas tun. Uns fehlen die finanziellen Mittel, um das Problem zu bewältigen“, schimpft er, und sucht in einem Stapel versandeter ­Papiere nach einem Haushaltsplan der Provinzregierung. Nicht ein Cent sei für Kinder- und Jugendarbeit vorgesehen. Die Bordelle ruinierten Benis Ruf. „Wir brauchen wieder Anstand.“ Den letzten Satz nuschelt er, als sei er ihm selber peinlich. 

Die Mörder ihres Vaters wollten sie rekrutieren

Caroline lief von zu Hause fort. Das Jahr kann sie nicht angeben. Sie zerrt an ihren Fingern, sie biegt einen nach dem anderen um. Dass sie nicht rechnen kann, traut sie sich nicht zu sagen, es war das Jahr nach der Festnahme von Nkunda, flüstert sie schließlich. Rebellenführer Laurent Nkunda wurde 2009 verhaftet.

Im Jahr davor hatten seine Leute Carolines Vater um­gebracht. Wie? Sie schweigt. Wo? In unserem Garten! Warst du dabei? Sie schweigt. Warum lief sie fort? Die Mutter heiratete einen anderen Mann, der das Mädchen aus der ersten Ehe nicht wollte. Caroline durfte nicht mehr zur Schule ­gehen, zu essen bekam sie nur, was übrigblieb, dafür aber Schläge.

Caroline war nicht das einzige Mädchen im Dorf mit einem solchen Schicksal, viele Väter waren tot, viele Frauen heirateten neu und mussten ihre Kinder verjagen. In der Schule, erzählt Caroline, wurde von den Heldentaten der Rebellen erzählt. Einige der Mädchen ließen sich für Nkundas Rebellenarmee rekrutieren, Caroline wollte das nicht, schließlich waren das die Mörder ihres Vaters. Sie ließ sich mit nach Beni nehmen: „Ich wollte zu den Mai-Mai.“

Warum sie ihren Plan nicht ausführte, sagt sie nicht. Nur, dass sie auf dem Markt eine Frau traf, die anbot, sie aufzunehmen. Sie solle Bier verkaufen. So fing es an. Als Caroline einige Wochen später ihren ers­ten Kunden hatte, war dieser auch zugleich ihr erster Mann. War er freundlich zu ihr? Nein. 

Kaum ins öffentliche Bewusstsein vorgedrungen

Die Massenvergewaltigungen im Ostkongo haben die Medien beschäftigt und Hilfsorganisationen sowie Geld ins Land strömen lassen. Inzwischen gibt es relativ viel Hilfe für diese Frauen. Die Kinderpros­titution dagegen ist bislang kaum ins öffentliche Bewusstsein gedrungen.

In Beni betreuen einige lokale Organisationen die Kinder, und seit Frühjahr 2011 existiert auch ein deutsches Projekt. Rebound heißt dieses, es ermöglicht zurzeit 50 ehemaligen Prostituierten und 30 Jungen, die meisten ehemalige Kindersoldaten, eine Ausbildung und eine Psychotherapie. In einem Haus in einer stillen Seitenstraße von Beni werden diese Kinder unterrichtet und therapiert. Finanziert wird das Projekt von der Firma Jack Wolfskin, Lobbyist ist der BAP-Sänger Wolfgang Niedecken und umgesetzt wird es durch die Hilfsorgani­sation World Vision.

 

Im Einsatz gegen Kindersprostitution ist auch die MONUSCO (United Nations Organization Stabilization Mission in the Democratic Republic of the Congo), die Blauhelmtruppe für den Kongo. Dort versucht man Zahlen zu erhalten, doch das ist schwierig, weil die Bordelle nicht an einem Ort bleiben, die Mädchen immer wieder weiterziehen. Vermutlich gebe es 360 Bordelle und fast 1000 minderjährige Prostituierte in der Stadt, sagt Céles­tine Assuie, Kinderschutzbeauftragte der MONUSCO.

Beni aber sei noch lange nicht der schlimmste Ort für junge Mädchen. Schlimmer sei es im Norden, wo wegen der Gefahr durch Rebellen gar keine Hilfsorganisation mehr hinkomme und niemand mehr Kontrolle übernehmen könne. „Da gibt es doppelt so viele Kinderprostituierte wie hier. 80 Prozent davon sind zwischen 13 und 16 Jahre alt.“

Nun ist Caroline im dritten Monat schwanger

Assuie sagt, ihre Organisation dränge die Regierung in Kinshasa, Kinderzentren zu bauen, doch ergebnislos. „Die wollen mit dem Ostkongo wenig zu tun haben, und Kinderschutz ist in diesem Land ohnehin kein Thema.“ Die Bordelle zu schließen, werde das Problem nicht lösen. „Dann weichen die Mädchen eben auf Privaträume aus.“  Erst wenn die Gewalt eingedämmt und die wirtschaftliche Lage verbessert werde, könne auch den Kindern geholfen werden. „Für Kinder gibt es hier keine Lobby. Die ganze Gesellschaft ist auf pures Überleben reduziert.“

Vor einigen Monaten traf Caroline einen Mann, von dem sie glaubte, er empfinde etwas für sie. Der Mann sagte ihr nette Dinge und schlug sie nicht, er be­zahlte den vollen Preis und ging nicht gleich wieder. Er wollte keine Kondome benutzen. Caroline wehrte sich nicht. Nun ist sie im dritten Monat schwanger. Der Mann ist fort. Was werden soll, wenn sie hochschwanger nicht mehr arbeiten kann, was werden soll aus dem Kind? Sie weiß es nicht. Ob es nicht besser sei, wieder nach Hause zu gehen?

Sie schweigt endlos lange. Dann schüttelt sie den Kopf. „Lieber gehe ich doch zu den Mai-Mai.“

 

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