Steffen Lehndorff über Krisen in Europa

Handel mit Außerirdischen

REUTERS/© Hugo Correia / Reuters

Zehn Länder, zehn Kapitel: Steffen Lehndorff ist Herausgeber von ­„Ein Triumph gescheiterter Ideen“. In dem Buch gehen europäische ­Wissenschaftler der Frage nach, wie ihr jeweiliges Heimatland durch die Krise kommt – und wo die Ursachen liegen. Ergebnis: Nicht nur im Süden Europas gibt es Probleme - auch das Modell Deutschland ist nicht perfekt
Deutschland spricht 2019

chrismon: Ihr Buch heißt „Ein Triumph gescheiterter Ideen“ – welche Ideen sind denn gescheitert?

Steffen Lehndorff: Vor allem die neo­liberale Idee, dass der Markt alles regelt. Die Finanzkrise 2008 hat gezeigt, dass das nicht funktioniert. Trotzdem ist der Neoliberalismus zurück, aber mit neuer Begründung: Nur er könne helfen, die Staatsschulden, die ja durch die Bankenrettungen gestiegen sind, zu senken. Und weiter: Um die Märkte zu beruhigen, müssten „Schulden­sünder“ wie Griechenland und Italien soziale Leistungen kürzen und den Arbeitsmarkt flexibilisieren. Die Frage ist: Wem nützt das?

Ihre Antwort?

Die Exportwirtschaft ist Nutznießer der Gemeinschaftswährung. Früher führten deutsche Exportüberschüsse dazu, dass die D-Mark aufgewertet wurde – deutsche Produkte wurden teurer. Mit dem Euro fiel dieses Risiko weg. Aber wenn dem Ausland Reformen nach deutschem Muster aufgedrückt werden, verstärkt sich dort die Rezession. Das wird auf die deutsche Wirtschaft zurückschlagen.

Aber Deutschland hat Erfolg.

Das klingt nach Volker Kauder: „In Europa wird jetzt deutsch gesprochen.“ Aber in Deutschland empfinden doch viele unser Wirtschaftssystem als ­ungerecht. Die Einkommensschere öffnet sich immer weiter, und hohe Einkommen wurden entlastet. Das ist ein Problem für die ganze Eurozone.

Warum?

In Deutschland wie auch in anderen Ländern sind die Vermögen der Reichen stark gewachsen. Dieses Geld heizt die Spekulation auf den Finanzmärkten an – auch gegen einzelne Euroländer. Dazu kommt: Durch die Hartz-IV-Gesetze ist in Deutschland ein großer Niedriglohnsektor entstanden; aus Angst, den Job zu verlieren, akzeptieren die Leute immer geringere Gehälter. Jeder fünfte  Beschäftigte arbeitet für einen Niedriglohn! So sinken bei uns die Durchschnittslöhne, und andere Länder können ihre Importe nach Deutschland nicht steigern, weil hier die Kaufkraft fehlt. Das Ergebnis: noch höhere Exportüberschüsse. Aber das sind die Auslandsschulden der anderen. Wir brauchen Mindestlöhne, verbindliche Tarifverträge und Vermögenssteuern – bei uns und in den Krisenländern.

Und sonst muss sich in Spanien oder Italien nichts ändern?

Doch! Meine Kollegen sind kritisch mit ihren Ländern. Annamaria Simonazzi, Wirtschaftsprofessorin in Rom, fordert, dass sich die korrupten italienischen Eliten ändern müssen. Keiner gibt Deutschland die Schuld. Aber auch wir müssen unser exportfixiertes Modell überdenken. Wenn alle werden wie wir, brauchen wir Außerirdische, mit denen wir Handel treiben können.
 

Dr. Steffen Lehndorff

Dr. Steffen Lehndorff ist Volkswirt und Forscher am Institut für Arbeit und Qualifikation an der Uni Duisburg-Essen.

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