Goldkehlchen

Thomas Bernhardt

Erst aufhören, wenn es scheppert! Seit 66 Jahren singt Hildegard Holder im Kirchenchor – zur Freude der Kantoren in der eigenen und in den Nachbar­gemeinden. Doch es fehlt der Nachwuchs

Einmal flog das Gesangbuch mitten im Gottesdienst von der Kirchenempore hinunter in die voll besetzten Reihen. „Wir sangen gerade ‚Vom Himmel hoch, da komm ich her’, als ich versehentlich gegen den wackeligen Notenständer trat“, sagt Erich Holder. Er kann sich auch Jahrzehnte später noch darüber amüsieren: Wie sie wohl geguckt haben müssen da unten in den Kirchenbänken! „Vom Himmel hoch.“ Er gluckst. „Ach Erich!“, sagt Hildegard, „du und deine Geschichten!“

Der Erich saß noch irgendwo in einem französischen Kriegsgefangenenlager, als Hildegard 1946 konfirmiert wurde. Von da an galt sie als vollwertiges Gemeindemitglied und durfte im Kirchenchor mitsingen. Hildegard war 14, die schwäbische Provinz einigermaßen vom Bombenkrieg verschont geblieben und die Zukunft so undeutlich zu erkennen wie eine Fledermaus im Kohlenkeller. „Ein feste Burg ist unser Gott.“ Für Hildgard war die wöchentliche Chorprobe das erste offene Fenster zur Welt. „Es gab ja sonst nichts.“

Ein Land, das seine Lieder verloren hatte

Nach und nach kamen die Soldaten aus den Gefangenenlagern zurück. Auch der Erich war eines Tages dabei. Im Lager ­hatte man ihm sonntags Ausgang gegeben bis zur nächsten Dorfkirche. Dort sang er zur Überraschung der Franzosen im Chor. „Es gab ja sonst nichts.“ Bald nach seiner Heimkehr heiratete der angehende Volksschullehrer Erich die Abiturientin Hildegard aus dem Kirchenchor.

Nie hatten die beiden einen Satz als so falsch empfunden wie den von den „schlechten Menschen“, die angeblich ­„keine Lieder“ hätten, in einem Land, das nicht nur den Krieg, sondern auch seine Lieder verloren hatte. Erst wollte, bald konnte niemand die alten Volkslieder mehr singen. Die Jüngeren sangen, wenn überhaupt, unter der Dusche oder im Fußballstadion. Liedermacher Franz Josef ­Degenhardt dichtete 1967:


„Tot sind unsere Lieder,
unsre alten Lieder.
Lehrer haben sie zerbissen,
Kurzbehoste sie zerklampft,
braune Horden totgeschrien,
Stiefel in den Dreck gestampft.“

 

Singen ist Verkündigung

Im Kirchenchor aber war es anders. „Singen war und ist Verkündigung“, sagt Hildegard Holder. Verkündigung einer anderen, besseren Welt als der, aus der man kam. Sie sagt es, da sitzt ihr Erich mit am Tisch, weil es ihm an diesem Tag etwas besser geht. „Er konnte heute sogar ein paar Schritte vor dem Haus laufen.“ Erich plagt ein Krebs­leiden, die Medikamente hat er ab­gesetzt. „Austherapiert“, sagt Hildegard Holder.

Dienstags ist Probe in der Mauritius-­Kantorei in Betzingen, einem Stadtteil von Reutlingen. Der Chor trifft sich abwechselnd im Gemeindesaal und im Haus einer benachbarten Kirchengemeinde, weil sie in den  vergangenen Jahren aus drei Kirchenchören der Stadt zwei machen mussten. Die Haare der meisten Sängerinnen sind grau, von den vierzig Chormitgliedern sind gerade noch sieben männlichen Geschlechts. Hildegard Holder ist mit ihren 81 Jahren die älteste Sängerin, „Alt“ ist auch ihre Stimmlage, „das geht in meinem Alter besser als Sopran.“

Der demografische Wandel macht sich bemerkbar

Chorleiterin Michaela Frind hat ein anspruchsvolles Programm angesetzt, Bach-Kantate 37. Immer wieder unterbricht  sie den Chor: „Bitte, das D ist ein Dis“, oder: „Können Sie bitte etwas wärmer singen!“ Frind, 40, ist Kirchenmusikerin von Beruf. Sie hat ein mehrjähriges A-Studium, eine hochklassige Zusatzausbildung für Kirchenmusiker, hinter sich, ihre Ohren sind geschult. Laien­gesang erträgt sie nur schwer. „Das ‚selig’ klingt schon super“, lobt sie, man sieht die Erleichterung über das Lob in den vierzig Gesichtern.

Die meisten der rund 26 000 Kirchenchöre in Deutschland überaltern. Der demografische Wandel macht sich bemerkbar, vor allem auf dem Land. Kinder- und Jugendchöre gleichen den Schwund nicht aus. Chorleiterin Michaela Frind hat viele Chöre in den vergangenen Jahren schrumpfen, einige sich auflösen sehen. „Das wird auch so weitergehen“, sagt sie, „da muss man sich nichts vormachen.“ Chöre werden zusammengelegt, für wichtige Aufführungen bezahlte Solisten gebucht.

„Gospel? Diese Rhythmen sind mir fremd“

Frind leitet neben ihren beiden Kirchenchören weitere vier Kinderchöre, einen Gospelchor, mehrere Projektchöre, singt selbst in einem Jazzensemble. Das Problem der Überalterung in den normalen Kantoreien lasse sich nicht durch Nachwuchsarbeit lösen, meint sie. Doch neben den klassischen Kirchenchor treten neue Formen. Michaela Frind wird demnächst einen „Familienchor“ gründen: Während die Mütter und Väter singen, wird nebenan ihr Kind betreut.

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Hildegard Holder ist über solche „Er­findungen“ eher amüsiert. Einmal, da hat sie zum Spaß auch im Gospelchor mitgesungen und eine neue Erfahrung gemacht. „Diese Rhythmen sind mir fremd. Das muss man wohl von Jugend an eingeübt haben. Das schaff’ ich nicht mehr.“ Zu ­ihren Jugendzeiten war das Singen im ­Kirchenchor sehr viel begehrter: „Als ich jung war, gab es keinen Fernseher und auch sonst kein Unterhaltungsprogramm. Und wenn wir einmal im Jahr zusammen in den Schwarzwald einen Ausflug machten, dann war das schon sehr aufregend.“ Ob sie heute als junge Frau in einen Kirchenchor ginge? „Ich würde auf jeden Fall eine Freundin mitnehmen.“

Der Chor als Tor zur Welt

Der Chor war eben doch nicht nur Verkündigung, er war Ausdruck von Zuge­hörigkeit und Tor zur Welt. „Wir sangen an den Festtagen im Krankenhaus, wir sangen in den Nachbardörfern, wir sangen bei ­Geburtstagen.“ Bis heute ist Hildegard Holder froh, dabei zu sein, „weil der Chor im Alter noch für viele Kontakte sorgt.“

Nur in jenen Jahren, als ihr Erich – inzwischen Direktor der Dorfschule – mal die Leitung des Kirchenchores übernommen hatte, sei es manchmal „ ein bissele schwierig“ gewesen. Er wollte sich nicht allzu viel von seiner Frau hineinreden ­lassen, die von Musik vielleicht sogar mehr verstand als er. Hildegard Holder war als Sängerin auch in weltlichen Chören gerngesehen: Grischkat, Weyand, Gohl – über die Region hinaus bekannte Chorleiter hatten sie angezogen, „da konnte man nicht einfach nur kommen und mitsingen wollen.“

Wenn die Stimmen brüchiger werden

Heute muss man nicht mehr Noten ­lesen können, um dabei zu sein. „Es hilft, ist aber nicht notwendig“, sagt Chorleiterin Frind. Und wenn die Stimmen mit dem ­Alter etwas brüchiger werden, bittet sie nur in Extremfällen darum, doch bitte etwas leiser zu singen. Manchmal reicht das schon, und ein Chormitglied bleibt gekränkt zu Hause. Bei Hildegard Holder ist es noch nicht so weit, aber sie fürchtet schon den Tag. Vorsorglich bat sie ihre Chorleiterin, ihr die Wahrheit zu sagen, „wenn es scheppert“.

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Im Wohnzimmer der Holders hängen Bilder aller vier Kinder nebst Enkeln an der Wand. Zwei wurden Berufsmusiker, alle spielen Instrumente. Kommen sie ­zusammen, ist ein kleines Orchester beisammen, das allein schon über die Musik einen inneren Zusammenhalt bedingt. „Musik war in unserer Familie immer wichtig“, sagt sie. Wo anderen Familien die Worte fehlen, haben die Holders zumindest Noten. Singen und musizieren ist ­Familienkitt, so wie sie auch heute noch manchmal zu den Proben geht, am Anfang stöhnt: „Jetzt muss ich da auch noch hin“, und dann zurückkommt, „irgendwie befreit und zufrieden“.

Wenn die Holders sich treffen, ist das ein kleines Orchester

Irgendwo in den ausladenden Bücherregalen liegt auch noch der alte „Gölz“, jenes Kirchengesangbuch, das seinerzeit von der Empore kippte. So genannt nach seinem Autor, dem Tübinger Kirchenmusiker Richard Gölz. Der wohnte während der Nazizeit nur zwei Dörfer entfernt von den Holders. Erst nach dem Krieg kam heraus, dass Gölz zahlreiche Juden in seinem Pfarrhaus versteckte. Enttäuscht von der Enge seiner eigenen Kirche verließ er ­später Land und Kirche und starb als orthodoxer Priester in den USA.

„Ich sehe heute manches anders“, sagt ­Hildegard Holder, „auch ich sah früher manches zu eng.“ Als die neue Chorleiterin einmal vertonte Ringelnatz-Gedichte in der Kirche singen wollte, da haben ­Hildegard und Erich protestiert. „Doch nicht vor dem Altar!“ Heute würden sie das nicht mehr tun. Und dass die Chor­leiterin auf der Suche nach jüngeren Mitsängern Gospel-, Pop- und Jazzmusik anbietet, ist für sie längst kein Widerspruch mehr zur Verkündigung, „nur dass man halt die englischen Texte nicht gut versteht.“

Erich, das haben die Ärzte gesagt, wird nicht mehr lange leben. Der Krebs frisst weiter. Nur ungern lässt sie ihn darum ­allein zu Hause, und wenn die anderen nach den Proben noch zusammenhocken und plaudern, fährt sie meist schnell zurück. 60 Jahre sind sie zusammen, und würde man die Stunden zählen: vielleicht haben sie in dieser Zeit sogar mehr mit­einander gesungen als geredet.

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Lesermeinungen

Liebe Gastkommentatorin, ich bin selbst Chorsängerin und ich habe den Artikel mitnichten so verstanden, wie Sie selbst oder die von Ihnen befragten Personen. Im Gegenteil: ich habe sehr geschmunzelt und mich gefreut, dass es auch in anderen Chören nicht anders zugeht. Wie schön ist es, ein Stück nachher mit soviel Ausdruck wie möglich zu singen, was ohne die akribische Anleitung durch einen Chorleiter niemals möglich wäre. In diesem Sinne: fröhliches singen!

Ich singe - wenn natürlich auch bei weitem nicht so lange wie Frau Holder, die in dem Artikel portraitiert wird, aber doch auch schon etliche Jahre - in der Mauritiuskantorei mit und habe mich daher natürlich grundsätzlich sehr über den Artikel gefreut.

Allerdings bin ich der Ansicht, dass der Artikel in einer Hinsicht ein vollkommen verzerrtes und unzutreffendes Bild wiedergibt, das für mich absolut unaktzeptabel und in höchstem Maße ärgerlich und skandalös ist.
Ich beziehe mich auf den Abschnitt über unsere Chorleiterin Michaela Frind. Ich zitiere aus dem Artikel:

" Chorleiterin Michaela Frind hat ein anspruchsvolles Programm angesetzt, Bach-Kantate 37. Immer wieder unterbricht sie den Chor: "Bitte, das D ist ein Dis", oder "Können Sie bitte etwas wärmer singen!". Frind, 40, ist Kirchenmusikerin von Beruf. Sie hat ein mehrjähriges A-Studium, eine hochklassige Zusatzausbildung für Kirchenmusiker, hinter sich, ihre Ohren sind geschult. Laiengesang erträgt sie nur schwer. "Das 'selig' klingt schon super", lobt sie, man sieht die Erleichterung über das Lob in vierzig Gesichtern.

Dieser Text vermittelt den Eindruck, dass Michaela unseren Chor, der ja per se aus lauter Laien besteht, nur mit Mühe überhaupt ertragen kann, weil wir meist so grauslich singen, dass es ihren geschulten Ohren weh tut, dass sie uns in den Proben schindet und nur an allem herumkrittelt und wir permanent in Furcht vor ihr sind, so dass nur ein kleines Lob uns ab und zu vorübergehend etwas Erleichterung verschafft....ich überzeichne absichtlich etwas, aber beim Lesen entsteht eindeutig ein solches Bild. Ich habe dies abgesichert, indem ich den Artikel mehreren unbeteiligten Menschen zu lesen gab, die es mir so bestätigten.

Der spontane Kommentar meiner Schwester (langjähriges Mitglied in einem anderen Chor) zu dem Artikel war: "Der Artikelschreiber hat keine Ahnung von Chorprobenarbeit!"
Das trifft es sehr genau!
Natürlich braucht ein Chor beim Erlernen eines Werkes Rückmeldung der Chorleiterin über die Aspekte, die noch nicht gut sind - wie sollen wir anders etwas lernen? Und zugegeben, Michaela ist eine Chorleiterin, die sehr gründlich mit uns arbeitet und auch auf kleinste Details Wert legt, nicht nur auf korrekte Intonation und Rhythmus, sondern auch auf musikalische Gestaltung, Artikulation des Textes, Dynamik, Aufeinander-Hören der einzelnen Stimmen, zum Text passenden Ausdruck usw. Die Probenarbeit an einem einzelnen Stück geht also sehr ins Detail, und ich kann mir schon vorstellen, dass dies auf einen außenstehenden Betrachter als überpingelig wirken kann - aber nur so lernt man als Chor etwas dazu, und nur dadurch entsteht am Ende das Gefühl der Zufriedenheit, wenn alles klappt und ein Stück nicht nur formal korrekt, sondern auch ausdrucksstark und lebendig musiziert wird.

Ich schätze diese Gründlichkeit an Michaela Frind außerordentlich, und bescheinige ihr ein hohes Maß an Engagement und musikpädagogischer Kompetenz. Sie findet genau die richtige Balance zwischen Anforderung und Zuwendung, die zu einer fruchtbaren, befriedigenden Chorarbeit nötig ist - es fehlt auch nie die Prise erfrischenden Humors, die die konzentrierte Arbeit auflockert, und ich kann rückblickend auf die Zeit, in denen ich in ihren Chören gesungen habe, sagen, dass ich noch in keinem Chor (und ich war Zeit meines Lebens immer in irgendwelchen Chören) so viel dazu gelernt habe wie in diesen Jahren.

Es ist mir ein großes Bedürfnis, dies klarzustellen und in aller Deutlichkeit zum Ausdruck zu bringen.