Journalisten bei Gerichtsverfahren

Einfach unerträglich – doch wir alle gucken zu

Foto: Dorothee Hoerstgen

Muss das wirklich sein? Ein Massenmörder täglich im Großformat auf den Titelseiten? Nein, muss es nicht.

20 Jahre war Corinna Ponto alt, als ihr Vater 1977 von der RAF ermordet wurde. Jahrzehnte später schildert sie in ihrem Buch „Patentöchter – im Schatten der RAF“, wie sie in ihren Einkaufstüten Werbezettel für den Kino-Hit „Der Baader-Meinhof-Komplex“ fand: Moritz Bleibtreu als Andreas Baader, Martina Gedeck als Ulrike Meinhof. Tolle Stars, ein fetziger Film – aber: unerträglich für viele Angehörige der Opfer.

Was wohl wäre gewesen, wenn in Stammheim Fernsehkameras dabei gewesen wären? Wenn es schon Youtube und Twitter gegeben hätte? Auch so hat die RAF bei vielen heute einen Heldenstatus – mit diesen Bildern wäre er noch viel schwieriger zu bekämpfen.

Die Inszenierung in der Medienwelt und die Scheinheiligkeit, die damit einhergeht, sind abschreckend. Alle beschweren sich darüber, wie unerträglich die Ausführungen des Massenmörders Breivik vor Gericht sind. Aber alle halten die Kamera drauf, und alle titeln mit einem Bild des scheinbar eiskalten Monsters. Gruseln ist ja sooo schön. Und wir klicken und blättern und beschweren uns anschließend darüber, wie schrecklich das doch sei.

Natürlich bin ich für ein Rechtsverfahren, natürlich gehört Breivik vor ein Gericht. Und natürlich sollen da auch Journalisten dabei sein dürfen. Aber warum, um Himmels willen, müssen auch Fernsehkameras und Mikrophone aufgestellt werden? Wieso bekommt dieser Mann die Bühne, nach der sein krankes Hirn so sehr verlangt. Wieso darf er selbstbestimmt sein Weltbild hinausposaunen - für ein Millionenpublikum? Und wer verlangt von Rechtsanwälten, dass sie sich inszenieren wie die Stars einer billigen US-Serie?

Wer keine Inszenierung will, der verhindert sie. Der verbannt Mikros und Kameras aus den Gerichtssälen, der verhüllt den Angeklagten auf dem Weg zum Gericht. Und der verlangt auch von Staats- und Rechtsanwälten mediale Zurückhaltung. Zahlreiche Opfer in Norwegen fordern genau dies - und es gibt Zeitungen und Fernsehsender, die diesen Wunsch berücksichtigen und Breivik nicht mehr abbilden.

Bei Youtube haben die Aufnahmen des weinenden Mörders (der die Tränen nicht um seine Opfer sondern aus Rührung über sich selbst vergießt) innerhalb weniger Stunden einige Hundertausend Klicks erhalten. Wie viel Nachahmungstäter sind darunter?

Ich muss weder Herrn Breivik noch andere Mörder bei ihren Verteidungsreden hören, geschweige denn sehen. Kameras und Mikrophone gehören nicht in einen Gerichtsaal. Bitte mehr Taten denn schöne Worte!

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.