Bernhard Pörksen über das Internet als "gnadenloses Archiv unseres Lebens"

Droht die totale Erinnerung?
Im Internet entsteht ein gnadenloses Archiv unseres Lebens. Was kann man tun? Einfach den Namen wechseln?
Deutschland spricht 2019

­­Es ist ein Alptraum im Wachzustand, an dem die Amerikanerin Jill Price leidet. Diesen Alptraum nennen Gedächtnisforscher das hyperthymestische Syndrom – die Unfähigkeit, sich von eigenen Erfahrungen und Erlebnissen zu lösen, sie aus der Erinnerung zu löschen. Jill Price, Geschäftsführerin einer Schule in Los Angeles, kann seit ihrem achten Lebensjahr nichts mehr wirklich vergessen. Sie besitzt ein fast perfektes autobiografisches Gedächtnis. Oft braucht es nur einen minimalen Anstoß, eine ­Farbe, ein Bild, ein Geräusch, und „pausenlos tauchen wahllos irgendwelche Erinnerungen auf“, so sagt sie.

Es ist, „als hätte ich eine Leinwand in meinem Kopf, auf der zufällig zusammen­gefügte Szenen aus meinem Leben ablaufen – ein wirrer Film, der völlig unkontrollierbar zwischen verschiedenen Tagen und Jahren, zwischen guten und schlechten Erfahrungen, zwischen schmerzlichen, freudigen und vernichtenden Erlebnissen hin und her springt“. Der Tod ihres Hundes, ein Abendessen mit Lachs und Bagel im Herbst des Jahres 1993 und die rührselige Schlussszene in einem Film, den sie irgendwann gesehen hat, sind ihr genauso gegenwärtig wie die Jahrzehnte zurückliegende Nachfrage ihrer Mutter, was sie denn gegen ihr Übergewicht zu tun gedenke.

Ein gewaltiger Materialberg aus Informationssplittern

Außer ihr leiden weltweit, soweit bekannt, nur noch drei weitere Menschen an einer derart grausam präzisen Erinnerungs­fähigkeit. Aber ihre Geschichte lässt sich – aller Ungewöhnlichkeit zum Trotz – doch als eine Art Zukunftsbericht lesen, der schon bald für eine größere Zahl von Menschen Realität werden könnte. Denn im Netz entsteht Tag für Tag, Stunde für Stunde ein immer umfassenderes, leicht durchsuchbares Archiv des eigenen Lebens, ein öffentliches Gedächtnis der individuellen Biografien, das sich aus Anekdoten und Banalitäten, relevanten Informationen, Peinlichkeiten und Ad-hoc-Mitteilungen speist.

Bald sind es eine Milliarde Facebook-Nutzer, die das größte soziale Netzwerk der Welt mit ihren Daten füttern und täglich bis zu 250 Millionen Fotos hochladen. 48 Stunden Videomaterial kommen schon ­heute alle 60 Sekunden auf der Videoplattform YouTube hinzu. Mil­lionen von Mails, SMS- und Twitterbotschaften schwirren in ­jedem Augenblick im Datenuniversum umher. Und so entsteht allmählich ein gewaltiger Vorrat an Erinnerungen, ein gigantischer ­Materialberg aus Informationssplittern, die sich ohne ­Aufwand kopieren, kombinieren und vor einem Weltpublikum ausbreiten lassen.

Das digitale Stigma bleibt

Wer ist Tiger Woods? Google erklärt uns: ein Golfsportler und ein Ehebrecher, dessen angebliche Sex-SMS man im Netz studieren kann. Wer ist Daniel Cohn-Bendit? Wir erfahren: ein Europapolitiker der Grünen, der im Paralleluniversum der Netzöffentlichkeit seit mehr als einem Jahrzehnt von seinen Gegnern mit Päderastievorwürfen verfolgt wird.

Wer ist Václav Klaus? Google präsentiert uns einen tschechischen Präsidenten, der eines Tages einen Füller klaute, dabei gefilmt wurde und einen unfreiwilligen YouTube-Hit landete – das ist die Ultrakurzfassung eines politischen Lebens, das sich aus den ersten Treffern der Suchmaschine ergibt. Wer ist Daniel Rousta? Google weiß sofort: Es handelt sich um einen ehemaligen SPD-Netzwerker, der über ein paar vulgäre Sätze auf seiner Facebook-Präsenz („FDPisser“) gestürzt ist. Seinen Job ist er los. Das digitale Stigma aber bleibt.

Wird nichts mehr vergessen?

Es sind auf den blamablen Moment reduzierte Lebensläufe, die einem nach ein paar Klicks begegnen, kontextfrei präsentierte Schrumpf-Biografien, die doch ein Image prägen können. Dabei gilt: Es geht im Netz, in dieser riesenhaften Erinnerungs- und Kopiermaschine aus sozialen Netzwerken, Wikis, Weblogs, Websites, online verfügbaren Nachrichten, Filmen und Fotos ein ­bisschen zu wie in der Wahrnehmungswelt der Amerikanerin Jill Price. Manches verschwindet, taucht womöglich nie wieder auf, weil irgendein Anstoß fehlt, ein minimaler äußerer Reiz, der plötzliche Erinnerungsschübe auslöst. (Gedächtnisforscher sprechen von Abrufhinweisen.) Das meiste aber bleibt. Und einzelne Episoden und Realitätspartikel aus der Vergangenheit besetzen mit einem Mal, scheinbar aus dem Nichts kommend, unsere Vorstellungswelt.

Droht die totale Erinnerung? Wird überhaupt nichts mehr vergessen? Das nicht; denn jede Neuerung produziert nicht nur immer perfektere, immer billigere Möglichkeiten der Daten­speicherung, sondern gleichzeitig auch Großfriedhöfe unbrauchbar gewordener Geräte: Hier gammeln dann – eingekapselt in nicht mehr benutzbare Speichermedien – zahllose Materialien vor sich hin. Das Zeitalter der Informationsüberflutung ist gleichzeitig auch das Zeitalter der permanenten Informationsvernichtung durch technische Innovation. Entscheidend ist aber, dass die Gesetze der digitalen Erinnerung den Einzelnen unvermeidlich in ein Objekt verwandeln, weil sie von ihm nicht mehr kontrollierbar sind.

Erinnert wird, was andere kopieren und verlinken

Das Internet ist, um ein kluges Wort des Medientheoretikers Roberto Simanowski aufzugreifen, ein Anarchiv – eine kaum beherrschbare Gedächtnismaschine, die dem permanenten Plebiszit allgemeiner Interessensbekundung und dem weitgehend ver­borgenen Geschäftsgebaren der Netzgiganten und Speicherfetischisten (Facebook, Amazon, Google et cetera) unterliegt.

Erinnert wird, was interessiert. Erinnert wird, was andere kombinieren und kopieren, verlinken und verschicken. Andauernde Auseinandersetzung ist ein Konservierungsmittel, eine Art Bestandsga­rantie für Dokumente und Informationen. Im Extremfall kann das Dauer-Plebiszit der Amüsierten und Alarmierten jedoch bedeuten, dass man auf einen einzigen blöden Aussetzer, eine einzige Peinlichkeit ein Leben lang festgelegt wird und diese die ­eigene Gegenwart und Zukunft vergiften.

Auf den digitalen Ruf achten

In dieser Situation stellt sich die Frage, was man tun kann. Eric Schmidt, heute im Verwaltungsrat von Google tätig, hat einmal locker vorgeschlagen, man solle doch, sei der Ruf schon in jungen Jahren ruiniert, noch einmal digital ein neues Leben beginnen. Sein Tipp: einfach mit 18 den Namen wechseln. Zahlreiche Reputationsmanager bieten inzwischen ihre Dienste an, versprechen die Verdrängung missliebiger Suchergebnisse und die Verbesserung des digitalen Rufes (Googleability) durch Jubelmeldungen.

Netzphilosophen wie Viktor Mayer-Schönberger fordern das Recht auf Vergessen und ein neues Bewusstsein für Datenrisiken; andere setzen schlicht darauf, dass man sich an die ewige Wiederkehr peinlicher Fotos und dummer Sprüche gewöhnt, sie irgendwann einfach ignoriert. Informatiker arbeiten fieberhaft an einem digitalen Radiergummi und an Software­lösungen (zum Beispiel X-pire!), die einzelne Dokumente mit einem eingebauten Verfallsdatum versehen, also das Vergessen von Inhalten programmieren. Die Daten sind grundsätzlich nach einem vom Benutzer fixierten Zeitpunkt nicht mehr abrufbar.

"Leben im digitalen Zeitalter" als Schulfach?

Technisch sind die verfügbaren Lösungen bislang äußerst unbefriedigend, aber das ist gar nicht mal entscheidend. Viel wichtiger erscheint: Sie sensibilisieren dafür, dass im digitalen Zeitalter jeder eine Medienstrategie braucht und dass er – bloggend, postend, twitternd – Fragen beantworten können muss, die da lauten: Welches Bild soll bleiben? Wie löst man sich von öffentlich dokumentierten Fehlern, um wieder frei zu sein für die Neuerfindung des Selbst?

Das sind große, monströse Fragen. Aber es fehlt bislang die Plattform und die Institution, um sie zu debattieren. Es fehlt das gesellschaftliche Labor, um sich mit ihnen auseinanderzusetzen, nach stimmigen, unvermeidlich individuellen Antworten zu ­suchen. Miriam Meckel hat sich kürzlich öffentlich gewundert, warum es noch kein Schulfach gibt, das Leben im digitalen Zeitalter heißt. Sie hat recht. Lange schon ist eine zweite Aufklärung nötig, die eben in den Schulen und Universitäten des Landes ­ihren Ort haben müsste.

Hier könnte man experimentieren, Fallgeschichten studieren, aktuelle Technologien dem Praxistest unterziehen, die moralische Fantasie trainieren. Und hier ließe sich über das gnadenlose Gedächtnis reflektieren, das inzwischen zur medialen Realität geworden ist. Es wäre eine dringend benötigte Bildung und Ausbildung. Denn fast alle sind heute im Netz. Entscheidend ist aber, ob sie von den Möglichkeiten und Chancen profitieren, sie zu nutzen verstehen. Oder ob man sie nur ver­spottet, ausbeutet und benutzt.

Bernhard Pörksen

Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen.
Bernd Brundert

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