Was in den chrismon-Gemeinden geschieht

Die Arche Noah an der Wohnzimmerwand
An der Nordseeküste, in Norden, schmücken Bibelfliesen die Wände. Und im südhessischen Egelsbach erwecken Kinder Geschichten aus der Bibel zum Leben

Die biblische Geschichte an der heimischen Wohnzimmerwand?  Das ist ziemlich ungewöhnlich, allerdings nicht in Nord- und Ostfriesland oder entlang der Ems. Denn dort finden sich in vielen Wohnhäusern sogenannte Bibelfliesen. Sie werden vom Bibelfliesenteam des Kirchenkreises Norden in Ostfriesland dokumentiert, erklärt und ausgestellt.

Immer wieder einmal entdeckt Kurt Perrey, pensionierter Pastor, die zerbrechlichen Schätze bei Menschen, die bis dahin nicht ahnten, welche Kunstschätze sie besitzen. Als im 17./18. Jahrhundert in den Niederlanden die Reformation das Bilderverbot durchsetzte, begann die Blütezeit dieser in Abbildungen gefassten „Bibeln“. Die Erzählungen der Heiligen Schrift  hielten so Einzug in das ganz alltägliche Leben der Menschen. Sie waren ihnen immer vor Augen, ob bei der Arbeit oder beim Essen, wenn sie fröhlich oder traurig waren. Häufig seien sie zur Gestaltung von Kaminrückwänden verwendet worden, erzählt Perrey. Und: „Wir haben auch welche in Gasthäusern gefunden.“ Zum Teil sind auf den Fliesen die jeweiligen Bibelstellen vermerkt. Oft aber erschließen sich die Geschichten durch ihre klare Bildaussagen von ganz alleine, etwa wenn die Tiere in Zweiergruppen die Arche nach der Sintflut verlassen.

Das Buch der Bücher illustriert mit Fliesen

Das 20-köpfige Bibelfliesenteam im Kirchenkreis Norden der hannoverschen Landeskirche, das sich mit seinem Projekt der Dokumentation und Präsentation dieser kleinen und doch so vielfältigen Kunstschätze beim chrismon-Wettbewerb beteiligt hatte, hat sogar eine „Fliesenbibel“ herausgebracht. In ihr werden die biblischen Geschichten mit Abbildungen der Fliesen illustriert. Sie wird vom Kirchenkreis Norden herausgegeben und ist bereits in zweiter Auflage gedruckt worden. Sie wird zum Preis von 34,90 Euro abgegeben, einem „subventionierten Preis“, wie Perrey betont. Damit möglichst viele Menschen sich diese ganz besondere Bibel leisten können, stellen die Landeskirche und die EKD sowie die Bibelgesellschaften Geld dafür zur Verfügung.

Die Teammitarbeiter reisen zu Vorträgen durch die Lande. Besonders beliebt sind die Fliesenpredigten, bei denen die gottesdienstliche Bibelauslegung durch die bildhaften Darstellungen untermalt wird. Eine Ausstellung „Mit Bilderfliesen durch die Bibel“ wurde schon in vielen Orten Deutschlands und sogar in den Niederlanden und Dänemark gezeigt. Zu finden sind die Bibelfliesen in Deutschland entlang der Wasserstraßen, die von den Niederlanden her schon immer als Transportwege dienten: an der Nordseeküste und der Ems entlang bis hin ins Münsterland. „Das hat mit der sogenannten Hollandgängerei zu tun“, sagt Perrey. Im 18. und 19. Jahrhundert hatten sich nämlich viele deutsche Seeleute und Binnenschiffer auf holländischen Schiffen verdingt und brachten bei ihrer Heimkehr oft Fliesen mit – nicht selten sogar statt ihrer Heuer.

Auch heute noch gibt es Bibelfliesen

„Es gab bei den holländischen Manufakturen, die Fliesen herstellten, ganze Kataloge mit biblischen Motiven“, weiß Kurt Perrey. Heute stellen noch drei Manufakturen den erzählenden biblischen Wandschmuck her. Und so kann man sich auch heute eine biblische Geschichte bildhaft ins Haus holen. Sie werden weiterhin nach den alten Vorlagen hergestellt, aber es gibt auch neue Entwürfe, die Kunstströmungen der Zeit aufnehmen.

600 Fliesen haben die engagierten Fliesenforscher bereits dokumentiert, aber sie stoßen immer wieder auf Überraschungen. Es gibt weitere noch nicht bekannte Motive zu entdecken, die dann das Archiv der Fliesen vergrößern.

270 Kinder wollen in den Herbstferien nicht wegfahren

Auf ganz andere Weise steht bei der evangelischen Kirchengemeinde im südhessischen Egelsbach die Bibel im Mittelpunkt. Dort ist nämlich traditionell die erste Woche der Herbstferien für die Bibel reserviert. Das gilt jedes Jahr für rund 200 Kinder, die dann zur „KiBiWo“, zur Kinderbibelwoche kommen. Von Dienstag bis Samstag kommen sie jeden Vormittag in die evangelische Dorfkirche, um dort zusammen mit ihren „Teamern“ zu basteln und Theater zu spielen, auf Schatzsuche zu gehen und andere Abenteuer zu erleben – und zwar immer rund um ein biblisches Thema. Begonnen wird jeder Tag mit einem gemeinsamen Gottesdienst. Dann erzittert das Gotteshaus unter den Klängen der gemeindeeigenen Band. Schon bei dieser Gelegenheit wird meist Theater gespielt oder ein Puppentheater aufgeführt. Die Jesusgeschichten, mit denen die Kinder sich später in kleinen Gruppen befassen werden, haben sie dann schon einmal gehört und wissen, worum es geht.

„Wir versuchen, die jeweilige biblische Geschichte in die heutige Zeit zu übertragen“, sagt Pfarrer Martin Diehl, der beim chrismon-Wettbewerb die Kinderbibelwoche als das Projekt vorstellte, auf das die Gemeinde besonders stolz ist. Da war zum Beispiel die Suche nach dem heiligen Gral, die die Kinder im letzten Jahr beschäftigte. Mit Hilfe einer Schatzkarte suchten sie das Gefäß, den silbernen Abendmahlskelch der Gemeinde, der für das ewige Leben stand. Darf man daraus trinken oder stirbt der erste, der es tut? Doch der erste, der daraus trinkt, ein alter Lehrer, stirbt nicht. Denn es war Jesus, der als erster daraus trank und damit den Menschen das ewige Leben gegeben hat, lernten die Kinder. Am Ende stand ein gemeinsam von Kindern, Jugendlichen und dem Pfarrer gefeiertes Abendmahl.

Eine mehr als 25 Jahre alte Tradition

Diehl steht mit Begeisterung hinter der Kinderbibelwoche, und zwar, seit er vor 24 Jahren seinen Dienst in der Gemeinde antrat und den Kindern zur Gitarre Geschichten erzählte. Schon damals, sagt er, war die Kinderbibelwoche eine feste Einrichtung und im ganzen Ort bekannt.

Längst ist die Kinderbibelwoche aus dem Gemeindezentrum herausgewachsen. Die Räumlichkeiten reichen nicht mehr aus, um pro Schuljahr zwei Gruppen mit jeweils 15 Kindern aufzunehmen, um die sich drei bis vier Teamer kümmern. Und so sind die Kinder jetzt meist in der „alten Schule“, den Räumlichkeiten der Volkshochschule, zu Gast. Außerdem stellt die nebenan gelegene Apotheke zwei Räume zur Verfügung.

Wo kommen die ganzen Teamer her? „Bei uns gibt es unter Jugendlichen einen verbreiteten Satz: ‚Wenn ich konfirmiert bin, werde ich Teamer’“, berichtet Diehl. Im achten Schuljahr, wenn die Jungen und Mädchen konfirmiert werden, müssen sie nämlich auf die Kinderbibelwoche verzichten, die nur für Kinder vom ersten bis siebten Schuljahr angeboten wird. Aber nach der Konfirmation sind sie als Betreuer der Gruppen, als Puppen- oder Theaterspieler oder als Helfer im Hintergrund hochwillkommen. Und das lässt sich kaum einer entgehen, sind sie doch alle über die Jahre als Teilnehmende der Kinderbibelwoche in die Aufgabe hineingewachsen.

Rund 70 junge Leute tun diese ehrenamtliche Arbeit gern. Viele bleiben ein oder zwei Jahre dabei, auf andere kann die Kirchengemeinde bis zu zehn Jahre lang zählen. „Aber es wachsen ja immer Neue nach“, freut sich der Pfarrer. Zufrieden stellt er außerdem fest, dass diese Arbeit zu einer verlässlichen Bindung der Jugendlichen an „ihre“ Kirche führt. „Dazu trägt auch bei, dass wir zusammen immer wieder die gleichen Lieder singen“, sagt er und zählt die „Hits“ auf: „Laudato si“, „Einer ist unser Leben“, „So ist Versöhnung“ und ähnliche schwungvolle und moderne Kirchenlieder.

Manchem passt das öffentlich gezeigte Kreuz nicht

Nicht immer aber ist alles nur Sonnenschein, muss der Pfarrer einräumen. So mussten die Kinder miterleben, wie drei große Holzkreuze, die sie liebevoll bemalt und an drei markanten Punkten des Ortes aufgestellt hatten, zerstört oder beschmiert wurden. Eines wurde abgesägt und in den Teich geworfen, aus einem anderen ein Hakenkreuz gemacht. An das dritte nagelte jemand ein totes Huhn. Man habe das umgesägte Kreuz wieder aufgestellt, sagt der Pfarrer mit einer gewissen Gelassenheit. „Radikal weltoffene Atheisten“ hätten daraufhin eine Diskussion im Dorf ausgelöst, wie viel Christliches der Ort verträgt und ob Kreuze aus dem öffentlichen Raum entfernt werden müssten. „Wir bauen die Kreuze jetzt wieder ab und errichten sie vor unserer Kirche“, sagt Martin Diehl. Der Kinderbibelwoche tut das alles keinen Abbruch. Auch in diesem Herbst werden wohl wieder an die 200 Kinder zu ihren Eltern sagen: „In der ersten Ferienwoche fahren wir aber nicht weg.“

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