Gospelchorleiter Andreas Cohrs in Assel, Kreis Stade

Der Mitreißer

Valeska Achenbach und Isabela Pa/Isabela Pacini

Er lässt seinen Chor auswendig singen, schwingen, mit den Fingern schnipsen. Schnell springt die ­Be­geisterung über ins Publikum. In Assel, Kreis Stade, gibt Gospelchorleiter Andreas Cohrs den ­Menschen einen Grund mehr, in die Kirche zu strömen

Ein kleines Dorf an der Elbe zwischen Hamburg und Nordsee. Links und rechts Backsteinhäuser entlang der Hauptstraße, dahinter der Deich. Die Molkerei steht leer, das Möbelgeschäft ebenfalls. Das ist Assel. Wahrscheinlich würde dieser Ort, der im Winter so dunkel ist, dass man sich über jedes vorbeifahrende Auto mit Scheinwerferlicht freut, niemandem weiter auffallen. Wäre da nicht eine Besonderheit. In dem Dorf mit 3000 Einwohnern gibt es 24 Vereine – darunter auch einen, den man hier nicht vermuten würde. Die Sound of Rainbow Gospel Singers.

Zwar fällt es vielen Bewohnern von ­Assel schwer, das richtig auszusprechen. Und was genau dieser Chor singt, verstehen die meisten auch nicht. Aber wenn alles gut läuft, dann spürt das Publikum etwas, und das ist noch viel wichtiger. Hier singen Menschen von Verzweiflung und Einsamkeit, von Hoffnung und Freude, von der Liebe Gottes. Oder wie es in einem der Lieder heißt: „Your love keeps liftin’ me higher.“

 

Ein Mann ist dafür zuständig, dass ­diese Gefühle auch rüberkommen, wie er es formuliert: Andreas Cohrs, 46 Jahre alt, Diakon der evangelischen Gemeinde und Leiter des Gospelchors, den er vor zehn Jahren gegründet hat. Wie jeden Donnerstagabend bei der Chorprobe steht er jetzt im Gemeindesaal und versucht, aus angespannten Hausfrauen und Berufstätigen lockere Gospelsänger zu machen.

Der Chor wächst über sich hinaus

Heute gelingt ihm das mühelos. Ein Konzert steht in wenigen Tagen bevor, die Stimmung ist aufgekratzt. Andreas Cohrs läuft mit tänzelnden Schritten über den hellen Laminatboden. Er ist ein jugend­licher Typ mit rundem Gesicht und offenem Karohemd über einem bedruckten T-Shirt. Seine gute Laune ist ansteckend. Schon beim Einsingen kommt Bewegung in die rund 30 Chorsängerinnen und -sänger, die heute gekommen sind. Fünf Männer, der Rest Frauen, zwischen 18 und 66 Jahren. Sie wiegen ihre Körper im Rhythmus der Lieder, klatschen und lassen ihren Stimmen freien Lauf. Die Texte sitzen zwar noch nicht ganz und Andreas Cohrs verbessert schon mal: „Ihr müsst ma place singen, nicht my place, das klingt cooler.“ Doch die Einsätze und Soli funktionieren.

Und dann, ausgerechnet bei dem schwierigen sechsstimmigen Stück „Your Love Keeps Liftin’ Me Higher“ passiert es. Der Chor wächst über sich hinaus. Er verwandelt sich in eine stimmgewaltige Woge, die durch den Gemeindesaal flutet, an den Fensterscheiben abprallt, die orange-gelb gemusterten Vorhänge streift und unter die Kopfhaut der Zuhörer dringt. Es ist dieses Kribbeln, dieses Gänsehauterleben, das nur Musik auslösen kann, ein irres Glücksgefühl. „So mok wi dat“, sagt Andreas Cohrs knapp. Aber man sieht seinem breiten, fröhlichen Grinsen an, dass auch er begeistert ist. Das Konzert kann jetzt kommen.

Die Erfolgsgeschichte des Chors erstaunt ihn selbst. Schließlich hat er es nicht leicht gehabt, als er vor 20 Jahren als Diakon in diesen Landstrich kam. Keh­dingen, das sind Äcker und Obstfelder, die sich auf der einen Seite bis zum Horizont dehnen. Auf der anderen Seite liegt die ­Elbe. „Sie müssen wissen, die Kehdinger sind nicht so verbunden mit der Kirche“, formuliert er es vorsichtig.

In der Heide, da, wo er herkomme, engagierten sich die Christen in Gruppen oder Kirchenkreisen. Die Leute gingen ganz selbstverständlich davon aus, dass zum Glauben Gemeinschaft gehöre, so wie man Fußball auch nur in einer Mannschaft spielen könne. „Der Kehdinger geht nur in die Kirche, wenn es einen Anlass gibt“, sagt er. Früher hieß das: zu Hochzeiten, Trauerfeiern und Weihnachten. Heute gibt es ­einen Anlass mehr. Wenn die Sound of Rainbow Gospel Singers auftreten, ist die kleine St.-Martins-Kirche in Assel voll.

Jugendarbeit ist seine Kernaufgabe, der ­Gospelchor läuft nebenher

Dabei maulten einige in der Gemeinde anfangs: Können die nur englisch singen? Auch Chormitglieder beschwerten sich zunächst über die schwierigen Texte, zumal ihnen der Chorleiter nach dem ersten, ­etwas misslungenen Auftritt abverlangte, alles auswendig zu lernen. Bei ihrem Debütkonzert hatten sie die Liedtexte noch von Blättern auf Notenständern abgelesen. Wie sah das denn aus, erinnert sich Cohrs, ein Gospelchor, der steif hinter einem ­Dutzend Notenständern steht, die bei jeder Bewegung umzufallen drohen. Seitdem probt er die Lieder mit seinem Chor, indem er die Texte mit einem Overheadprojektor an die Wand des Gemeindesaals projiziert. Irgendwann schaltet er das Gerät aus.

Während er erzählt, sitzt er bei sich zu Hause auf dem Sofa. Draußen ist es ruhig. Sein Haus liegt ganz nahe am Deich. Es ist Vormittag, seine Frau, ebenfalls Chormitglied, ist bei der Arbeit, sein Sohn in der Schule, die Tochter ist schon ausgezogen. Als Diakon kann sich Andreas Cohrs seine Zeit relativ frei einteilen. Heute macht er einen Bürotag, das vergangene Wochenende war er mit einer Konfirmandengruppe auf einer Freizeit. Die Jugendarbeit gehört zu seiner Kernaufgabe als Diakon, der ­Gospelchor läuft eher nebenher.

Musik und Glauben seien in seinem ­Leben stets verbunden gewesen, sagt er. Nur dass er beides zu seinem Beruf machen würde, daran habe er lange nicht gedacht. Als Kind sang er im Kirchenchor, später spielte er im Posaunenchor. Nach der Schule schlug er zunächst einen ganz anderen Weg ein: Er wurde Postbeamter.

Sechs Jahre saß er hinter dem Schalter. In den Mittagspausen übte er Gitarre und sang dazu. Abends und am Wochenende betreute er eine christliche Jugendgruppe. Bald brachten alle zu den Treffen ihre Ins­trumente mit, erste Auftritte folgten. Irgendwann wurde ihm klar, dass ihn diese Tätigkeit viel mehr erfüllte. Also fing er noch einmal von vorn an, machte eine ­religionspädagogische Ausbildung und wurde Diakon.

Die starken Stimmen tragen die schwachen

Von Anfang an gehörte das Singen zu seiner Arbeit. Mit Kindern und Jugendlichen inszenierte er christliche Musicals. Die Rainbow Kids, wie sie sich nannten, sind bis heute ein Renner in den Kirchen der Kehdinger Gemeinden. Für die Erwachsenen gab es damals jedoch nur den klassischen Kirchenchor. Als er wegen Überalterung aufgelöst wurde, fragte die Pastorin den Diakon, ob er nicht einen ­neuen Chor gründen wolle. Andreas Cohrs war zuerst skeptisch. Würde da überhaupt jemand kommen?

Zehn Stühle, erinnert er sich, stellte er zum ersten Treffen im Gemeindesaal von Assel auf, mit mehr Leuten rechnete er nicht. Es kamen 30 Frauen und Männer. Und sie blieben. Die meisten waren etwa in seinem Alter und hatten nie zuvor in einem Kirchenchor gesungen. Manche von ihnen versteckte Talente, aber auch notorische Falschsinger waren darunter, das sagt er ganz offen. Mitsingen durften sie trotzdem. Nur nicht so laut, weil es dann die anderen rausbringt.

Bei solchen Ansagen muss Cohrs natürlich vorsichtig sein: „Wir singen in einem Chor, da müssen die starken Stimmen die schwachen tragen, also bitte etwas leiser.“ Dann sei niemand beleidigt. Manchmal rate er auch jemandem von einem Solo ab. „Einige singen super im Chor. Ich muss sie aber davor bewahren, sich als Solisten zu blamieren.“ Die Chormitglieder schätzen ihn für diese Ehrlichkeit.

Muss man an Gott glauben, um in einem Gospelchor mitsingen zu können? Ja, sagt er nach einer Weile. „Sonst ist es nicht authentisch.“ Aber das müsse nicht der „Superglaube“ sein. „Es gibt auch eine Form des Glaubens im Sinne von Hoffnung oder Sehnsucht – wenn man sich fragt, irgendetwas muss es doch geben, das kann doch nicht alles sein.“

Vorm Chor verwandelt sich Cohrs in einen Entertainer

Manchmal, wenn die Zweifel größer sind als der Glaube, helfe der Chor auch. „Die Lieder können einen wieder auf den Weg bringen.“ Das hat er schon bei sich selbst erlebt. Und bei anderen. Oft hört er von seinen Chormitgliedern den Satz: Heute war ich schlecht drauf, aber jetzt nach der Probe geht es mir besser.

Neulich verlor eine Chorsängerin einen nahen Verwandten. In der ersten Zeit konnte sie gar nicht singen, dann sang sie schwach mit, das konnte Cohrs hören. Die anderen Stimmen hielten sie. Und dann wurde sie wieder kräftiger, heilte. Singen hilft, das weiß inzwischen jeder. Es stärkt das Immunsystem, es ist gut für den Kreislauf und wirkt wie ein Antidepres­sivum.

Andreas Cohrs sagt schlicht: „Es macht Spaß.“ Vielleicht ist seine Fähigkeit, andere zu begeistern, sogar sein größtes Talent als Chorleiter. Sie mitzureißen für diese anderthalb Stunden, die der Chor in der Woche probt – selbst wenn er einen schlechten Tag hatte. Sobald er vor dem Chor stehe, sagt er, verwandele er sich in einen Entertainer. Dann zuckt es in seinen Beinen, er schnippt mit den Fingern, spürt, wie das Lachen in ihm aufsteigt. Yeah, come on. Let’s praise the Lord.

Wird es womöglich peinlich - wie bei DSDS?

Ein paar Tage später ist es so weit. Andreas Cohrs ist vor dem Konzert am Abend ganz aufgeregt, ein schwarzes T-Shirt hat er schon bei der Probe durchgeschwitzt, zum Glück hat er ein zweites dabei. „Irgendwas geht immer schief“, sagt er. Und tatsächlich, vor der kleinen Kirche in Assel ist die Beleuchtung ausgegangen. Tiefschwarze Dunkelheit umgibt das Gebäude. Nur wenn sich die Kirchentür öffnet, fällt etwas Licht auf den Weg. 

Die Besucher kommen trotzdem in Scharen. Rund 300 Menschen sitzen dicht gedrängt in den Bänken mit geschnitzten Wangenbecken. Die Kirche ist fast tausend Jahre alt, mit bauchigen, weiß getünchten Wänden. Verwundert schaut man zur Decke hoch, an der statt Engeln oder Kerzenleuchtern ein Segelschiff aus Holz nur knapp über den Köpfen der Be­sucher hängt.

Dann zieht der Chor singend ein, Andreas Cohrs mit der Gitarre an der Spitze. „Go tell it on the mountains.“ Alle sollen mitsingen. Eine ältere Dame legt mit sehr tiefem Alt los, dann schallt es aus den Kirchbänken. Das Konzert hat gerade erst angefangen, und der Chor hat das Publikum schon für sich gewonnen.

So beschwingt geht es weiter. Bei den bekannteren Stücken singen einige Asseler mit. Nur bei den Soli wird es in der Kirche still. Einen Moment lang bangt man um die Amateursänger, die sich in den Vordergrund wagen. Wird das hier womöglich genau so peinlich wie im Fernsehen bei DSDS?

Vom besten Konzert aller Zeiten ist nichts geblieben

Eine kleine Frau mit rauchiger Marianne-Faithfull-Stimme tritt vor und fegt mit ­ihrer souligen Interpretation von „Saved“ alle Bedenken weg. Ihr folgt eine Solistin mit ernstem Gesicht, der man ansieht, dass sie es nicht gewohnt ist, im Mittelpunkt zu stehen. Sie singt kraftvoll und zart zugleich mit ihrer Altstimme „This little light of mine.“ Das Publikum tobt.

Hinterher wird sie sagen: „Das war ein tolles Gefühl, aber am liebs­ten singe ich mit den anderen zusammen. Da kann ich alles loslassen, unkontrolliert und laut singen.“

Nach dem Konzert gibt es Sekt im Gemeindesaal. Alle, bis auf den Chorleiter, sind schon drüben. Andreas Cohrs packt seine Gitarre ein, knipst das Licht in der Kirche aus und schließt die Holztür. Draußen bläst ein kalter Nordwestwind und trägt die letzten Stimmen des Konzerts mit sich fort – für immer.

Das wird Andreas Cohrs erst am nächs­ten Tag begreifen, als er feststellt, dass die Tonaufnahme nicht funktioniert hat. Von diesem, wie er findet, „besten Konzert aller Zeiten“ ist nichts geblieben, nur eine schöne Erinnerung.

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