Doping im Sport und in der Wirtschaft

Der Beste hat ohne Chemie die Nase vorn

Foto: Getty Images/OJO Images/Paul Bradbury

Bestimmt gibt’s da Medaillen. Und ebenso sicher gibt es auch Dopingfälle. Ist das nur Sache der Athleten? Oder geht das alle an? Ein Interview über den Betrug im Sport – und in der Wirtschaft.

Können Sie die Wettkämpfe der Olympischen Spiele in London anschauen, ohne misstrauisch zu sein?

Reyk Albrecht: Leider nicht mehr. Ich treibe gern Sport, aber die Freude an Olympia ist mir abhandengekommen. Es ist wahrscheinlich, dass einige Sportler zu verbotenen Mitteln greifen. Das ist traurig. Umso mehr, als ich das Gefühl habe, dass darunter Leute sind, die auch ohne Doping sehr erfolgreich hätten sein können.

Was ist eigentlich Doping?

Was auf der Dopingliste steht. Die Welt-Anti-Doping-Agentur, WADA, hat dafür drei zentrale Kriterien: Ein Wirkstoff hat das Potenzial, die Leistung zu steigern, die Gesundheit der Sportler zu gefährden und gegen den Geist des Sports zu verstoßen. Wenn zwei der drei Kriterien erfüllt sind, gehört das Mittel auf die Liste. Für eine ethische Bewertung ist diese Definition kritisch.

Warum?

Das Gendoping könnte Verfahren ermöglichen, die vielleicht ­sogar gesundheitsfördernd sind. Das ethische Argument gegen dieses gesundheitsfördernde Doping wäre dann ja nur, dass es gegen den Geist des Sports verstößt. Aber der Geist des Sports – was soll das sein? Gehört der Profisport dazu? Oder nur das zweckfreie Tun, der Freizeitsport? Deswegen habe ich mit einer möglichst offenen Definition gearbeitet: Doping ist eine unphysio­logische Leistungssteigerung – ein äußerlicher Eingriff in die Funktionsweise des Körpers, damit er besser funktioniert.

Seit wann gibt es Doping?

Tendenzen gab es wohl schon bei den ganz frühen Olympischen Spielen, als Athleten Stierhoden aßen, weil sie sich davon eine bessere Leistung versprachen. 1889 tauchte das Wort in einem englischen Wörterbuch auf: Es stand dafür, dass man Rennpferden Opium und Narkotika verabreichte. Der Begriff geht wohl auf das Wort Dope zurück – das war ein kleiner Schluck Alkohol, der den Bauern im Weinberg half, die Weinernte durchzustehen.

Bei den ersten Fällen: Gab es da Empörung?

Eine Problematisierung setzte erst so richtig ein, als die ersten Sportler an den Dopingfolgen starben.

Haben Sie Kontakt zu Sportlern, die gedopt haben?

Wir kooperieren mit der Anti-Doping-Beratungsstelle in Thüringen, insofern hatte ich indirekten Kontakt zu Sportlern. Außerdem haben wir Schüler an Sportschulen befragt.

Was ist dabei herausgekommen?

Etwa 15 Prozent der Schüler haben Substanzen genommen, die auf der Dopingliste stehen. Der Großteil, 13 Prozent, hat Cannabinoide genommen, die aus Hanf gewonnen werden. Ob sie eine leistungssteigernde Wirkung haben, ist umstritten. Es kann aber ein Hinweis sein, dass die befragten Jugendlichen – sie waren zwischen elf und 16 Jahre alt – unter Druck stehen und sich damit beruhigen. Und es bleiben immer noch zwei Prozent, die bereits Anabolika und ähnliche Dopingsubstanzen genommen haben.

Warum dopen Sportler?

Vor allem weil sie gewinnen wollen. Sport ist sehr oft mit Wettkampf verbunden. In dem Maße, in dem wir das Gewinnen immer mehr aufladen, müssten wir auch den Fairnessgedanken stärker in den Vordergrund stellen.

Und geschieht das?

In den Medien steht an erster Stelle der Sieg. Auch die Sponsoren und die Sportförderung orientieren sich am Erfolg. Es gibt viele Sportler, die sagen: „Doping? Dann steige ich aus!“ Aber die sind nicht mehr unter denen, die wir im Fernsehen sehen.

Aber es gibt nun mal das Siegertreppchen!

Stimmt, ohne Platzierungen wären viele Sportarten witzlos. Dann könnten wir alle nur noch joggen gehen – und hätten das Problem rausdefiniert, aber nicht gelöst. Darum gibt es ja die Kontrollen und Strafen, um das Dilemma aufzulösen, in dem Sportler sich befinden.

Wie lautet das Dilemma?

„Wenn ich das nicht nehme, bin ich nicht erfolgreich, aber die anderen.“ Ich denke an den Radrennfahrer Jan Ullrich, der sinngemäß gesagt hat, er habe doch niemanden betrogen. Das stimmt sogar auf eine Art – wenn er wusste, dass alle Konkurrenten auch dopen. Aber das ist natürlich unbefriedigend für alle Seiten.

Wodurch wird Doping begünstigt?

Die Anfälligkeiten sind am höchsten in Disziplinen wie dem Sprint, in denen Millisekunden über Sieg und Niederlage entscheiden. Im Extremfall ist es so: Ein Wettkampf, eine schlechte Tagesform kann dazu führen, dass ein Sportler die Norm nicht erreicht – und seine Karriere nicht mehr weiterverfolgen kann. Die wenigsten Sportler sind zu Beginn ihrer Laufbahn reich, sie kämpfen um ihre wirtschaftliche Existenz – das ist eine schwierige Gemengelage, in der ein Sportler über Doping entscheiden muss.

Das klingt fast so, als hätten Sie Verständnis. Wer ist Täter, wer ist Opfer?
Die Verantwortung will ich den Sportlern nicht abnehmen. In den meisten Fällen ist der Sportler Täter – außer bei Minderjährigen oder in Staaten, in denen es zu Zwangsdoping kommt.

Wenn doch vielleicht alle in der Weltspitze dopen: warum nicht einfach alles freigeben?

Eine Freigabe könnte, so scheint es, das Dilemma auflösen, dass der Konkurrent immer auch ein Betrüger sein könnte. Aber das ist ein Trugschluss.

Warum?

Ich bekomme eine Lüge im System weg – und schaffe eine neue. Ich bin sicher: So entstünde ein Bereich mit Dopingsport – und einer ohne. Vielleicht wollen dann alle Zuschauer aber nur den normalen Sport ohne Doping schauen? Aber wer sagt, dass dort nicht doch wieder gedopt wird? Das Kontrollproblem bleibt.

Wie gut sind die Kontrollen?

Die nachträglichen Kontrollen funktionieren gut. Das bedeutet, dass Blut- und Urinproben aufbewahrt werden und – wenn die Unersuchungsmethoden der Dopingfahnder ausgereifter sind – noch mal untersucht werden. Dann können Medaillen aberkannt und nachträgliche Sperren verhängt werden. Bei den spontanen Kontrollen – die Sportler müssen Proben im Training oder nach dem Wettkampf abgeben, die Kontrolleure kommen unangekündigt – gibt es noch riesige Lücken. Das hat aber häufig nichts mit der Diagnostik zu tun, sondern mit den politischen Präferenzen. Die Kontrolldichte hängt mit der Frage zusammen: Wie viel Geld geben wir der WADA oder den nationalen Instanzen, etwa unserer deutschen Nationalen-Anti-Doping-Agentur?

Was hat Doping mit uns Zuschauern zu tun?

Wir schalten ein und signalisieren den Medien, dass wir nach immer neuen Rekorden verlangen. Wir sind Wähler und För­derer, wir kaufen die Produkte der Sponsoren – und sitzen also an einer großen Stellschraube. Aber Tatsache ist, dass wir eher ein Klima schaffen, das Doping begünstigt. Deshalb versuche ich, das Thema Doping und die Lösungen, die wir dafür finden, auch auf wirtschafts- und führungsethische Fragen zu übertragen. Der Sport ist ja auch ein Spiegel für gesellschaftliche Probleme. Ganz klar ist die Parallele bei den Trainern: Das sind Sportler – und Führungskräfte. Und wir sind ja fast alle Arbeitnehmer, Vor­gesetzte oder Chefs. Vieles, was es im Sport gibt, passiert ähnlich auch unter Konkurrenten in der Arbeitswelt.

Was meinen Sie damit?

Etwa den Versuch, der eigenen Firma durch Betrug einen Vorteil zu verschaffen. Also Korruption. Oder, parallel zum Doping im Sport: das Neuro-Enhancement. Das Wort kommt vom englischen Verb „enhance“, und das bedeutet: etwas verbessern. Neuro-­Enhancement heißt also: Ein Mensch verbessert seine kognitive und emotionale Leistungsfähigkeit, indem er Medikamente nimmt.

Wer macht denn so was?

Wir wissen aus den Universitäten, dass Studierende für Tests bestimmte Mittel einnehmen, etwa Drogen oder Ritalin, um vielleicht ruhiger zu werden, wach zu bleiben, besser zu lernen.  Das ist nicht zu unterschätzen. Wie im Hochleistungssport zählt die Leistung auf den Punkt, und wenn sie nicht kommt, ist die ganze Arbeit dahin. Und zwar die von vielleicht vielen Monaten oder Jahren.

Ist das schon üblich?

In den USA greift jeder vierte Student zu solchen Mitteln. In Deutschland sollen es erst fünf Prozent sein. Beunruhigend sind aber Umfragen, wonach zwischen 60 und 80 Prozent dazu bereit wären, wenn ausgeschlossen ist, dass entsprechende Substanzen Nebenwirkungen haben. In der Sprache des Sports heißt das: Der Geist des Sports, dass der Bessere gewinnen soll, wäre demnach vielen Menschen egal. Was tun, wenn man in einem Umfeld ­arbeitet, in dem ein Drittel der Mitbewerber etwas einnimmt? Wir stehen erst am Anfang dieser Entwicklung.

Mich trennt eine Tablette von der Leistung der anderen. Oder der Scheck, mit dem ich die Behörde besteche. Muss dieses Dilemma den Einzelnen nicht überfordern?

Ja, wenn man anreiztechnisch denkt. Man muss die Leute dazu ermutigen, sich zu fragen: Was ist wirklich wichtig? Es gibt schon heute viele Sportler, denen Erfolge, die auf Betrug beruhen, nichts bedeuten. Für sie ist die Antwort klar, weil sie sich auf der per­sönlichen Ebene entschieden haben: Nein, das will ich nicht. Und diese Frage hilft auch im Beruf: Wie will ich sein?

Müssen wir nicht vor allem die Strukturen verändern?

In bin mittlerweile der Meinung, dass die individuelle Entscheidung und die Verantwortung ganz wichtig sind. Sicher, die Rahmenbedingungen sollten es den Leuten leichter machen, ethisch zu handeln. Beispiel Doping: Wie bringen wir die Medien dazu, nicht immer nur den Fokus auf den großen Triumph zu legen? Dazu kommen aber die Fragen, die sich jeder Einzelne stellen muss: Wie will ich arbeiten, wie will ich weiterkommen?

Sind Führungskräfte dabei in einer besonderen Verantwortung?

Ja, weil sie als Vorbilder einen großen Einfluss auf das Verhalten haben. Führungskräfte schaffen zudem Strukturen; sie können entscheiden, wer wofür gelobt wird. Wir entwickeln deshalb mit Führungskräften ethische Regeln für Unternehmen. Wettbewerb begünstigt nun mal Korruption. Aber den Wettbewerb können wir ja nicht aussetzen. Also müssen Führungskräfte wirklich entschlossen sein, Korruption zu bekämpfen. Sonst fehlt die Konsequenz. Es müssen sehr starke Persönlichkeiten sein, die die Frage aushalten: „Warum soll Korruption nicht besser sein, als durch einen Nachteil das eigene Unternehmen aufgeben zu müssen?“

Und was antworten Sie?

Dasselbe wie im Sport, beim Doping: Jeder muss wissen, wofür er steht. Will ich einen Betrug wie Korruption als Mensch vertreten – oder nicht? Jeder, der sich auf Korruption einlässt, macht Unternehmen kaputt, die fair agieren. Und selbst, wenn es nicht so wäre – ethisch bleibt dieses Verhalten falsch.

Dr. Reyk Albrecht

Dr. Reyk Albrecht, Jahrgang 1975, ist Geschäftsführer des Ethikzentrums der Uni Jena, Thüringen. Seine Dissertation ist 2008 unter dem Titel „Doping und Wett­bewerb“ im Alber-­Verlag erschienen. Heute befasst er sich vor allem mit Fragen der Sport- und Wirtschafts­ethik.

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.