Online-Beratung für pflegende Angehörige

Bevor ich meine demente Mutter anbrülle…
…gehe ich lieber ins Internet. Im Juli berichteten wir in chrismon über eine Online-Beratung für pflegende Angehörige. Seitdem melden sich dort immer mehr Hilfesuchende

Nicht immer fließt das Geld in Strömen, wenn wir in chrismon ein Hilfsprojekt vorstellen, das Spenden braucht. Die Wirkung zeigt sich manchmal auf andere Weise. Das Internetangebot für pflegende Angehörige „pflegen-und-leben.de“ war chrismon-Projekt im Juli 2012. Mitarbeiterin Imke Wolf berichtete nun: „Nach Erscheinen des Artikels stieg die Anzahl der Anfragen spürbar an. Viele Ratsuchende gaben an, über chrismon von uns erfahren zu haben. Die finanzielle Resonanz war eher überschaubar: es kamen zwei Spenden von insgesamt 75,00 Euro. Der Artikel hat aber dazu beigetragen, uns bei pflegenden Angehörigen bekannter zu machen, und darüber haben wir uns wirklich gefreut.“

Keine passenden Finanztöpfe

„pflegen-und-leben.de“ ist eine Initiative der gemeinnützigen Berliner GmbH Catania und ging vor 14 Monaten an den Start. Drei Psychologen beantworten täglich E-Mails von Angehörigen, die bei der Pflege ihrer kranken oder alten Familienmitgliedern an ihre Grenzen kommen. Pro (kostenloser) Beratung gehen etwa acht bis zehn ausführliche Mails hin- und her. Das Interesse steigt stetig. Wenn es so weiter geht, bräuchten sie bald mehr Mitarbeiter, meint Wolf.

Doch zurzeit steht anderes im Vordergrund: Das Projekt wird bis September 2013 von der Bundesregierung gefördert. Wie es danach weitergeht, ist noch unklar. Die Initiatoren versuchen, mit öffentlichen Geldern die Weiterfinanzierung zu sichern. Sie sind zurzeit mit Pflege- und Krankenkassen im Gespräch. Aber das gestalte sich schwierig, so Wolf: „Für Projekte, die neue Wege gehen, gibt es kaum Finanztöpfe.“

Preis gewonnen

Ganz hoffnungslos aber sieht es nicht aus. Denn „pflegen-und-leben.de“ gewann kürzlich bei „Deutschland - Land der Ideen“, einem Wettbewerb von Bundesregierung und verschiedenen Wirtschaftunternehmen. Es darf sich nicht nur zu den „Ausgewählten Orten“ zählen, die laut Veranstalter „für den Ideenreichtum, die Leidenschaft und die Umsetzungsstärke der Menschen im Land stehen“, sondern wurde auch Bundessieger in der Kategorie Gesellschaft.

„Wir geben diese Anerkennung eins zu eins weiter an die pflegenden Angehörigen“, sagt Psychologin Wolf. Es beeindrucke sie immer wieder, was diese leisteten, Tag für Tag, und oft nicht nur für eine kurze Übergangsphase. Über Jahre hinweg ein bedürftiges Familienmitglied zu betreuen, das gehe an die Substanz. Das Fatale: Mit zunehmender Pflegezeit würden die Helfer kraftloser. Gleichzeitig müssten sie immer stärker anpacken. Denn die Pflegebedürftigen brauchen mit Fortschreiten des Gebrechens immer mehr Unterstützung.

Im Heim, aber nicht abgeschoben

Ins Heim oder nicht? Diese Frage tauche in den Beratungen immer wieder auf. Oft verbunden mit einem schlechten Gewissen. Eine Frau hatte ihrem kranken Mann versprochen: „Du wirst immer zu Hause bleiben können!“. Und war nun doch am Ende ihrer Kraft. Wolf versuchte, sie dabei zu stärken, auch für ihr eigenes Wohl zu entscheiden. Und betont: Nach dem Umzug in ein Heim kann man sich weiter um die Angehörigen kümmern. Jeden Tag hingehen, beim Anziehen helfen oder die Lieblingsmusik mitbringen. Aber man muss nicht alles übernehmen. Und es gibt Auszeiten, die in dieser Situation absolut notwendig seien, um gesund zu bleiben.

Das gilt auch für die Helfer der Helfer: die Psychologen von „pflegen-und-leben.de“. Wolf schwört auf körperliche Bewegung, um den Kopf frei zu bekommen. Sie fährt jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit, zehn Kilometer hin und zehn Kilometer zurück. „Wenn ich durch Wind und Wetter radle, fällt alles von mir ab.“ Ein Gefühl, dass sie auch Ihren Klienten wünscht – so oft wie möglich.

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Lesermeinungen

Sehr geehter Herr Schubert,
Pflegeheime versuchen einen vernüftigen Ausgleich zwischen den oft sehr unterschiedlichen Interesse der Bewohnerinnen und Bewohner und der Angehörigen zu finden und versuchen dies mit ihren eigenen Gestaltungsmöglichkeiten in Einklang zu bringen. Jede Einrichtung findet dafür unterschiedliche Lösungen, so dass es problematisch ist, Erfahrungen in einer Einrichtung auf alle diakonischen Einrichtungen zu übertragen.
Natürlich lassen sich Gründe für konkrete Entscheidungung und Vorgehensweisen der Einrichtung nur mit den zuständigen Mitarbeitenden der Einrichtung klären und dadurch vielleicht auch besser verstehen. Die verantwortlichen Mitarbeitenden der Einrichtungen sind zu einem sachlichen Gespräche an einem vereinbarten Termin sicherlich gerne bereit.

Mit freundlichen Grüßen

Manfred Carrier

Lieber Herr Schubert,
bei konkreten Beschwerden wenden Sie sich am besten direkt an die Leitung des Heimes oder, wenn vorhanden, an die dortige Beschwerdestelle In den meisten Einrichtungen gibt es auch einen Beirat der BewohnerInnen. Bundesweit vertritt die BIVA die Interessen von Heimbewohnern. (BIVA: Bundesinteressenvertretung der Nutzerinnen und Nutzer von Wohn- und Betreuungsangeboten im Alter und bei Behinderung e.V.): Unter www.biva.de (Unterpunkt: Häufige Fragen) hat sie auch zusammengestellt, worauf man bei der Auswahl eines Heimes achten sollte. Alles Gute und freundliche Grüße! Hanna Lucassen

Bin vom Inhalt des "spezial" positiv überrascht.
Hinsichtlich Demenz meiner Mutter tritt das Thema Pflege und Betreuung im Heim immer stärker in den Fokus.
Leider fallen hier diesbezügliche Einrichtungen der Diakonie nicht durch außergewöhnliche Fürsorge auf.
Hygienische Defizite bei der Warmwasserversorgung (Keimbelastungen) bleiben von Entscheidungsträgern dauerhaft unbeachtet; ebenfalls Möglichkeiten zur deutlichen Kostensenkung.
Unter verantwortlichem Umgang mit der Schöpfung verstehe ich gerade in diesem Bereich etwas anderes.
Gern freue ich mich über eine Rückantwort / Rückfrage.
Freundliche Grüße