"Ich lebte nicht zum Spaß auf der Straße"

Er schlief unter einer Brücke

Foto: Ilja Weiss

Jens, 20: Ich lebte nicht zum Spaß auf der Straße.

Tagsüber bettelte er. Jetzt will Jens (20) sein Leben endlich auf die Reihe kriegen

Als ich eineinhalb Jahre alt war, nahm mich das Jugendamt aus meiner Familie. Mein Vater schlug meine Mutter, wenn er betrunken war. Ich kam in eine Pflegefamilie. Da hatte ich ein ziemlich gutes Leben. Die Pflegeeltern hörten mir zu und kümmerten sich um mich, wenn es mir schlechtging. Meine Mutter sah ich einmal im Monat.

Aber mit 17 wollte ich dem normalen Familienleben mit meiner Mutter und meinem jüngeren Bruder noch mal eine Chance geben. Mein Vater war damals schon lange tot. Meine Pflege­eltern hielten meine Entscheidung für falsch. Trotzdem ging ich. Nach Hauptschulabschluss und Berufsfachschule zog ich ganz in die Nähe meiner Mutter, in ein betreutes Wohnprojekt in Braunschweig.

Mit dem neuen Mann meiner Mutter gab es Probleme

Mit ihr selbst hat das enge Zusammenleben ganz gut funktioniert, mit meinem Bruder sehr gut. Aber mit dem neuen Mann meiner Mutter gab es Probleme. Ich glaube, er war eifersüchtig, wenn meine Mutter mir was schenkte oder wenn ich sie mal umarmte. Wir hatten auch politisch ganz verschiedene Ansichten. Wir konnten uns aber nicht aus dem Weg gehen, da ich wegen meines Bruders oft da war. Er hat als Kind Leukämie gehabt und ist seit einer Knochenmarkspende körperbehindert und untergewichtig. Er isst ungern. Nur was ich kochte, schmeckte ihm. Also kochte ich oft für ihn. Ansonsten jobbte ich gelegentlich.

Dann wurden die Auseinandersetzungen mit dem Freund ­meiner Mutter so extrem, dass ich es dort nicht mehr aushielt. Zurück zu meinen Pflegeeltern wollte ich nicht, dafür war ich zu stolz. Also packte ich meine Sachen und trampte nach Freiburg, da kannte ich ein paar Leute. In Freiburg habe ich ein Dreivierteljahr Platte gemacht. Zusammen mit einem Kumpel schlief ich auf alten Matratzen unter einer Eisenbahnbrücke. Das ging auch im Winter ganz gut, nur abends, wenn ich in den Schlafsack kroch, dauerte es manchmal über eine Stunde, bis ich warm wurde.

Manche Menschen gingen ohne einen Blick an mir vorbei, wenn ich schnorrte

Tagsüber schnorrte ich die Leute um Kleingeld an – für Lebensmittel und für ein paar Extras wie Tabak oder mal einen Diskothekenbesuch. Manche Leute waren sehr freundlich, andere sagten, ich solle was arbeiten. Da fühlte ich mich missverstanden, weil ich ja nicht aus Spaß auf der Straße lebte, sondern weil es im Moment nicht anders ging. Außerdem ist es schwierig, einen Job zu finden, wenn man keinen festen Wohnsitz hat. Den wiederum kriegt man ohne festen Job nicht. Solche Diskussionen waren unangenehm, aber am schlimmsten war es, wenn die Leute ohne einen Blick an mir vorbeigingen. Ich weiß jetzt, wie demütigend es sein kann, wenn man zu dem Teil der Bevölkerung gehört, der sich absolut nichts leisten kann und auf die Unterstützung an­derer angewiesen ist.

Mittags ging ich in die Freiburger Straßenschule, das ist keine Schule, sondern eine Einrichtung für junge Obdachlose. Da kochte ich mir was Warmes, chattete am PC mit meinem Bruder, redete mit den Sozialarbeitern über meine Zukunft. Und jetzt geht es endlich voran: Ich habe einen Platz in einem Wohnprojekt für junge Obdachlose bekommen, für ein Jahr. Ich will die Zeit nutzen, um mein Leben noch einmal neu zu beginnen. Ich will mir später nicht sagen müssen, dass ich nichts auf die Reihe gekriegt und immer nur am unteren Rand der Gesellschaft gelebt habe.

Das hat mir gutgetan zu sehen, dass ich etwas bewirken kann

Beruflich würde ich am liebsten was mit Behinderten machen. Ich schaffe es ganz gut, vertrauensvolle Beziehungen zu Menschen aufzubauen. So wie ich meinen Bruder durch meine Kochkünste dazu gebracht habe, mehr zu essen. Das hat mir auch richtig gutgetan, zu erleben, dass ich etwas bewirken kann. Jetzt hoffe ich auf eine Praktikumsstelle, womöglich einen Ausbildungsplatz.

Vor kurzem ist meine Pflegemutter gestorben. Das hat mich ziemlich runtergezogen. Eine Zeit lang konnte ich an nichts anderes denken. Mit meinen Pflegegeschwistern treffe ich mich ab und zu, mit meiner leiblichen Mutter telefoniere ich nur. Aber den Kontakt zu meinem Bruder will ich dauerhaft halten. Ich glaube, wenn er könnte, würde er auch ausziehen.

Protokoll: Astrid Bischofberger

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