Volkswirt Karl Victor Böhmert

Wie löst man die "soziale Frage"?
Karl Victor Böhmert war Volkswirt, Journalist, Statistiker. In Dresden zeigte er, wie er die soziale Frage auch ganz praktisch zu lösen gedachte

Der 7. Dezember 1888 war für Dresden ein folgenreicher Tag. Karl ­Victor Böhmert, ein in der Stadt und im Königreich Sachsen bekannter Mann, gründete an diesem Tag den Verein Volkswohl. Wie so etwas geht, wusste er: In den Jahren zuvor hatte er einen Verein gegen Armennot und Bettelei mitgegründet, danach einen anderen gegen den Missbrauch geistiger Getränke. 

Böhmert war kein Moralist, kein Besserwisser, sondern ein im Deutschen Reich bekannter und anerkannter Nationalökonom, sozialistischen Theorien überaus abhold. Seit 13 Jahren war er Chef des Statistischen Bureaus in Sachsen und zugleich Volkswirtschaftsprofessor in Dresden, davor in Bremen kurze Zeit Syndikus der Handelskammer und Abgeordneter in der Bürgerschaft. Er arbeitete als Chefredakteur und Herausgeber von Wirtschaftsblättern und als Hochschullehrer in Zürich. Doch die Jahre in Dresden wurden seine produktivste Zeit.

Der Verein "Volkswohl" - ein Sammelpunkt für Arm und Reich

Sein Sozialengagement gehörte wie selbstverständlich zu seinem akademi­schen Leben. Weil er mit seiner ganzen Person dahinterstand und die Zeichen der Zeit richtig gedeutet hatte, wurde sein Verein Volkswohl ein großer Erfolg. Er sollte „ein Sammelpunkt werden für alle Mitbürger, arme und reiche, gelehrte und ungelehrte“. Bereits nach einem halben Jahr zählte der Verein 1200 Mitglieder, um die Jahrhundertwende waren es 6200, bis zu Böhmerts Ausscheiden als Vorstandsmitglied 1910 war die Zahl auf 8500 gestiegen, im Inflationsjahr 1923 sollten es fast 20 000 sein.

Volksheime entstanden, Erwachsene hörten Vorträge, lernten Sprachen oder Stenografie, liehen sich Bücher aus. Kinder spielten unter Aufsicht im Garten und machten „Heidefahrten“ (allein im Jahr 1894 waren es 12 000), ältere Schüler Ausflüge ins Umland. Dresdner erholten sich im neu angelegten „Volkspark“, besuchten eigene Theateraufführungen.

Seine Analysen waren keine Kopfgeburten, sondern penibel statistisch untermauert

Es ist dieser Brückenschlag zwischen volkswirtschaftlicher Theorie und praktischer Sozialarbeit, der Karl Victor Böhmert auszeichnet. Es gab in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zwar überall Debatten über die soziale Frage und über Nutzen und Gefahren freier Märkte. Doch Böhmerts Analysen zum Armenwesen waren keine Kopfgeburten, sondern penibel statistisch untermauert. Er hatte die sozialen Verhältnisse in 77 deutschen Städten untersucht und konnte Punkt für Punkt belegen, dass mehr Frauen als Männer auf Hilfe angewiesen waren. Er erkannte, wie unterschiedlich groß die Zahl der Hilfs­bedürftigen je nach Region war. Für ihn ergaben sich daraus keine neuen Theorien, sondern handfeste Forderungen: die flächendeckende und zielgerichtete Armenpflege, aber als Hilfe zur Selbsthilfe: Arbeit statt Almosen. Seine gesellschaftlichen Leitbilder, auch für die Ärmsten: Freiheit und Selbstständigkeit.

Eine der wichtigstens Personen des liberalen Protestantismus, der sich frühzeitig mit der sozialen Frage befasste

Staatlichen Zwang zur Lösung der sozialen Frage lehnte er entschieden ab. Das staat­liche Wohlfahrtssystem, so schien ihm und so erklärte er, korrumpiere die armen Leute und mache sie von den oberen Schichten zusätzlich abhängig. 

Böhmert, Sohn eines evangelischen Pfarrers, der ihn bis zum 13. Lebensjahr selbst unterrichtet hatte, gilt als eine der wichtigsten Persönlichkeiten des liberalen Protestantismus, die sich frühzeitig mit der sozialen Frage auseinandergesetzt haben. In einem Grund­lagenpapier für den 6. Protestantentag 1872 in Osnabrück und in einem Vortrag für den 8. Protestantentag in Wiesbaden zwei Jahre später votierte er dafür, die soziale Frage nicht durch staatlichen Zwang zu lösen. „Die Kirche hat im Gegensatz zu den socialistischen Lehren den Grundsatz zu betonen, dass jeder erwachsene handlungsfähige Mensch für seine Wohlfahrt selbst verantwortlich sei und die Verbesserung der socialen Zustände mit der Arbeit an sich selbst beginnen müsse . . . Sie hat sowohl Arbeitgeber als Arbeitnehmer mit dem Bewusstsein zu erfüllen, dass sie als Gehilfen und Mitarbeiter an einem gemeinsamen Werke sich gegenseitig dienen sollen.“ Böhmert plädiert deshalb – wieder nach fleißiger Datensammlung – für eine Gewinnbeteiligung der Arbeitnehmer. Sie könne, so schrieb er, „versöhnend und anspornend auf weite Volkskreise einwirken“. Sein Lebensprogramm.

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